Musik

Monster, Väter, Blutgruppen "Schenk doch ein James-Blunt-Album"

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"Once Upon A Mind" heißt das neue Album.

(Foto: imago images/POP-EYE)

Nachdem James Blunt mit "Champions" einen äußerst berührenden Track enthüllt hatte, und inzwischen auch "Monsters", die vierte Auskopplung und noch berührender, erschienen ist, kommt nun endlich sein sechstes Studioalbum. "Once Upon A Mind" ist das bisher persönlichste Album des Briten und befasst sich Song für Song mit den Erfahrungen, die er im Leben gesammelt hat. So findet sich James Blunt beispielsweise im Video zu "Cold" genau dort wieder, wo er mit "You're Beautiful" startete. Das Album ist wie eine Reise, die uns einen inzwischen viel erfahreneren James Blunt zeigt. Mit n-tv.de spricht der Superstar über Liebe, Monster, Väter und Blutgruppen.

n-tv.de: In Ihrem neuen Album geht es um den Zirkel des Lebens …

James Blunt: Ja, auf vielfältige Art und Weise (lacht). Ich war ein junger Mann bei meinem ersten Album, ich war sehr auf mich selbst konzentriert, und habe Songs für mich selbst geschrieben, mich immer nur gefragt, wo denn mein Platz auf dieser Welt ist. Und dann habe ich mich die Klippe runtergeschmissen in dem Video zu "You're Beautiful" und der große Erfolg kam. Danach war nichts mehr wie vorher, vor allem haben mich die Menschen vollkommen anders behandelt als früher. Es gab Erwartungshaltungen. Wenn ich Songs schreibe, dann weiß ich, dass das Publikum bestimmte Erwartungen hat. Manchmal hatte ich in den letzten Jahren sogar das Gefühl, dass das Publikum mit mir im Raum sitzt. Das hat mich vielleicht ein bisschen unehrlich beim Schreiben gemacht. Ich muss gestehen, dass ich damit etwas gehadert habe. Aber jetzt, sechs Alben später, sind so viele Dinge passiert, die viel wichtiger sind, als Alben zu produzieren, und deswegen klettere ich nun wieder zurück an den Strand (lacht).

Was ist das, das Wichtigere in Ihrem Leben?

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Mit seiner Frau, Sophia Wellesley, bei Ellie Gouldings Hochzeit.

(Foto: imago images / i Images)

Zum Beispiel zu beobachten, wie es meinem Vater immer schlechter geht. Das beschäftigt mich durchweg. Außerdem habe ich eine Familie, das ist der größte Unterschied zu früher. Diese beiden Tatsachen machen mir den Kreis des Lebens besonders deutlich: Die einen werden schwächer, die anderen werden geboren. Und meine Songs sind auch für meine Liebesten, nicht mehr nur für mich, das ist auch ein wichtiger Unterschied.

Erstaunlich ist doch, dass Sie all Ihre Sachen wiederfinden,  wenn Sie da im Video aus dem Meer krabbeln …

(lacht) Ja, das ist wirklich gut! Das macht es leichter, nach Hause zu finden.

Nummer sechs ist Ihr ehrlichstes Album, sagen Sie, und dass Sie früher zu sehr auf sich selbst konzentriert waren. Das empfinde ich gar nicht so …

Vielleicht bin ich da ein bisschen zu streng mit mir selbst, ich meinte ja auch nicht, dass ich rein egoistisch war …

Das kann auch gar nicht sein, denn diese Songs haben so vielen Millionen Menschen etwas gegeben, das ist ja heute noch so …

Danke. Ich meinte eher, dass ich es jetzt liebe, für andere zu schreiben, ohne dass ich das Gefühl habe, ich muss das und das liefern. Es passiert einfach so. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Auf "Back to Bedlem" ging es darum, sich im Kopf eingesperrt zu fühlen. Und in einem Kopf kann es ganz schön einsam sein. Mein zweites Album war auch irgendwie düster, ich hatte mich über den Winter verschanzt und war isoliert. Dann dachte ich darüber nach, welche Songs die Leute gerne von mir hören würden - und ich mag meine Fans natürlich - also wollte ich ihnen etwas Fröhlicheres schenken. Dann habe ich elektronische Musik gemacht und Kollaborationen mit anderen Kollegen, zum Beispiel mit Robin Schulz, und das war auch ein großes Vergnügen, mit den anderen zusammen zu arbeiten.

Oder auch mit Ed Sheeran, …

Ed Sheeran & James Blunt

Beste Freunde: Ed Sheeran & James Blunt.

(Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

… ja. Es war mir ein Fest, mit ihm zusammen zu arbeiten, wirklich! Aber das jetzige Album bedeutet mir am aller-allermeisten. Weil ich es für die Menschen ist, die mir am meisten bedeuten. "Monsters" zum Beispiel, der Song für meinen Vater.

Herzzerreißend schön …

"Monsters" ist das Lied für meinen Vater, weil ich ihn als Kind vergöttert habe, weil er mein bester Freund im Erwachsenenleben war. Und jetzt braucht er dringend eine Spenderniere.

"Monsters" ist minimal und schlicht. Eine herzzerreißende Ode eines Sohnes an seinen Vater - das rührt selbst die Coolsten zu Tränen.

Diesen Song konnte ich gar nicht anders schreiben (lächelt).

Fühlen Sie sich manchmal falsch bewertet, in einer falschen Schublade? Sie sind sehr offen …

Jeder Musiker wird bewertet, damit muss man klarkommen. Wenn man auf einer Bühne steht, ist man quasi nackt. Man zeigt sich den Leuten, und zwar ohne Angst. Mir geht das jedenfalls so. Ich lege meinem Publikum mein Herz zu Füßen. Und bis jetzt habe ich noch nie das Gefühl gehabt, dass das missbraucht wurde. Im Gegenteil - meine Belohnung dafür ist, dass mir die Menschen sagen, dass es ihnen ähnlich geht und dass sie sich in meinen Songs wieder erkennen können. Das ist eine großartige Verbindung mit Menschen, die man da herstellen kann. Heute läuft so vieles darauf hinaus, dass eine Spaltung der Gesellschaft hervorgerufen werden soll. Musik kann das verhindern.

Musik kann die Welt wirklich besser machen?

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Ich glaube daran, solange die Musik ehrlich ist, das ist mir wichtig. Es soll auch Spaß machen, aber wenn ich einen Song für meinen Vater singe, dann ist das nicht lustig, denn die Lage ist so verdammt ernst. Wir lieben uns. Und gleichzeitig müssen wir uns das aber nicht andauernd sagen. Ich sitze ja nicht mit meinem Vater zusammen und sagen: "Dad, ich liebe dich so sehr." Und er dann: "Sohn, ich liebe dich auch so sehr." Das machen wir nicht (lacht). Aber mit einem Song kann ich ausdrücken, was ich dem Mann, der sich auf den letzten Metern seines Lebensweges befindet, verdanke, was ich für ihn empfinde. Es war jetzt einfach an der Zeit.

Und was hat er zu "Monsters" gesagt?

"So true". Er ist jetzt 73, das ist nicht so besonders alt. Er braucht eine Niere, und wenn ich schon mal dabei bin: Seine Blutgruppe ist 0 positiv. Welche Blutgruppe haben Sie (lacht)?

Ich müsste auf meinem Blutspendeausweis nachgucken ...

Oh ja, bitte! Finden Sie nicht, dass man die Dinge viel klarer sieht, wenn man Kinder hat? Haben Sie Kinder?

Ja, zwei …

Dann wissen Sie, was ich meine. Nämlich, dass man das, was die eigenen Eltern für einen getan haben, viel besser schätzen kann.

Ja, ich habe mich auch schon bedankt und auch entschuldigt für den ganzen Mist, den ich verzapft habe. Früher …

(lacht) Das mache ich jetzt mit dem Album. Mein Vater war lange mein Held, aber ich wollte ihm das auch mal sagen, vielleicht hat er es damals ja gar nicht gemerkt, dass es so war. Ich habe ihn geradezu idealisiert. Wenn man älter wird, weiß man allerdings auch, was die Eltern alles falsch gemacht haben. Aber man liebt sie natürlich weiter, denn sie haben ihr Bestes gegeben. Der schönste Moment im Leben von Eltern und Kindern ist der, in dem sie auf der gleichen Stufe stehen. Und dann werden die Eltern älter und die Rollen vertauschen sich. Plötzlich bringst du deine Eltern ins Bett und machst ihnen Essen … und du bist derjenige, der die Monster vertreibt! 

Jeder macht die meisten Dinge zum ersten Mal. Man hat nicht immer Erfahrung, das macht uns alle zu ewigen Anfängern.

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Er ist nicht nur Schmusebarde!!

(Foto: imago images/Agencia EFE)

Exakt. Man entdeckt, dass man vielleicht oftmals etwas zu viel von seinen Eltern erwartet hat.

Worauf hören Sie eher - auf Ihr Herz oder Ihren Kopf?

Als Musiker höre ich eher auf mein Herz, das geht gar nicht anders. Man könnte es vielleicht auch Instinkt nennen.

