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So sieht nach Ansicht vieler die Zukunft des Deutschraps aus: Haiyti.
So sieht nach Ansicht vieler die Zukunft des Deutschraps aus: Haiyti.(Foto: Tim Brüning)
Freitag, 12. Januar 2018

Gangsterpop mit Haiyti: "Ich lass' Leichen sprechen!"

Dass sich Feuilletonisten von Auto-Tune um den Finger wickeln lassen, ist ein Novum. Haiyti macht's möglich. In Gangsterpose mit Affinität zum Pop mischt die Hamburgerin die Deutschrap-Szene auf. Musik macht sie schon lange, jetzt erscheint mit "Montenegro Zero" ihr erstes Album bei einem Major-Label. Wird auch langsam Zeit, dass der Mainstream Wind von ihr bekommt, findet Haiyti. n-tv.de erzählt sie, wann sie sich auch mal asozial verhält und wieso sie sich mit Frauen schwertut.

n-tv.de: Eingeweihte kennen dich, deine Songs und deine Videos aus dem Internet. Mit dem neuen Album "Montenegro Zero" soll der Sprung zum Mainstream gelingen. Bevor es so weit ist, nochmal zurück: Wie ging's los mit der Musik?

Haiyti: Oh scheiße, ich glaube, ich bin nicht mehr in der Lage, das zu erzählen. Ehrlich gesagt, gibt es da schon ganz viele Interviews. (kichert) Das war wie bei den meisten Rappern. Das fängt doch immer in der Schulzeit an, oder? Dann sind da ein paar Gangster auf der Schule, paar Leute, die sich wie Tupac verkleiden. Du hörst selber Rap, dann rappst du's nach. Dann schreibst du selber Texte und es schaukelt sich immer weiter hoch.

Wie warst du denn als Jugendliche?

Ich bin immer alleine mit dem BMX überall hingefahren. Hab hier mal jemanden besucht, da mal jemanden besucht. Ich habe mein eigenes Ding gemacht, hatte verschiedene Freundeskreise, die sich untereinander nicht kannten. So ist es heute eigentlich auch noch. Ich hab schon immer meine eigene Welt gehabt.

Und wie wurde aus der rappenden BMX-Fahrerin die Musikerin Haiyti?

Wichtig waren zwei Aspekte: Musik machen und bekannt werden. Ich wusste, ich bin Rapperin. Ich kann gut rappen, ich kann besser rappen als die Jungs um mich rum. Mein erstes Album ist gefloppt. Das ist mir aber scheißegal. Das erste erfolgreiche Mixtape war "City Tarif". Und das war deswegen so erfolgreich, weil ich's umsonst rausgehauen habe.

Umsonst ist "Montenegro Zero" nicht …

Nee, ich verkaufe nur noch. Youtube ist ja umsonst. Und Spotify mittlerweile auch fast. Insofern …

Dein Stil wird als neu und besonders gefeiert. Wie wichtig sind dir gute Kritiken?

Ich hab mich weder im Radio gehört, noch habe ich 'ne Zeitschrift mit mir drauf am Kiosk gesehen. (betont jedes Wort) Ich krieg das nicht mit. Dass mein Stil eigen ist, könnte natürlich auch ein Nachteil sein. Darauf kommen die Leute ja gar nicht. Würde ich einen Standard-Rapsong machen und darüber rappen, wo ich herkomme, würde es vielleicht noch besser ankommen. So ein typischer Street-Text eben. Vielleicht sollte ich das mal machen. Ich habe viel weniger Klicks als meine Kollegen.

Du wurdest mit Nina Hagen und mit Falco verglichen. Was hältst du davon?

Natürlich würde ich lieber mit Gucci Mane oder La Chat verglichen werden, aber die kennen die Leute nicht. Die Generation, die mich mit Nina Hagen und Falco vergleicht, kennt halt nur die. Aber vielleicht benutze ich meine Stimme so ähnlich wie Falko. Das wurde mir mal gesagt und das kann ich ein bisschen nachvollziehen.

Deine Fans sind von dir einen hohen Output gewöhnt. Kommst du da noch hinterher?

Wer im Rampenlicht steht, muss aufpassen, was er sagt, sagt Haiyti.
Wer im Rampenlicht steht, muss aufpassen, was er sagt, sagt Haiyti.(Foto: Tim Brüning)

Es ist, wie es ist. Heute höre ich mir die Songs an, bevor ich sie rausbringe. Das habe ich früher nicht gemacht. Ich habe mich entwickelt. Jetzt kommen dazu die Fragen von den Reportern, aber ich bin schon wieder zwei Jahre weiter! Ich release nicht mehr schnell. Natürlich würde ich gern schon wieder ein Mixtape machen. Man muss damit aber aufpassen. Durch mehr Reichweite wirst du vorsichtiger.

Auch eitler?

