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Ohne Vorentscheid zum ESC "Wir haben Minderheiten angesprochen"

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Glücklich mit der Entscheidung in diesem Jahr: ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Ben Dolic fährt mit dem Song "Violent Thing" für Deutschland in diesem Jahr zum ESC. Entschieden wurde das ohne Vorentscheid, was nicht alle Fans erfreute. ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber erläutert im ntv.de Interview seine Gründe, nimmt zu Gerüchten Stellung und blickt nach vorn.

ntv.de: Der deutsche Beitrag für den Eurovision Song Contest (ESC) in diesem Jahr ist gefunden - ohne Vorentscheid, dafür nach einem langwierigen und komplizierten Auswahlprozess mit zwei Jurys. Wie glücklich und zufrieden sind Sie jetzt mit dem Ergebnis?

Thomas Schreiber: Ich persönlich bin sehr glücklich. Aber ich fand es gar nicht so kompliziert. Die 20 Experten auf der einen Seite und die 100 Juroren, die stellvertretend für die Fernsehzuschauer entschieden haben, auf der anderen Seite mussten sagen, was sie mögen und was nicht. Und sie mussten qualifizierte Kommentare dazu abgeben. Für jemanden, der sich leidenschaftlich für Musik interessiert, ist es ja eigentlich ein großes Privileg, über ein halbes Jahr hinweg immer wieder unterschiedliche Kandidaten und Songs zu bewerten und zu sehen, wie sich Songs oder Kandidaten entwickeln. Und das zu beobachten, hat großen Spaß gemacht.

Sind Sie mit dem Ergebnis in diesem Jahr glücklicher als mit manchen Ergebnissen in den vergangenen Jahren?

Ich bin glücklich mit der Entscheidung in diesem Jahr und damit, wie wir zu ihr gekommen sind.

Die Frage hat natürlich einen Hintergrund: Auf einen Vorentscheid, wie er in den vergangenen Jahren durchgeführt wurde, haben Sie diesmal verzichtet. Es heißt, mit den Vorbereitungen für die Auswahl des diesjährigen ESC-Kandidaten wurde schon im April 2019 begonnen ...

Eigentlich noch früher. Wir haben schon im März damit begonnen, intensiv darüber zu reden, was wir 2020 machen werden. Das hatte sehr viel mit den Vorentscheiden zu tun. Sie sind extrem arbeitsintensiv, aufwendig und auch teuer. Das alles fließt aber nur in eine Sendung ...

Heißt das, die Entscheidung, 2020 keinen Vorentscheid durchzuführen, fiel schon vor dem ESC-Finale in Tel Aviv und war damit unabhängig von der Platzierung der S!sters in Israel?

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Das Duo S!sters landete beim ESC in Tel Aviv auf dem vorletzten Platz.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Fragestellung stand auf jeden Fall bereits vor dem Finale im Raum. Dass der Weg der letzten Jahre nicht der allein selig machende Weg ist, war uns schon länger bewusst - unabhängig von den Resultaten. Die finale Entscheidung wurde allerdings sehr viel später auf Basis der Faktenlage, die wir dann hatten, getroffen.

Welche Fakten meinen Sie?

Ich hatte vor dem ESC in Tel Aviv schon eine Ahnung, was eines unserer Probleme sein könnte. Nach Tel Aviv haben wir das verifiziert. Wir erreichen mit dem Vorentscheid und dem ESC-Finale zwei unterschiedliche Zuschauergruppen. Das haben wir anhand der Anrufe 2019 festgestellt: von den Menschen, die beim Vorentscheid abgestimmt haben, haben nur knapp 28.000 auch beim ESC-Finale mitgemacht. Das entsprach gerade mal 6,6 Prozent. Mit anderen Worten: Fast 94 Prozent, die beim Finale in Tel Aviv abgestimmt haben, haben sich für den Vorentscheid nicht interessiert. Die Welt ist natürlich nicht schwarz-weiß. Aber wir wussten, dass dies ein Kern des Problems ist. An ihn wollten wir ran.

Was lässt sich über die unterschiedlichen Zuschauergruppen sagen?

Beim Vorentscheid wurde zu 70 Prozent mit Anrufen abgestimmt, zu 30 Prozent per SMS. Beim ESC-Finale war das Verhältnis genau andersrum. Jüngere Zuschauer neigen eher dazu, eine SMS zu senden. Das lässt den Rückschluss zu, dass das Publikum beim Vorentscheid eher älter ist. Ich weiß das auch durch die Zuschaueranalyse. Der ESC ist eine generationsübergreifende Sendung, aber das Finale ist vor allem bei den jüngeren Menschen stark. Klar, eine Meinung haben alle. Aber wichtig ist vor allem, wer anruft. Wenn wir einen Song aussuchen, müssen wir deshalb insbesondere die jungen und engagierten Menschen erreichen, die auch beim internationalen ESC-Finale mitmachen.

Der Verzicht auf den Vorentscheid hat Ihnen gleichwohl auch Kritik eingebracht. Manche ESC-Fans fühlen sich übergangen ...

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Schreiber verantwortet die deutsche ESC-Teilnahme seit vielen Jahren.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ja, den Vorwurf, dass wir den Zuschauern etwas weggenommen hätten, gibt es. Aber wenn das so viele Zuschauer gewesen wären, wäre der Vorentscheid deutlich erfolgreicher gewesen. Er war jedoch nicht relevant. In meiner Welt, in der es um Zuschauer und ihre Reaktionen geht, haben wir Minderheiten angesprochen. Außerdem haben jetzt ja auch Zuschauer entschieden: Die 100-köpfige Eurovisions-Jury wurde aus Zuschauern gebildet. Allerdings nicht aus den zufälligen Zuschauern eines Abends, sondern aus Zuschauern, die bewiesen haben, dass sie Ahnung haben.

Inwiefern?

Sie haben relativ früh, im April vor dem ESC-Finale, die Songs bekommen, die in Tel Aviv aufgeführt werden sollten. Diese haben sie in eine Reihenfolge gebracht. Nach dem Finale haben wir das mit dem Ergebnis in Tel Aviv verglichen. Wir haben geguckt, welche von den 15.000 Menschen, die mitgemacht haben, lagen mit ihrem persönlichen Voting am nächsten am Zuschauer-Voting. Die 100 besten kamen dann in die Jury.

Unmittelbar nachdem bekannt gegeben wurde, dass der ESC-Beitrag in diesem Jahr feststeht, schossen Gerüchte ins Kraut. Da kursierten etwa die Namen von Helene Fischer, dem ehemaligen "Deutschland sucht den Superstar"-Gewinner Daniel Schuhmacher oder abermals von Michael Schulte, der Deutschland 2018 beim ESC vertreten hat. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Das schreiben ja keine Journalisten, sondern Fans, die ihre persönlichen Vorlieben zum Ausdruck bringen. Zum Teil sind es auch Leute, die den ESC benutzen, um für sich selbst zu trommeln. Wir haben allen Bewerbern, die es nicht in die letzte Runde geschafft haben, bereits im November eine freundliche Absage zukommen lassen. Das hat einige aber nicht daran gehindert, bis vor Kurzem noch mit ihrer ESC-Bewerbung für sich Werbung zu machen, was ja nur ein Zeichen für die ungebrochene Zugkraft des ESC ist.

Dass Sie es geschafft haben, den tatsächlichen ESC-Kandidaten - Ben Dolic mit seinem Song "Violent Thing" - bis zur offiziellen Verkündung geheim zu halten, ist wirklich erstaunlich. Sind Sie darüber selbst baff?

Ganz sicher, ob wir das schaffen würden, war ich mir auch nicht. Aber ich habe es schon erwartet und erhofft.

Gibt es für die kommenden Jahre bereits eine Strategie, wie es mit Deutschlands ESC-Beiträgen weitergeht?

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Ben Dolic soll beim diesjährigen ESC die Kohlen für Deutschland aus dem Feuer holen.

(Foto: imago images/Andre Lenthe)

Jetzt konzentrieren wir uns auf Ben. Alles andere kommt danach.

Der ESC in Rotterdam ist der letzte Song Contest von Jon Ola Sand als Supervisor der Europäischen Rundfunkunion für die Veranstaltung. Er war in den vergangenen Jahren auch ein wichtiges Gesicht des ESC. Was bedeutet sein Abschied von der Position?

Ich glaube, für den ESC selbst ist das nicht entscheidend. Bedeutung hat es für Jon Ola. Er wird einen sehr interessanten und herausfordernden Job beim norwegischen Fernsehen NRK übernehmen. Für den ESC wird Martin Österdahl, der ein großartiger Profi ist, den Dampfer steuern. Ich bin zuversichtlich, dass er das genauso gut machen wird.

Den ESC auszurichten, bedeutet viel Arbeit, Verantwortung und auch Kosten. Mal Hand aufs Herz: Wie sehr wünschen Sie sich persönlich, ihn wieder nach Deutschland zu holen?

Ich wünsche mir vor allen Dingen immer, dass wir einen Platz in den Top Ten kriegen. Auch jetzt in Rotterdam.

Mit Thomas Schreiber sprach Volker Probst.

Quelle: ntv.de