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California Dreaming Thomas Dybdahl, der gutgelaunte Melancholiker

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Melancholisch, trotzdem sunny side up: Thomas Dybdahl.

(Foto: Jean-Baptiste Mondino)

Von sozialen Netzwerken über Online-Banking bis zum Supermarkt-Einkauf - ein Großteil unseres Lebens, sie merken es gerade selbst, spielt sich im Internet ab. "Man kann praktisch leben, ohne das Haus verlassen zu müssen, weil man alles online erledigen kann. Wer keine Lust hat, Leute zu treffen, muss das auch nicht", sagt der norwegische Songwriter Thomas Dybdahl. "Unterbewusst ist mein neues Album vielleicht eine Art
Gegenentwurf dazu: Ich wollte unbedingt mit anderen Musikern arbeiten und gemeinsam spielen." Das Ergebnis ist Dybdahls achtes Album "All These Things": Eine Singer-Songwriter-Platte, bei der er voll und ganz auf seine Intuition hörte, statt die Dinge zu überdenken. Und sich daher in ein Studio fern der Heimat begab, in Los Angeles. Das hat ihn sehr sehr glücklich gemacht. Die Frage, was ihn noch glücklich macht, ist für Dybdahl schnell beantwortet: "Vater zu sein ist für mich das größte Glück. Man hat so viel bedingungslose Liebe für diese Person, dass es sich fast überwältigend und unerträglich anfühlt. Ich empfinde es aber auch als großes Glück, dass meine Arbeit mir so viel Spaß macht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie mich rettet, wenn ich an einen schlechten Punkt komme." Da gehen wir doch mal näher drauf ein ...

n-tv.de: Dein letztes Album kam recht schnell nach dem davor heraus - das ist jetzt zwar auch schon eine Weile her, aber warum hattest du es so eilig?

Thomas Dybdahl: Eigentlich ganz einfach. Ich hatte zu viele Songs (lacht). Es war also nur logisch, dass die auf's nächste Album müssen. Und: es waren einige darunter, die ideal als Studioversion funktionieren, aber ich hatte noch all die Songs übrig, die für mich so klangen, als sollte man sie live einspielen. Und ich wusste, dass ich viel zu tun haben würde, weil ich Filmmusik komponiert habe. Es war alles eine reine Frage des Timings. Ich wollte mich auch ein bisschen unter Druck setzen, weil ich ganz gerne denke: Ach, da bin ich noch nicht fertig und da könnte ich auch noch was verbessern …

Es klingt alles sehr relaxt, gar nicht nach Druck.

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Ja, das ist gut, wir wollten auch nicht hetzen oder so, es sollte eher so oldschool klingen. Meine Musiker sind dermaßen gut, dass ich mir nie Sorgen mache, etwas könnte sich nicht so anhören, wie es gedacht war. Ich kenne die auch alle schon so lange. Aber - ich hatte auch eine Wunschliste, mit wem ich zusammen arbeiten wollte. Und ich muss gestehen - ich hatte immer im Hinterkopf, dass ich vielleicht nie wieder die Gelegenheit haben würde, so ein Album zu machen. Ist ja nicht billig gewesen … (lacht)

Du warst in Los Angeles …

Ja, und dieses Studio dort hat so eine unglaublich beeindruckende Geschichte. Das hat mich schon beeindruckt, aber auch angetrieben. Es ist leicht, etwas in gewohnter Umgebung zu machen, ein Album im eigenen Schlafzimmer aufzunehmen, aber in einem Studio, in dem schon diverse Größen aufgenommen haben, ist nochmal was anderes. Ich wollte aber dringend eine Veränderung.

Klingt etwas selbst-zweiflerisch …

Naja, ich betrachte mich ja ehrlich gesagt selbst auch immer eher als Gitarristen. Nicht so sehr als Sänger. So habe ich angefangen und das habe ich auch zehn Jahre lang gemacht, bevor ich anfing zu singen. So zweifle ich eben mal hier, mal da.