Was macht der Ruhm mit Ihnen?

Der macht mich manchmal ganz schön verrückt (lacht). Ich frage mich dann immer, warum werden Ärzte nicht so verehrt wie Popstars, oder Kindergärtner? Das macht alles gar keinen Sinn. Ich frage mich oft, was die anderen von mir wollen, denn was habe ich schon zu sagen? Wie kann ich helfen? Warum werde ausgerechnet ich auf einen solchen Sockel gestellt, dass die Leute glauben, was ich sage?

Weil sie glauben, was Sie singen, denke ich. Das hat mit Aufrichtigkeit zu tun.

Ja, ich verstehe, aber ich rette nicht direkt Leben.

Das wissen Sie ja gar nicht.

Ja, wie gesagt, Musik verbindet, das kann helfen, wir als menschliche Wesen haben die Möglichkeit, ähnlich zu fühlen und mit anderen gleich zu fühlen. Mich interessieren Chartplätze nicht mehr wirklich, und ich bitte auch niemanden meine Songs zu mögen.

Gerade deswegen mag man Sie wahrscheinlich noch mehr … Haben Sie manchmal das Gefühl, in einer Schublade zu stecken?

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Da ist ein "Creep" in ihm? Schwer vorstellbar.

(Foto: imago images / PA Images)

Oh ja (lacht), deswegen twitter' ich übrigens sehr gerne, da kann ich kurz und knapp sagen, was ich wirklich denke. Man hat aus mir schon so einen bisschen den Schnulzen-Heini gemacht: "Noch kein Geschenk zum Valentinstag? Dann schenk doch ein James-Blunt-Album!" "Blunt? Das ist doch dieser Mädchen-Sänger" (lacht) … Hey, ich habe Songs über den Krieg geschrieben, ich war in der Army, ich habe Songs über Gewalt, Drogenabhängigkeit, Selbstmorde, Einsamkeit und Isolation geschrieben und stimmt: Ich habe auch "You're Beautiful" geschrieben.

Und "Goodbye My Lover" …

Ja, aber da geht es nicht um Romantik, sondern eine irgendwie kranke Beziehung: Da geht es um einen Typen, der total high ist und die Freundin eines anderen in der U-Bahn stalkt (lacht). Das ist nicht romantisch, das ist irre. Da geht es um einen Creep - auch um den Creep in mir.

Wunderbarer Song von Radiohead … Zurück zu James Blunt: Im Video sind Sie es, der den Berg hochklettert, kein Stuntman, oder?

Nein, das bin ich.

Sie sind fit!

Ja, aber nicht übertrieben, ich esse auch Burger und anderes Junk Food. Aber ich bewege mich gerne. Was ich nicht mache, ist, anderen zu sagen, was sie tun sollten.

Was hat sich geändert, seit Sie Vater sind?

Dass ich viel lieber zu Hause bin als unterwegs (lacht). Ich war immer gern unterwegs. Tatsächlich habe ich mein Zuhause mit sieben Jahren verlassen, ich kenne das nicht anders, als unterwegs zu sein. Meine Eltern waren in Deutschland, da war mein Vater stationiert, und ich bin in England auf ein Internat gegangen. Jetzt als Vater möchte ich viel mehr Zeit mit meiner Familie verbringen, ist ja klar.

Spielt der Tod eine große Rolle in Ihrem Leben?

Der Tod spielt die größte Rolle im Leben aller Menschen. Aber ich verstehe schon, was Sie meinen, ich habe diese dunkle Seite … Wissen Sie, auch wenn ich sehr traurig bin über den Zustand meines Vaters - es ist das Leben. So ist es einfach. Keine Tragödie, keine Komödie - einfach das Leben. Wenn man vom Land kommt so wie ich, dann ist es vielleicht auch mehr Teil des Lebens, als wenn man in der Stadt lebt. Ich habe Respekt vor dem Leben, aber wenn ich ein Huhn essen will, dann muss ich es nun mal töten. So ist das (lacht).

Sie singen in "1973" über Ihren Lieblingsklub auf Ibiza, das "Pacha" - nicht auf diesem Album, schon klar …

Ja, aber ich liebe diesen Song noch immer, Sie anscheinend auch. Ibiza war für mich immer eine Flucht. Dort konnte alles passieren, es war wie eine andere Welt, soziale Normen waren außer Kraft gesetzt. Aber diese Zeit ist vorbei. Vorerst (lacht). Ich bin gerne im Hier und Jetzt.

Mit James Blunt sprach Sabine Oelmann

Quelle: n-tv.de

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