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Deutschland-Drama & Jury-Irrsinn Der ESC ist ein "Losing Game"

Beim Eurovision Song Contest setzt sich der Favorit Duncan Laurence aus den Niederlanden als Sieger durch. Doch das nur dank der klugen Zuschauer-Einsicht. Nicht das einzige Drama, das sich in Tel Aviv abspielt. Deutschland erlebt mal wieder ein Desaster.

"Loving you is a losing game" ("Dich zu lieben, ist ein Spiel für Verlierer") singt Duncan Laurence in seinem Song "Arcade". Doch am Ende steht er beim Eurovision Song Contest (ESC) in Israel nicht auf der Verliererseite, sondern ganz oben auf dem Siegertreppchen. Mit insgesamt 492 Punkten gewinnt er den Contest und holt ihn damit im kommenden Jahr in seine niederländische Heimat.

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Und das zu Recht. Nicht etwa, weil ihn die Buchmacher schon seit Wochen als den Topfavoriten bei der 64. Ausgabe des Gesangswettbewerbs gehandelt hatten. Nein, sondern weil der 25-Jährige seinen absolut schnörkellos-schönen Indie-Pop-Song auch tadellos auf die Bühne zu bringen wusste. Ein schickes Video drehen, den Gesang im Studio trimmen und den Sound von einer Horde Produzenten glattbügeln lassen, kann heutzutage nahezu jeder. Doch Laurence überzeugte auch bei seiner Live-Performance im Convention Center von Tel Aviv voll und ganz - Gänsehaut-Momente inklusive.

Die größten Verlierer sind die Jurys

Die Verlierer beim diesjährigen ESC sind andere. Und damit sind an vorderster Stelle nicht einmal die Briten oder Weißrussen gemeint, die mit insgesamt 16 beziehungsweise 31 Punkten die beiden letzten Plätze belegen. Die größten Verlierer sind die nationalen Jurys. Und das gleich in zweifacher Hinsicht.

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Die Zuschauer sahen sie vorne: KEiiNO aus Norwegen.

(Foto: REUTERS)

Einst eingeführt, um das ewige Punktegeschacher zwischen benachbarten und sich nahestehend fühlenden Ländern im Zaum zu halten, scheinen ihre politischen Scheuklappen inzwischen größer als die der Zuschauer zu sein. Egal, ob es um Zypern und Griechenland geht, die Länder Nordeuropas oder die Staaten auf dem Balkan - die angeblichen Expertengremien schieben sich hier weiter munter gegenseitig ihre jeweiligen "twelve points" zu. Dass das regelmäßig zu lauten Buhrufen in den ESC-Veranstaltungshallen führt, juckt sie offenbar nicht die Bohne. Das Spiel wird seit Jahren stoisch durchgezogen.

Beim diesjährigen Contest kommt allerdings noch erschwerend hinzu, dass die Jurys, deren Voten immerhin zur Hälfte in das Gesamtergebnis einfließen, auch noch vielfach krass am Publikumsgeschmack vorbei segelten. Ja, Duncan Laurence ist zweifelsohne ein würdiger Gewinner. Doch hätten allein die 200 Millionen Eurovisions-Fernsehzuschauer über den Sieger des ESC 2019 befunden, dann fände der nächste Contest nicht etwa in den Niederlanden, sondern in Norwegen statt. Während das TV-Publikum der norwegischen Eurodance-Kapelle KEiiNO 291 Punkte - und damit 30 mehr als Duncan Laurence - zusprach, wurde der Beitrag von den Jurys mit lediglich 47 Punkten abgestraft. In der Gesamtwertung reichte es damit für Norwegen mit insgesamt 338 Zählern gerade einmal für den fünften Platz.

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Schweden ist ja nie verkehrt, oder?

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Allenfalls Mittelmaß: John Lundvik aus Schweden.