Seit wann spielst du Gitarre?

Mit zehn habe ich angefangen, mit 19 hatte ich eine Band. Und ein erstes Album. Mit den Quadrophonics. Die kennt man nur in Norwegen (lacht). Ich habe auch nur angefangen zu singen, weil es kein anderer gemacht hat. Es ergab sich so, umständehalber …

Was liebst du am meisten an der Musik?

Ich liebe es zu komponieren. Ich liebe es auch zu texten. Aber am meisten liebe ich es, mit anderen zu spielen. Im Studio oder live.

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Wo Licht ist, ist auch Schatten ....

(Foto: Jean-Baptiste Mondino)

Du bist jetzt auf Tour …

Ja, mit einer neuen Band! Vorher war ich 17 Jahre lang mit meinen Musikern unterwegs, kann man sich das vorstellen? (lacht) Ich glaube, es ist gut, ab und zu mal was Neues zu wagen. Wir sind aber im Guten auseinandergegangen.

Dein Produzent Larry Klein hat über das jüngste Album gesagt, es sei "the dark side of paradise". Was meint er damit?

Naja, es ist ja allgemein bekannt, dass ich einen Hang zum Melancholischen habe, nicht ohne Ironie, aber schon melancholisch (lacht). Und wir haben quasi im Paradies, in Kalifornien, aufgenommen. Wenn dann der Norweger mit dem Faible für Dunkles kommt, dann ist das wohl die dunkle Seite des Paradieses.

Hat dein Songwriting, deine Melancholie, irgendwas mit der Zahl 40 zu tun?

(lacht) Ich werde im April 40, stimmt. Das heißt, dass ich die Hälfte meines Lebens höchstwahrscheinlich hinter mir habe. Was sollte einen daran nicht melancholisch oder nachdenklich stimmen?

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Ich sag' dazu nichts … 40 ist easy …

Ja, ich bin einfach ein bisschen nachdenklich, und erstaunt darüber, wie schnell die Zeit vergeht. Ob man nicht etwas anders machen sollte, ob man vieles - natürlich nicht alles - neu sortieren sollte. Diese Sachen weißt du? Ich bin eigentlich ein echt glücklicher Mann (lacht). Und ich erwarte auch nicht, ständig glücklich zu sein. Ich überlege nur, wie man die Dinge ändern kann, die einen unglücklich machen. Aber nochmal zu Kalifornien, speziell L.A.: Es stimmt, dass es dort immer sonnig und lustig ist, wenn man reich und - oder - berühmt ist, aber für die Menschen, für die das nicht so ist, kann das der kälteste, ätzendste, einsamste Ort der Welt sein. Das ist dann die andere Seite der Medaille. Wenn du dort lebst und kein Geld hast, bist du geliefert.

Und was fasziniert dich dann am meisten an einer Stadt wie Los Angeles?

Dass es so etwas Gefährliches hat (lacht). Klingt ein bisschen albern, aber es ist so. Es ist eine Mischung aus dem guten und dem harten Leben. Es ist nicht selbstverständlich, dass, bloß wenn du einmal in Beverly Hills angekommen bist, du dort ewig bleibst. Wenn ich aber in rein musikalischer Hinsicht an Los Angeles denke, dann sehe ich nur Sonnenschein, alles ist relaxt und lässig.

Die Lücke zwischen arm und reich klafft überall auf der Welt recht weit auf, findest du nicht?

Oh ja, das stimmt, in den meisten Großstädten ist das zu beobachten, natürlich. Viele Obdachlose, viele Bettler … In L.A. ist es nur noch viel auffälliger, weil nichts so glamourös ist wie dort, dort glitzert es eben am meisten. Dementsprechend ist der Schatten dann auch größer. Manchmal frage ich mich, wenn ich jemanden auf der Straße sehe, der zum Beispiel obdachlos ist: Was, wenn ich das wäre? Was ist passiert, dass er dort gelandet ist?

