Politik

Offene afghanische Gefängnisse Tausende Terroristen sind auf freiem Fuß

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Taliban auf Patrouille in Kabul. An manchen Stellen haben sie Kontrollposten eingerichtet.

(Foto: imago images/Xinhua)

Die Taliban zeigen sich gemäßigt. Die neuen Machthaber in Afghanistan lassen auf ihrem Eroberungsfeldzug aber auch Tausende Terroristen frei. Bedrohungen will die US-Regierung ohne Personal vor Ort bekämpfen. Allein im vergangenen Jahr flogen die USA mehr als 1000 Drohneneinsätze in Afghanistan.

Die Taliban sind an der Macht, aber wer von ihnen ist neben der Führungsriege in Kabul unterwegs? Möglicherweise sind es radikalislamische Terroristen und Kriminelle, die auf den Straßen der afghanischen Hauptstadt patrouillieren, für Fotos mit Waffen und Sprengstoffgürteln posieren, laut Medienberichten in manches Haus eindringen, Menschen einschüchtern und plündern - obwohl diese Übergriffe von der Führung untersagt worden sein sollen. Auch die einheimischen Helfer der USA und Deutschlands fürchten sich. So sehr, dass sie es nicht mehr wagen, auf dem Landweg zum internationalen Flughafen zu fahren.

Teil der Abzugsvereinbarung zwischen Taliban und Amerikanern war, dass Afghanistan nicht wieder zur Basis von international agierenden Terroristen werden dürfe. Während die Welt auf das Land und die Taliban schaut, versuchen die, sich als geläutert und damit als mögliche Partner zu präsentieren. In einer ersten Pressekonferenz versprachen die Islamisten: Das Terrornetzwerk Al-Kaida und andere Organisationen, welche "die Sicherheit anderer Länder gefährden", dürften nicht von afghanischem Boden aus agieren. Nun ist die Frage, ob das stimmt - und ob die Taliban dies überhaupt kontrollieren können. Denn bei ihrem Eroberungsfeldzug öffneten sie auch für Tausende Terroristen die Gefängnistore.

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Abdul Ghani Baradar - der politische Anführer der Taliban.

(Foto: Via REUTERS)

Der politische Kopf der Taliban beobachtete bislang aus sicherer Entfernung den Blitzfeldzug der islamistischen Organisation, ist aber nun ebenfalls im Land: Abdul Ghani Baradar. Die Nummer 2 der Gotteskrieger war 2010 auf Geheiß des US-Geheimdienstes CIA in Pakistan festgenommen worden und saß jahrelang selbst im Gefängnis. Er ist nur auf freiem Fuß, weil die USA das so wollten: Als 2018 klar wurde, dass der damalige Präsident Donald Trump den Kampfeinsatz in Afghanistan endgültig beenden wollte, benachrichtigten die entsprechenden Stellen die Pakistaner. Das islamische Nachbarland Afghanistans sollte Baradar freilassen. Danach führte dieser die Verhandlungen mit den Amerikanern im katarischen Doha, aus denen das Abzugsabkommen der USA mit den Taliban hervorging.

Hauptquartier aufgegeben

Die Islamisten hatten damit schwarz auf weiß, ab wann sie wieder die Macht übernehmen konnten - und planten offensichtlich entsprechend. Die US-Amerikaner hatten ihre Aktivitäten im Land fast zwei Jahrzehnte lang von der Bagram Air Base aus gelenkt, etwa 60 Kilometer nördlich von Kabul. Neben der Basis befindet sich die Parwan Detention Facility. In diesem Militärgefängnis hatten die US-Truppen nach ihrem Einmarsch jahrelang Häftlinge gefoltert, deshalb wurde die Einrichtung auch als "afghanisches Guantanamo" bekannt. Seit 2013 verwalten es die Afghanen selbst.

In der Anstalt saßen zwischen 5000 und 7000 Häftlinge ein - die Angaben variieren -, bis auf ein paar Hundert Kriminelle alles Terroristen. Unter ihnen seien viele Führungskräfte der radikalislamischen Terrororganisation Al-Kaida, des Islamischen Staats und der Taliban, sagte ein Sprecher des afghanischen Verteidigungsministeriums im Juli. Zuvor waren die letzten amerikanischen Truppen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit einem Transportflugzeug verschwunden. Sie hatten den afghanischen Verbündeten nicht Bescheid gesagt. "Es fühlt sich so an, als sei ein alter Freund gegangen, ohne sich zu verabschieden", sagte ein afghanischer Offizier dem Sender CNN.

