Politik

Heute vor 30 Jahren "Gorbimanie" in der Bundesrepublik

imago70203592h.jpg

Michail Gorbatschow beim Bad in der Menge in Bonn.

(Foto: imago images / Rainer Unkel)

Ein sowjetischer Parteichef sorgt im Juni 1989 für Euphorie im deutschen Westen. Michail Gorbatschow wird wegen seiner Reformbemühungen regelrecht gefeiert. Auch Bundeskanzler Helmut Kohl kann zufrieden sein, denn der Besuch des Mannes aus Moskau hat weitreichende Folgen.

In Bonn herrscht große Spannung. Der starke Mann der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, besucht zum ersten Mal die Bundesrepublik Deutschland. "Gorbi, Gorbi"-Rufe ertönen, als er am 12. Juni 1989 gemeinsam mit seiner Frau Raissa auf dem Flughafen Köln/Bonn landet. Auch sonst ist die Begeisterung der Westdeutschen für den reformwilligen KPdSU-Generalsekretär groß. Vier Tage lang hält sich Gorbatschow im größeren deutschen Staat auf - argwöhnisch beobachtet von der DDR-Führung, die wegen der Ereignisse in Ungarn unter großem Druck steht.

imago50353920h.jpg

Für Helmut Kohl verlaufen die Gespräche mit dem sowjetischen Gast erfolgreich.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Ein gut gelaunter Helmut Kohl begrüßt den Gast im Bonner Kanzleramt. Dabei stand es mit dem Verhältnis zwischen dem Bundeskanzler und Gorbatschow lange Zeit nicht zum Besten. Kurz nach seinem Machtantritt im Frühjahr 1985 hatte der neue Kremlchef angekündigt, den Kalten Krieg durch Abrüstungsverhandlungen mit den USA zu beenden. Kohl war in dieser Hinsicht sehr skeptisch und wurde persönlich: Gorbatschow verstehe etwas von Public Relations (PR), sagte er 1986 dem US-Magazin "Newsweek". Er legte noch nach: "Goebbels verstand auch was von PR." In Moskau reagierte man empört auf diese Äußerung. Auch im deutschen Blätterwald kam der Kanzler nicht gut weg. Der Vergleich Gorbatschows mit dem Nazi-Chefideologen beeinträchtigte noch eine geraume Zeit das deutsch-sowjetische Verhältnis.

Doch es gelang, das von Kohl zerdepperte politische Porzellan wieder zusammenzufügen. Einen großen Anteil daran hatte Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, der in mehreren Gesprächen mit Gorbatschow und seinem Amtskollegen Eduard Schewardnadse glaubwürdig den Wunsch der Bundesregierung nach einer Verbesserung der Beziehungen zwischen Bonn und Moskau äußerte. Zudem trug der Moskau-Besuch von Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1987 zur Entkrampfung des bilateralen Verhältnisses bei.

Kohl spielt die Deutschlandkarte

imago50124542h.jpg

Unterzeichnung der "Gemeinsamen Erklärung" im Bonner Kanzleramt.

Aber auch Kohl - er bezeichnete seine Äußerung später als großen Fehler - blieb nicht untätig. Im Oktober 1988 reiste er in die UdSSR und führte ein langes Gespräch mit Gorbatschow. Dem Kanzler, der so gut wie kein anderer Staatsmann Politik mittels persönlicher Beziehungen betrieb, gelang es, das Eis zu brechen. Gorbatschow spielte mit: "Ich trage nichts nach", sagte er gegenüber den deutschen Medien.

