Politik

Syrien und der Traum vom Gottesstaat Sehnsuchtsort für Dschihad-Touristen

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Die Dschihadisten des Isis verstehen es, sich medienwirksam in Szene zu setzen. Ihre vermeintliche Stärke wirkt anziehend auf manche radikalisierte junge Muslime.

(Foto: AP)

Der syrische Bürgerkrieg prägt eine neue Generation von Dschihadisten. Mit Osama bin Laden können sie nichts mehr anfangen. Sie fahren nach Syrien, weil sie den Krieg ungerecht finden - und den Gottesstaat für greifbar halten.

Sarah O. ist in den Bürgerkrieg nach Syrien gezogen, weil sie gegen die Ungerechtigkeiten eines brutalen Bürgerkrieges kämpfen wollte. Sarah O. ist Halb-Algerierin und ging bis zum letzten Herbst auf ein Gymnasium in Konstanz. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS) beschrieb ihren Fall vergangene Woche: Die Tochter eines Algeriers und einer Deutschen ist im November heimlich über die Türkei ins syrische Aleppo gereist und hat von dort über soziale Netzwerke verkündet: "Ich bin jetzt übrigens bei Al-Kaida". Sie ist gerade einmal 16 Jahre alt.

Der Fall von Sarah O. sticht heraus, weil sie ein Mädchen und so jung ist. Doch sie ist eine von Zehntausenden junger M uslime, die aus aller Welt nach Syrien reisen, um dort zu kämpfen. "Syrien hat eine besondere Strahlkraft", erklärt die Journalistin Kristin Helberg, die vor dem Bürgerkrieg jahrelang in Syrien lebte. "Das Empfinden für die Ungerechtigkeit dieses Krieges ist besonders stark, weil er wie selten ein Konflikt zuvor in all seinen grausamen Details im Internet dokumentiert ist." So ging es offenbar auch Sarah O. Sie entschied sich aus freien Stücken für eine Kampfausbildung in Syrien, die sie, so die Vermutung des deutschen Verfassungsschutzes, irgendwo bei Aleppo nun absolviert. Darüber hinaus verkündete sie laut FAS, sie wolle die männlichen Kämpfer in Syrien nicht nur durch den Dienst an der Waffe unterstützen. Auch als zukünftige Mutter einer neuen Kämpfergeneration wolle sie ihren Beitrag leisten, weshalb sie zwei Monate nach ihrer Ankunft in Syrien einen polizeibekannten Deutsch-Türken in Aleppo heiratete, den es ebenfalls dorthin gezogen hatte.

Diese jungen Muslime stehen für eine neue Generation von Dschihadisten, die noch nicht richtig greifbar ist, die aber den Sicherheitsdiensten von Bonn bis Riad Sorgen bereitet. Der syrische Bürgerkrieg, der heute vor drei Jahren die ersten Todesopfer forderte, ist der brutalste Schauplatz dessen, was man jetzt nicht mehr "arabischen Frühling" nennen möchte. Er prägt diese selbst ernannten Gotteskrieger mehr als die Anschläge auf das World Trade Center in New York 2001 oder der Afghanistankrieg. "Syrien ist zurzeit der angesagte Ort für Dschihadisten", sagt Kristin Helberg.

Weltweites Phänomen

Dass die Ungerechtigkeit des Krieges und der Frust über die Untätigkeit der Welt ein wichtiges Motiv vor allem westlicher Dschihad-Touristen ist, passt zu ihrem überwiegend jugendlichen Alter. Nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden sind 40 Prozent der nach Syrien ausgereisten Deutschen jünger als 25 Jahre, etwa ein Dutzend minderjährig. Aus Deutschland sind nach Schätzungen der Sicherheitsbehörden rund 300 Muslime in Richtung Syrien gereist, die meisten über die Türkei.

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Auch junge Syrer schließen sich den Kämpfenden an. Nicht alle sind Dschihadisten. Muhammad-Nur und Hadi (14 und 15 Jahre alt) zeigen das Foto ihres getöteten 15-jährigen Freundes Chaled, der von Scharfschützen getroffen wurde.