Die afghanische Armee übernahm den gut ausgebauten Stützpunkt zunächst, vertrieb Plünderer und musste sich mangels Übergabe der Anlagen erst einmal zurechtfinden. Nun, am Sonntag, ergaben sich die dortigen afghanischen Soldaten den Taliban. Diese wiederum befreiten übereinstimmenden Berichten zufolge die Insassen des Gefängnisses. Hinzu kommen weitere Taliban und mutmaßliche Terroristen, die im Westen Kabuls in der größten afghanischen Haftanstalt einsaßen. Im Pul-e-Charkhi-Gefängnis öffneten die vorrückenden Taliban die Türen und befreiten so potenziell Tausende ihrer Mitglieder.

Im Land und auf den Straßen Kabuls sind nun also Tausende frühere Gefängnisinsassen unterwegs, die sich womöglich wieder in ihre früheren Netzwerke einfügen. Dazu gehört auch Al-Kaida, deren Anschlag am 11. September 2001 der Anlass des Einmarschs gewesen war. Die Terrororganisation ist zwar dezimiert, aber weiterhin ein Faktor und mit den Taliban eng verbündet. Noch im Juni schrieb der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen: "Verbindungen zwischen den beiden Gruppen bleiben eng, basierend auf ideologischer Ausrichtung, Beziehungen, geschmiedet durch gemeinsame Kämpfe und Ehen." Darüber hinaus formierte sich bereits vor einigen Jahren der Islamische Staat Khorasan (IS-K) in der Region, verübt seither Anschläge und kämpft gegen gemäßigte Kräfte. Auch die Taliban haben laut der US-Denkfabrik Council of Foreign Relations einen Terrorarm, das Haqqani-Netzwerk.

Drohnen gegen den Terror

Schon bevor die Taliban die Gefängnistore öffneten, hatten die in Afghanistan aktiven Terrorgruppen mehrere Hundert Mitglieder, sagten Experten; die seien darauf aus, das Land wieder als Trainings- und Operationsbasis zu etablieren. Das wollen die USA nun ohne Truppen vor Ort verhindern. Kritische Stimmen in den USA monieren, eine Rumpftruppe von etwa 2500 Soldaten vor Ort hätte viel effektiver arbeiten können. Doch US-Präsident Joe Biden entschied sich dagegen. Nach dem längsten Krieg der US-Geschichte nur noch raus aus Afghanistan, das war die Position seines Vorgängers Donald Trump, das ist auch seine.

Als sich Biden am Montag dazu gezwungen sah, noch einmal in einer Rede seine Beweggründe über den Abzug darzulegen, erklärte er ebenfalls, der Anti-Terror-Kampf sei keinesfalls vorbei. Das US-Militär, Spezialeinsatzkräfte und die Geheimdienste würden ihn nur dezentral und in vielen Ländern gleichzeitig führen. Dabei benutzt das US-Militär häufig Drohnen. Seit 2010 töteten die USA in Pakistan, Afghanistan, Jemen und Somalia auf Anordnung des Weißen Hauses so bis zu 17.000 Menschen, führt das Bureau of Investigative Journalism (TBIJ) in einer Statistik auf. Ein Problem ist, dass die Ziele nicht nur mit Informationen eigener Quellen identifiziert werden, sondern auch mit denen von Partnern, die damit unter Umständen eigene politische Ziele verfolgen.

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Afghanistan ist eines der Länder, deren Telekommunikation die USA komplett überwachen. So identifiziert das Militär ihre Zielpersonen, etwa mit der Ortung eines Mobiltelefons. Zahlen des TBIJ zufolge führten die USA im vergangenen Jahr mehr als 1000 Drohnenangriffe in Afghanistan durch. In der Vergangenheit waren die nicht besonders genau: Laut internen Dokumenten eines Whistleblowers waren etwa bei einer fünfmonatigen Operation in Afghanistan 90 Prozent der Getöteten unschuldig.

Solche unschuldigen Opfer waren der Grund dafür, dass der US-Soldat Daniel Hale die Dokumente an Journalisten gab. Bei der Gerichtsverhandlung im Juli sagte er, die Tötung von Unschuldigen provoziere Terrorismus und sprach über das Attentat auf den Nachtclub "Pulse" in Orlando im Jahr 2016: Bei dem folgenschwersten Anschlag seit 9/11 starben 49 Menschen, gegenüber der Polizei erwähnte der Täter die unschuldigen Todesopfer von US-Angriffen. Das Gericht verurteilte Hale zu fast vier Jahren Haft.

Quelle: ntv.de

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