(Foto: REUTERS)

Doch das ist nicht das einzige Beispiel für den Abstimmungs-Irrsinn, der sich in Tel Aviv Bahn brach. Am deutlichsten wurde es wohl beim Beitrag aus Schweden. Wäre es allein nach den Jurys gegangen, dann hätte das Heimatland von ABBA den Song Contest zum mittlerweile insgesamt siebten und zum dritten Mal innerhalb von sieben Jahren gewonnen. Schließlich bedachten sie John Lundviks Song "Too Late For Love" mit summa summarum 239 Punkten, während es Duncan Laurence bei ihnen auf lediglich 231 Zähler brachte.

Keine Frage, Schweden ist ein Land mit einer starken Popmusik-Tradition. Und auch der ESC-Vorentscheid in dem Land hat es in sich. Doch Lundviks Auftritt in diesem Jahr tat sich kaum aus der Mittelmäßigkeit hervor. Die Zuschauer haben das erkannt und mit ihren 93 Punkten dafür gesorgt, dass er dort landete, wo er bestenfalls hingehörte: auf dem sechsten Platz. Bei den vielleicht dann doch nicht mit ganz so viel Expertise gesegneten Jurys scheint sich dagegen die Denke verfestigt zu haben: "Ach ja, geben wir mal Schweden viele Punkte, das kann ja nicht verkehrt sein." Auch das ist seit Jahren zu beobachten.

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Das haben die S!sters nicht verdient

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Für die S!sters war es ein rabenschwarzer Abend.

(Foto: REUTERS)

Leider fällt bei dieser Betrachtungsweise auch das Ergebnis für Deutschland zappenduster aus. Dank 32 Jury-Punkten wurden unsere S!sters wenigstens noch vor Großbritannien und Weißrussland Drittletzter. Das TV-Publikum dagegen ging mit dem Song "Sister" gnadenlos ins Gericht. Dieses Novum beim ESC zu verkünden, war für Moderatorin Bar Refaeli sichtlich in etwa ebenso unangenehm, wie Mode von KiK vorzuführen: 0 Zuschauerpunkte für das deutsche Duo. Mit anderen Worten: zero points, zéro point.

Dass Deutschland nach dem vierten Platz von Michael Schulte in Lissabon im vergangenen Jahr diesmal beim ESC nicht vorne mitspielen würde, ist wenig überraschend. Das lag nicht an den zusammengecasteten und doch zu Schwestern gewordenen Carlotta und Laurita von den S!sters, sondern an ihrem schwachen Reißbrett-Song, dem von vornherein kaum Chancen eingeräumt wurden. Überraschend jedoch ist durchaus, wie sehr der deutsche Beitrag am Ende abgeschmiert ist. Selbst die ebenso musikalische wie gesangliche Vollkatastrophe "Say Na Na Na" von Serhat aus San Marino landete in der Gesamtschau noch vier Plätze davor. Das haben die S!sters nun wirklich nicht verdient.

Update: Die Europäische Rundfunkunion (EBU) korrigierte am 22. Mai das Endergebnis des ESC in Tel Aviv. Grund war ein Fehler bei den Jury-Votings. Dadurch verändert sich im Nachhinein bei einigen Ländern noch die Gesamtpunktzahl. In mehreren Fällen gibt es auch Verschiebungen bei der Platzierung.

So bringen es die Niederlande nach der Korrektur von 231 auf 297 Jury-Punkte auf insgesamt 498 statt 492 Zähler - und bleiben damit Sieger des Wettbewerbs. Auch am letzten Platz Großbritanniens (11 statt 16 Punkte insgesamt) ändert sich nichts.

Norwegen dagegen schneidet mit 40 statt 47 Punkten in der Jury-Wertung noch schlechter ab als ursprünglich gedacht und belegt mit 331 Punkten insgesamt nur noch Platz 6. Auf den fünften Platz klettert dafür Schweden. Es bekam tatsächlich 241 statt 239 Jury-Punkte und bringt es in der Summe somit auf 334 Zähler.

Deutschland wiederum erhielt laut Korrekturergebnis von den Jurys nur 24 statt 32 Punkte. Dies hat zur Folge, dass es um einen Rang auf den vorletzten Platz abrutscht, da Weißrussland mit seiner unveränderten Gesamtpunktzahl von 31 an den S!sters vorbeizieht.

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Quelle: n-tv.de

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