(Foto: REUTERS)

Das Phänomen des "Dschihad-Tourismus" ist weltweit zu beobachten. Die meisten Kämpfer kommen aus den arabischen Golfstaaten, dem Libanon, Libyen, Tunesien, dem Irak, aus Westeuropa, dem Balkan, in kleineren Gruppen auch aus Zentral- oder Sü dasien und China. Nicht alle von ihnen sind radikalislamische Dschihadisten. Doch Schätzungen zufolge gibt es auf den syrischen Schlachtfeldern mindestens 25.000 zu einem großen Teil nicht-syrische Kämpfer, die sich zum Terrornetzwerk Al-Kaida oder einer damit verbundenen Unterorganisation bekennen. Die bekanntesten sind die beiden miteinander konkurrierenden Gruppen "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (Isis) und die Al-Nusra-Front. Isis ist aus Al-Kaida im Irak hervorgegangen und verfolgt mit großer Brutalität einen Großmachtsplan über Syrien hinaus. Die Nusra-Front ist der syrische Ableger von Al-Kaida und strebt ebenfalls einen totalitär-islamischen Staat an, vielleicht etwas kleiner als der von Isis. Die Nusra-Front ist mutmaßlich 15.000 Mann stark, Isis hat etwa halb so viele Kämpfer, kompensiert das aber durch Skrupellosigkeit.

Weitere geschätzte 100.000, darunter viele Einheimische, kämpfen für radikalislamische Verbände, die nichts mit Al-Kaida zu tun haben. Die größte Gruppe ist die Islamische Front. Alle diese Gruppen rekrutieren laufend neue Mitglieder. Wo Neuankömmlinge aus dem Ausland landen, hängt offenbar vom Zufall ab: wer ihre Schleuser sind, wen sie zufällig hinter der Grenze antreffen, zu wem sie vorher Kontakt über das Internet hatten. Zwar ist nicht immer klar, wie die individuelle Motivation der Kämpfenden aussieht, gibt Kristin Helberg zu bedenken. "Es sind mit Sicherheit auch viele Mitläufer dabei, die sich ihre 50 Dollar pro Woche verdienen wollen. Für junge Männer gibt es in solchen Kriegen nicht viele Alternativen."

"Dschihadisten gehören nicht zu den Hellsten"

In welcher Tradition bewegt sich aber ein muslimisches Mädchen aus behüteten Verhältnissen, wenn es mit gerade einmal 16 Jahren schon an die nächste Kämpfergeneration denkt? Wie viel haben die Jung-Dschihadisten in Syrien noch gemein mit der "Generation 11. September"? Bald 13 Jahre ist es her, dass die Anschläge von Al-Kaida auf das World Trade Center in New York die westliche Welt schlagartig aufrüttelten. Das Bedrohungsgefühl durch den islamistischen Terrorismus prägte von da an eine ganze Dekade: Die Kriege westlicher Allianzen in Afghanistan und dem Irak läuteten eine neue Außenpolitik ein, westliche Staaten rüsteten im Innern ihre Geheimdienste auf für die Verhinderung befürchteter Anschläge, Debatten über das Wesen des Islam füllten die Feuilletons. Symbol für den neuen Grusel-Islam waren das Terrornetzwerk Al-Kaida und dessen Chef Osama bin Laden.

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Junge Männer von der Freien Syrischen Armee stehen vor einem Gebäude in Azaz, das die Isis als Quartier genutzt hat - bevor die Dschihadisten von dort vertrieben werden konnten.