Nee. Ich habe schon Ärger, weil ich irgendwas mit "homo" gesagt habe. Früher hat da keiner drauf geachtet. Sage ich das jetzt, bin ich homophob. Wenn man Ansehen hat und berühmt ist, warten die Leute darauf, dass man einen Fehler macht. Ich bin nicht schwulenfeindlich. Ich labere halt dieses und jenes - nur plötzlich hören die Leute zu!

Musstest du dir einen Filter antrainieren?

Ja, und das ist so schade. Wieso kann man das nicht einfach sagen? Das gehört mit zum Rap. Ob ich jetzt homophob bin … (verdreht die Augen) Das ist ja Schwachsinn! Es gibt Rapper, die homophob sind. Aber ich nicht.

Gangster-Rapper müssen ja immer beweisen, dass sie Gangster sind. Wie ist das bei dir?

Ich lass' Leichen sprechen! (lacht) Ich würde sagen, ich mache das einfach auch. Nicht in jedem Song, aber ich finde, ich kann durchaus mithalten. Style ist alles.

Viele haben dir schon unterstellt, deine Musik samt Inszenierung sei in Wahrheit künstlerische Pose.

Das ist ja der Trick bei der Sache! Für die Leute, denen meine Musik zu hart ist, ist sie ironisch. Und für die Leute, die wissen, wovon ich rede, ist das nicht ironisch. Das ist die Kunst.

Du bist nicht nur Rapperin, sondern auch Kunststudentin. Im Rahmen einer Ausstellung hast du mal tätowiert, stimmt's?

Ja, das mache ich auch noch - just for fun. (grinst) Ich find meine Tattoos sooo schön. Wenn ich andere Tattoos sehe, finde ich meine tausendmal besser. Das ist der einzige Grund, warum ich mich überhaupt traue, mich auf jemandem zu verewigen.

Was ist das beste Tattoo, das du bisher gestochen hast?

"Future Déjà vu" mit zwei Sektgläsern. Ich weiß gar nicht mehr, was das für ein Typ war. Der kam aus Leipzig oder so. Und das allererste Tatto habe ich einem von 187 (187 Strassenbande, eine Hamburger Rap-Gruppe; Anm. d. Red.) gemacht.

Wie überschneidet sich die Bühnenfigur Haiyti mit deiner privaten Person?

Das versuche ich bis heute, zu trennen, aber es klappt nicht. Wenn mich Leute mit meinem Vornamen anschreiben, lese ich die Mail gar nicht erst. Ich bin Künstlerin und in der Rolle nicht per Du mit den Leuten. Ich kenne die überhaupt nicht! Privat bin ich dann manchmal asozial. Natürlich kann ich auch lieb sein, aber wenn ich jemanden nicht mag, zeige ich es auch. Ich sage schon mal einfach: "Verpiss dich!" Haiyti kann das gar nicht machen, Haiyti ist professionell. (lacht)

Wie hat sich dein Leben verändert, seit das mit der Musik immer besser läuft? Wohnst du immer noch ohne Heizung?

Ich bin umgezogen, weg aus St. Pauli. Da wurde es mir ein bisschen zu eng. Jetzt habe ich sogar … Wie heißt dieser Herd? Induktionsherd! Ich bin jetzt ganz oben im Game.

Klingt solide. Aber was war falsch an St. Pauli?

Weil ihr Hamburg zu eng geworden ist, will Haiyti nach New York.
Weil ihr Hamburg zu eng geworden ist, will Haiyti nach New York.(Foto: Tim Brüning)

Ach, eigentlich muss ich ganz aus Hamburg wegziehen. Wenn man schon immer in Hamburg gelebt hat und niemals wo anders, muss man irgendwann raus. Die Partys sind nicht mehr so wie früher, die Leute sind nicht mehr so wie früher, die Straßen sind nicht mehr so wie früher. Ganz schlimm ist es, wenn Kamerateams kommen und ich denen Hamburg zeigen soll. Ich weiß einfach nicht, wo ich mit ihnen hingehen soll. Ich hab keine Hotspots. Ich kaufe ein wie jeder andere normale Mensch auch. Und dann gehe ich mal in 'ne Bar. Aber ich habe keine bestimmten Orte mehr, die mir wichtig sind. Als Jugendliche bin ich immer in den Hafenklang oder ins Planet Subotnik gegangen. Die Zeit ist vorbei. Ich gehe nicht mehr in die Uni. Ich habe keinen Sportverein, und auch kein Atelier mehr. Ich habe mit Hamburg abgeschlossen.

Und wo geht's als nächstes hin?

Eigentlich müsste ich jetzt nach New York. Ich hab das Gefühl, da wäre ich richtig.

Verlässt du dich oft auf deinen Instinkt?

Ja, nur. Ich denke überhaupt nicht nach. Gar nicht.

Ist das mutig, dumm oder effizient?

Das ist faul! Auf dem Hinweg hierher hätte ich mir Gedanken machen können, was ich heute für Interviews habe. Wusste ich nämlich nicht. Ich wusste nur: Diesen Zug soll ich nehmen. Und dann bin ich da eingestiegen. Ich mache mir keine Gedanken, welche Zeitschriften ich während der Fahrt lese, ich mache mir keine Gedanken darüber, was ich in den Interviews sage und auch nicht darüber, dass ich gestern was getrunken hab. Ist vielleicht dumm. Aber ich kann mich einfach nicht zusammenreißen. Und ich will das auch nicht als Job sehen. Es soll Spaß bringen! Natürlich hab ich gerade keinen Bock, in Berlin zu sein. Ich wäre gestern so gerne noch länger geblieben.

So ein Album will eben promotet werden.

Stimmt. Ich muss jetzt beweisen, dass ich auch Mainstream kann. Dafür ist "Montenegro Zero" gebaut worden. Ich habe mich nicht verändert. Nur die Qualität ist jetzt so gut, dass sie im Mainstream mithalten kann. Das Album wird zeigen: Steht mir die Welt offen? Ja oder nein?

Viele Künstler wollen sich vom Mainstream absetzen. Dabei ist es doch eigentlich der Ort …

… an dem jeder sein will! Ich mache da kein Geheimnis draus. "Montenegro Zero" ist ein sauberes Album geworden - ungezwungen allerdings. Es gibt auch Alben, da hört man, dass es um Geld geht. So ist dieses Album nicht. Es ist eine Herzensangelegenheit.

Und trotzdem smart gemacht.

Smarte Herzensangelegenheit! (pausiert kurz und grinst dann) Wie ein perfekter Boyfriend!

Formulierst du dir in Sachen Erfolg konkrete Ziele?

"Montenegro Zero" ist Haiytis erstes Album bei einem Major-Label.
"Montenegro Zero" ist Haiytis erstes Album bei einem Major-Label.(Foto: Universal Music)

Nö. Ich bin die letzten zwei Jahre so enttäuscht worden. Ich finde, ich hätte schon einen Preis für Popkultur kriegen müssen! Wieso habe ich den nicht schon vor zwei Jahren bekommen? Ich war schon bereit! Es regt mich auf, dass die Welt immer so lange braucht, um's zu schnallen.

Bei Rapperinnen wird in der Rezeption häufig das Geschlecht zum Thema. Bei dir nicht. Wie erklärst du dir das?

Naja, man kann die Presse ja lenken. Vieles kann man nicht lenken. Man kann sich seine Fans nicht aussuchen. Man kann keinen Song komponieren, der garantiert zum Hit wird. Aber die Fragen der Journalisten kann man schon beeinflussen. (lacht) Es braucht nur einen guten Pressetext.

Du hast mal gesagt, Mädchen seien langweilig. Wie kommst du denn darauf?

Ich bin einfach irgendwie wie ein Junge. Ich habe immer andere Interessen gehabt. Deswegen sind meine besten Freunde Typen. Welches Mädchen holt dich denn ab und geht dann zum Thaiboxen? Welches Mädchen holt dich ab und malt 'nen Zug mit dir? Das sind wenige. Es gibt sie, aber oft ist das für die auch eine Phase. Außerdem komme ich bei Freunden mit einem Kumpelverhältnis am besten aus. Und du hast mit Mädchen kein Kumpelverhältnis. Ich hab immer Probleme mit Frauen.

Inwiefern?

Wenn ich zum Beispiel eine Verabredung absage, ist das einem Typen halt egal. Man verabredet sich eben ein anderes Mal. Für eine Frau ist das dann immer gleich super wichtig. Die ist dann sauer und verabredet sich nicht mehr mit dir. Ich habe keinen Bock auf dieses Gezicke. Das gilt jetzt natürlich nicht für alle Frauen, aber meistens sind sie zickig. Wenn sie nicht zickig sind, sind das erfolgreiche Frauen, die das Konkurrenzding fahren. Oder sie sind tatsächlich nett - und dann kann man nicht anecken. Das alles gibt es bei Männern auch, aber die sind irgendwie alle gechillter und lässiger drauf.

Würdest du sagen, dass du Extreme lebst?

Geht so. Ich glaube, das Schlimmste habe ich hinter mir. Wobei gerade ein bisschen dramatisch wird. Man sagt Riesenshows zu oder ab. Und die Skandale werden größer! Ich hab keinen Bock so eine Skandalnudel zu sein. Aber ich lasse halt nicht alles mit mir machen.

Früher hast du mehr von Drogen gesungen. Wo ist denn das ganze Speed in deinen Songs geblieben?

Das hat der Mainstream verschluckt. (grinst) Außerdem habe ich das oft genug gemacht. Man entwickelt sich weiter. Jetzt reden auf einmal alle über Xanax, Speed und so. Ich hab die Phase schon hinter mir. Ich bin einfach immer ein paar Schritte voraus.

Mit Haiyti sprach Anna Meinecke.

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Quelle: n-tv.de