Jetzt aber zurück zur Musik …

Gute Idee. Eines noch: Das Schönste ist es, dort an der Küste mit dem Auto entlangzufahren und Musik zu hören. Der Klassiker!

Hast du dir mit Los Angeles einen Traum erfüllt?

Ja, irgendwie schon, aber mein Wunsch war es ja nie, dort zu leben, nur einmal im Studio zu sein. Ich liebe es nämlich, nach Hause zu kommen.  

Du hast irgendwann gesagt, das Album handelt von den schlechten Entscheidungen in deinem Leben - ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es davon so viele gibt …

(lacht) Geht so, als Songwriter ist man ja wie ein Schwamm. Und wenn ich Texte schreibe, heißt es ja nicht unbedingt immer, dass das alles meine Erfahrungen sind, alles meine Erlebnisse. Da habe ich auch viel von anderen aufgesaugt (lacht).

Heute muss man als Songwriter ja auch nicht mehr ständig am Abgrund leben, oder? Ist "normal" nicht das neue "interessant"? Ich meine, jeder will wissen: "Wie geht gutes Leben", und wenn ein Sänger, ein Songwriter, dazu ein paar Rezepte liefern kann, dann ist das doch mehr als hilfreich.

(lacht) Interessante Betrachtungsweise. Aber stimmt. Jeder will ein gutes Leben. Aber ich kann anderen trotzdem nicht sagen, wie sie glücklich werden können. Bloß, weil etwas bei mir funktioniert gilt das ja nicht automatisch für andere. Außerdem fände ich es langweilig, nur über mich zu singen oder zu sprechen. Ich denke mir auch gerne Dinge aus. Aber natürlich kommt die Inspiration aus einem selbst. Aus den Erfahrungen. Und auch aus der Freiheit, die ich persönlich empfinde.

Und wenn eines Tages alle Stricke reißen sollten - dann braust du einfach Bier ...

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Kann auch Bier: Thomas Dybdahl.

(Foto: Jean-Baptiste Mondino )

Ja, aber - und das ist ein großes "aber": Ich könnte auch angeln gehen und wüsste, dass ich ein besseres Essen in einem Fischrestaurant bekommen würde (lacht). Bier zu brauen ist so eine Schnapsidee gewesen, und ja, das klappt irgendwie, aber es gibt sicher bessere Biere als meins. Aber es macht Spaß, ich mach' das mit einem Freud zusammen! Wir experimentieren eine Menge.   

George Clooney ist übrigens der reichste Schauspieler der Welt …

Ja … ?

Weil er seine Tequila-Marke verkauft hat, nicht, weil er so eine toller Schauspieler ist.

Okay, du meinst, das wäre ein Plan B, wenn es mit der Musik so gar nicht geht (lacht).

Das wäre zusätzlich ja nicht verkehrt, sein Bier an eine riesige Brauerei zu verkaufen, oder?

Stimmt, aber ich kann besser singen als Bier brauen und vor allen Dingen: Ich liebe es, Musik zu machen.

Was wünschst du dir?

Dass mich jemand anruft der sagt, ich solle Filmmusik schreiben für sein Indie-Drama-Projekt, so etwas, was beim Sundance-Festival gezeigt wird. Das würde ich gerne machen. Aber dieser Anruf kommt nicht so einfach: Dafür muss man etwas tun. Gute Sachen erarbeitet man sich, so sehe ich das jedenfalls. Und am besten ist es, wenn es auch noch Spaß macht trotzdem. Das ist kein Widerspruch.

Mit Thomas Dybdahl sprach Sabine Oelmann

Tour: am 17.2. in Köln, am 19.2. in Berlin, weitere Termine in Großbritannien, Schweden und Niederlande

Quelle: n-tv.de

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