(Foto: REUTERS)

Mit den Kriegern, die einst unter der zentralen Führerschaft von Osama bin Laden kämpften, haben die heutigen Syrien-Krieger nicht mehr viel zu tun. Was sie sein wollen und was sie erreichen wollen, wissen sie allerdings auch nur vage. "Wir habe n es heute mit einer ganz anderen Klientel zu tun", sagt Nahostexperte Michael Lüders gegenüber n-tv.de. Er zählt sogar rund 1000 Gruppen, die in Syrien einen Kampf gegen das Regime von Baschar al-Assad und für einen wie auch immer gearteten Gottesstaat ausfechten. Verständnis hat Lüders wenig für diese Mischung aus "Ideologie und Banditentum". Und bei allem Schaden, den diese Kampfgruppen anrichteten, habe ihr Plan keine Aussicht auf Erfolg. "Wie das am Ende aussehen soll, wissen sie oft selbst nicht. Erst einmal Baschar al-Assad stürzen und dann mal sehen, ist ihre Devise. Die Dschihadisten gehören in der Regel auch nicht zu den Hellsten", meint Lüders. Es gebe zum Beispiel keinen Plan für eine Wirtschaftsordnung. "Das ist alles wischiwaschi und wird deshalb letztlich auch keinen Erfolg haben".

Eine Verbindung zu den Dschihadisten der "alten Schule" gibt es indes auch heute noch. Die Veteranen aus dem Irak etwa, die dort im Namen von Al-Kaida und ähnliche Gruppen Terror gegen die amerikanischen Besatzer verbreiteten, sind jetzt in der Islamisten-Hierarchie ganz oben. Die jungen Dschihad-Touristen, die mit idealistischen Vorstellungen nach Syrien reisen, müssen sich ihnen unterordnen. Auf dem Schlachtfeld tut sich ein Graben zwischen den hehren Zielen der Jung-Dschihadisten und der Realität auf. Nicht selten dienen die nicht kampferprobten jungen Leute als Kanonenfutter, schlussfolgerte jüngst der Verfassungsschutz. So wie Burak Karan. Der 26-Jährige war ein Kind türkischer Einwanderer aus Wuppertal und ein talentierter Fußballer, er starb vermutlich Anfang Oktober in Azaz in Nord-Syrien. Auch er war zum Kämpfen nach Syrien gereist, seine junge Familie mit zwei kleinen Kindern hatte er gleich mitgenommen.

Die Idee vom Gottesstaat in Syrien lebt - noch

Der syrische Staat ist nach drei Jahren Krieg so nachhaltig destabilisiert, dass die selbst ernannten Gotteskrieger ihren abstrakten Traum vom ersten echten Gottesstaat in greifbarer Nähe wähnen. Kämpfer aus aller Welt strömen weiterhin in das Land zwischen Euphrat und Libanon-Gebirge. Einfach deshalb, weil dort gerade Platz für sie ist. Ihr Kampf gilt unter den Gegebenheiten in Syrien nicht mehr - wie noch bei der 2001er-Generation - den Ungläubigen in der westlichen Welt, sondern dem Assad-Regime und allen, die Ansprüche auf das Territorium des einstigen Staates Syrien stellen. Das können Schiiten sein, die schiitische Gruppierung der Alawiten, Drusen, Jeziden oder Sunniten, die nicht die totalitären Vorstellungen der Islamisten teilen.

Kristin Helberg glaubt trotzdem nicht, dass der Gottesstaat auf syrischem Boden Wirklichkeit wird. "Das ist ausgeschlossen. Eine willkürliche Schreckensherrschaft, wie Isis sie zurzeit in einigen Teilen zeigt, lehnen die Syrer ab." Allerdings werde der politische Islam in einem Nachkriegssyrien mit Sicherheit eine Rolle spielen - wie in den anderen Ländern des arabischen Frühlings auch.

Mit einer Kampagne und ernüchternden Geschichten von desillusionierten Syrien-Rückkehrern versucht nun sogar Saudi-Arabien - eigentlich ein Finanzierer von kämpfenden Islamistenverbänden wie der Islamischen Front- seine Bürger von dem Bürgerkrieg fernzuhalten oder zumindest zu verhindern, dass sie wiederkommen. Inzwischen fürchtet die Führung in Riad wie die deutschen Behörden auch, dass die radikalisierten Rückkehrer für das Königreich potenziell eine Gefahr darstellen.

Quelle: n-tv.de

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