Für die Gespräche im Juni 1989 war dies sehr hilfreich. Nicht nur, dass Gorbatschow zu dieser Zeit in der Bundesrepublik zu den beliebtesten Politikern zählt. Er und Kohl unterzeichnen am 13. Juni eine "Gemeinsame Erklärung". Diese wird kurze Zeit später Einfluss auf die politischen Umbrüche in der DDR sowie in Ost- und Mitteleuropa haben. Die Sowjetunion bekräftigt darin erstmals gegenüber einem westlichen Land das Recht eines jeden Staates, "das eigene politische und soziale System frei zu wählen". Gorbatschow und Kohl sprechen von einem "gemeinsamen europäischen Haus", in dem jedes Land unabhängig von seiner Gesellschaftsform Platz finden soll. Der sowjetische Gast bekräftigt, dass die Begriffe "Glasnost" (Offenheit) und "Perestroika" (Umgestaltung) für ihn weiter Priorität hätten.

imago70277377h.jpg

Gorbatschow steht zu Hause bereits unter starkem Druck.

(Foto: imago/Rainer Unkel)

Kohl spielt bei den Gesprächen ein wichtiger Fakt in die Hände: die marode sowjetische Wirtschaft und die im Vielvölkerstaat ausbrechenden Nationalitätenkonflikte. Der Kanzler weiß, dass Gorbatschow wegen ausbleibenden Erfolges innenpolitisch mit dem Rücken zur Wand steht und auf westliche Hilfe angewiesen ist. Dementsprechend geht er in die Offensive und nutzt dazu ein mitternächtliches Vier-Augen-Gespräch am Bonner Rheinufer. Kohl spielt die Deutschlandkarte und betont, dass zu einem gemeinsamen europäischen Haus auch die Lösung der deutschen Frage gehört. "So sicher, wie der Rhein zum Meer fließt, so sicher wird die deutsche Einheit kommen", sagt Kohl zu Gorbatschow. Dieser soll die Äußerung mit Interesse zur Kenntnis genommen haben.

DDR steht zur Disposition

Warum dieser Vorstoß des Kanzlers? Ihm ist nicht verborgen geblieben, dass Gorbatschow und sein Außenminister Schewardnadse SED-Chef Erich Honecker bei einem Besuch in Ost-Berlin 1987 vorgeschlagen hatten, "die Mauer abzureißen". Wieder in Moskau äußerte Gorbatschow laut "Spiegel" auf einer Sitzung des KPdSU-Politbüros, es sei "nötig, sich in den Beziehungen mit der BRD auf ungewöhnliche Dinge einzulassen". Honecker und die Seinen waren natürlich alarmiert, stand doch die Existenz der DDR und damit die Macht der SED im zweiten deutschen Staat auf dem Spiel. Das Nachrichtenmagazin zitierte eine Notiz eines engen Schewardnadse-Mitarbeiters: "Scharfe Reaktion unserer Freunde auf diese Idee".

Das Ende des Ostblocks

Die Jahre 1989 und 1990 stehen für den politischen Umbruch in Osteuropa. Wichtige Ergebnisse sind das Ende des Kalten Krieges sowie der Teilung Deutschlands und Europas. In einer losen Reihe beleuchtet n-tv.de die Ereignisse von vor 30 Jahren.

Natürlich wissen sowohl Kohl als auch Gorbatschow zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass fünf Monate später mit der Berliner Mauer ein Grundpfeiler der DDR-Existenz beseitigt wird. Doch die Hoffnung auf positive politische Veränderungen in Europa, die mit dem KPdSU-Generalsekretär in Verbindung gebracht werden, ist schon im Sommer 1989 groß. So wird Gorbatschow während seines Besuchs auch in Stuttgart groß gefeiert, es herrscht eine regelrechte "Gorbimanie". Zehntausende Menschen säumen in der baden-württembergischen Landeshauptstadt die Straßen, Gorbatschow nimmt ein Bad in der Menge. Bei seinem Auftritt vor 7000 Stahlarbeitern der Dortmunder Hoesch-Werke schlägt ihn der Betriebsratsvorsitzende für den Friedensnobelpreis vor. Ein Jahr später bekommt Gorbatschow diese Auszeichnung.

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema