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Mehr Infektionen, weniger Tote Schweden gibt weiter Rätsel auf

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Auch wenn die Abschlussparty dieser Gymnasiasten in Stockholm sehr locker aussieht, galten im Unterricht für sie Distanzregeln.

(Foto: AP)

In Schweden steigt die Zahl der Neuinfektionen weiter deutlich an, der Höhepunkt der Pandemie ist dort noch nicht erreicht. Viele halten damit den Sonderweg des Landes endgültig für gescheitert, aber vielleicht ist dieses Urteil noch etwas voreilig.

Am 11. Juni meldete Schweden 1474 Neuinfektionen. Das war offiziell der höchste tägliche Zuwachs innerhalb eines Tages seit Beginn der Corona-Pandemie. Auch am 12. Juni registrierte das Land mit 1396 Fällen einen weiteren negativen Rekord. Insgesamt zählt Schweden jetzt 49.684 Infizierte.

Die Zahlen dürften weiter steigen, denn wie das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) am Donnerstag mitteilte, hat die Pandemie innerhalb der EU nur in Polen und Schweden ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Die Maßnahmen der Regierungen in allen anderen Ländern hätten dazu geführt, dass die durchschnittliche Zahl der Neuinfektionen innerhalb von 14 Tagen (14-Tage-Inzidenz) seit dem Höhepunkt am 19. April um 80 Prozent gesunken sei. In Polen und Schweden habe die Inzidenz dagegen den bisher höchsten Stand erreicht.

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Dies hat unter anderem zufolge, dass Schweden von den Grenzöffnungen im Schengen-Raum ausgeschlossen bleiben könnte. So zählt das Auswärtige Amt das Land aktuell zwar zu den europäischen Ländern, für die ab dem 15. Juni keine Reisewarnungen mehr gelten sollen. Die Behörde schreibt aber auch, dass es bei Nichterfüllung der Pandemiekriterien Ausnahmen geben könne. "Überschreitet ein Land die Neuinfiziertenzahl im Verhältnis zur Bevölkerung von weniger als 50 Fällen pro 100.000 Einwohner kumulativ in den letzten 7 Tagen, bleibt die Reisewarnung bestehen oder wird wieder ausgesprochen. Dies gilt aktuell für Schweden", kann man auf der Info-Seite lesen (Stand: 11. Juni).

Für Kritiker wie dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach ist der schwedische Sonderweg, auf freiwillige Maßnahmen statt auf Vorschriften zu setzen und eine kontrollierte "Durchseuchung" der Bevölkerung zu erreichen, gescheitert. "Schweden hat keine Pandemiekontrolle. 1.400 neue Fälle an einem Tag, schon fast 5.000 Tote. Bei 10 Mio. Einwohnern 5-fache Sterblichkeit von Deutschland und im Moment mehr als 10-fache Zahl Neuinfizierte pro Tag", twittert er.

Chef-Virologe räumt Fehler ein

Ein vernichtendes Urteil, das aber vielleicht trotz der extrem stark gestiegenen registrierten Neuinfektionen noch etwas voreilig gefällt wurde. Zwar sagte auch Schwedens Chef-Virologe Anders Tegnell kürzlich, zu viele Schweden seien zu früh gestorben. Damit meinte er wohl vor allem die zahlreichen Toten in Pflege- und Altenheimen. Er glaube, "dass es sicherlich Verbesserungspotenzial bei dem gibt, was wir in Schweden gemacht haben. Und es wäre gut gewesen, wenn man exakter gewusst hätte, was man schließen soll, um die Infektionsausbreitung besser zu verhindern".

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Schwedens Chef-Virologe Anders Tegnell räumt Fehler ein, hält aber an seinem Kurs fest.

(Foto: via REUTERS)

Damit wollte Tegnell aber nicht sagen, dass der Kurs seines Landes falsch ist. Würde man mit dem heutigen Wissensstand auf dieselbe Erkrankung stoßen, läge der richtige Weg seiner Ansicht nach zwischen dem schwedischen und dem, den der Rest der Welt eingeschlagen habe, sagte Tegnell.

Tatsächlich sprechen die aktuellen Zahlen auch für Schwedens Sonderweg. So betont die oberste Gesundheitsbehörde laut Reuters, die stark erhöhten Fallzahlen seien auf mehr Tests zurückzuführen. Unter anderem würden jetzt auch Menschen mit milderen Symptomen einbezogen. Die Zahl der Tests sei von 36.500 in der vergangenen Woche auf 49.200 in dieser Woche gestiegen.

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Das scheint keine Ausrede zu sein. Denn im Gegensatz zu den Neuinfektionen sind andere wichtige Indikatoren rückläufig. So sinkt die Zahl der Todesfälle (nach Datum) seit Ende April kontinuierlich: In den vergangenen drei Tagen wurden zehn, zwölf und vier Todesfälle registriert. Das deutet darauf hin, dass sich der erschreckend hohe Anteil von Infizierten, die an Covid-19 sterben, in den kommenden Wochen verringern könnte. Aktuell überleben statistisch betrachtet fast zehn Prozent eine Corona-Erkrankung in Schweden nicht.

Entspannung auf Intensivstationen

Und schließlich spricht auch die Entwicklung bei den Belegungen der Intensivstationen für eine Entspannung der Pandemie-Lage in dem skandinavischen Land. Seit etwa Mai sinkt die Zahl der täglichen Aufnahmen von Covid-19-Patienten in die Intensivbetreuung, zuletzt sank sie unter zehn. Das bedeutet, dass es trotz mehr Neuinfektionen weniger schwere Erkrankungen gibt. Und dass jetzt in Schweden genügend Intensivbetten zur Verfügung stehen, könnte auch ein Grund für die gesunkene Sterberate sein.

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Wie was genau miteinander zusammenhängt, muss die Wissenschaft noch klären. Ebenso bleibt offen, ob der schwedische Sonderweg eine Sackgasse ist, langfristig ebenso gut aus der Krise führt wie in Deutschland oder möglicherweise sogar erfolgreicher ist.

Vielleicht muss man ja auch einsehen, dass es auf die Frage, ob Schweden recht hat, kein klares Ja oder Nein geben wird. Und vielleicht kann man von dem Land auch etwas lernen, wenn es insgesamt den falschen Kurs eingeschlagen hat. Schließlich stimmen Anders Tegnell auch deutsche Virologen bis zu einem gewissen Grad zu. So sagte Hendrik Streeck kürzlich, wir seien zu schnell in den Lockdown gegangen und man hätte Einschränkungen überlegter ergreifen können. Und auch Christian Drosten weiß inzwischen, dass man mit gezielten Maßnahmen gegen Superspreader mehr erreichen kann als mit harten Einschränkungen für alle. Heute sind eben alle schlauer als zu Beginn der Pandemie.

Quelle: ntv.de, mit dpa