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Bindungen, Ängste, Milieus Wie die Wähler in Deutschland ticken

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(Foto: picture alliance / dpa)

Wer wählt welche Partei? Haben Grünen-Wähler andere Sorgen als Anhänger der AfD? Und welche Rolle spielt das Einkommen? Eine neue Untersuchung zeigt: Die Wählerschaft hat sich stark verändert. Betroffen ist vor allem die SPD.

Am 24. September entscheiden die Wähler in Deutschland über die politische Zukunft der Bundesrepublik. Die 61,5 Millionen Wahlberechtigten, um deren Gunst die Parteien in den nächsten zehn Wochen buhlen, sind keine homogene Masse. Sie unterscheiden sich stark in ihren Interessen und Sorgen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat untersucht, wie die Wähler ticken und wie ihre Ansichten sich verändert haben.

So hat sich die Wählerschaft verändert

Das DIW verglich Bevölkerungsumfragen von 2000 bis 2016. In dieser Zeitspanne ist die Zahl der Erwerbstätigen insgesamt leicht gestiegen, der Anteil der Teilzeit-Beschäftigten deutlich (von 7 auf 12 Prozent). Auch in der beruflichen Zusammensetzung der Wähler hat sich viel verändert. Der Anteil der Arbeiter unter den Wahlberechtigten ist von 37 auf 19 Prozent gefallen. Die Bedeutung dieser Wählergruppe ist also deutlich gesunken, am stärksten davon betroffen ist die SPD. Der Anteil der Arbeiter in der SPD-Wählerschaft sank zwischen 2000 und 2016 von 44 auf 17 Prozent und ist damit kaum größer als bei CDU und CSU (16 Prozent). Eine gegenläufige Entwicklung ist in der Wählergruppe der Angestellten zu beobachten, deren Anteil seit dem Jahr 2000 von 50 auf 64 Prozent gestiegen ist.

Das charakterisiert die Wähler der Parteien

"Bei der SPD kann man nicht mehr sagen, dass sie eine Arbeiterpartei ist. Die Wählerstrukturen von Union und SPD nähern sich immer mehr an und unterscheiden sich nur noch in wenigen Merkmalen", sagt DIW-Forscher Alexander Kritikos. So ist die SPD in Großstädten stärker, die CDU in ländlichen Gebieten. Union und SPD kämpfen heute demnach stärker als früher um die gleichen Wähler. Weit größer sind die Unterschiede der kleinen Parteien.

  • Die Grünen sind die einzige der sechs Parteien, die mehrheitlich von Frauen gewählt wird. Dadurch lässt sich auch der höchste Anteil von Teilzeit-Beschäftigten erklären. Auch bei anderen Merkmalen fallen die Grünen aus dem Rahmen: Sie haben unter allen Parteien den höchsten Anteil bei Akademikern (37 Prozent) unter ihren Anhängern, die wenigsten Rentner und Pensionäre (18 Prozent), die meisten Angestellten (72 Prozent) und Beschäftigten im öffentlichen Dienst (40 Prozent). Insgesamt hat die Grünen-Wählerschaft mit 48,1 Jahren den niedrigsten Altersschnitt (insgesamt: 51,2 Jahre).
  • Die Anhänger der AfD sind zu 70 Prozent männlich. Wie die Union ist die Partei im ländlichen Bereich deutlich erfolgreicher als in Großstädten. Die AfD hat unter ihren Wählern den höchsten Anteil an Arbeitern (34 Prozent) und den zweithöchsten bei Selbstständigen (14 Prozent). Bei Angestellten ist der Zuspruch geringer als bei den übrigen Parteien (46 Prozent). Keine andere Partei hat einen höheren Anteil unter Beschäftigten mit einfachen Tätigkeiten (36 Prozent).
  • Die Linke hat weiterhin mit Abstand die stärkste Ostbindung, außerdem hat sie die höchsten Wähleranteile in Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern. Bei Arbeitern liegt sie mit 22 Prozent vor der SPD, aber deutlich hinter der AfD. Der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder ist mit 27 Prozent höher als bei den anderen Parteien.
  • Die FDP ist männlich dominiert (60 Prozent) und weist mit 54,3 Jahren den höchsten Altersschnitt aller Parteien auf. In der FDP-Wählerschaft befinden sich die wenigsten Menschen ohne Berufsausbildung, überdurchschnittlich viele Rentner (36 Prozent) und Angestellte (70 Prozent) und die meisten Selbstständigen (15 Prozent).

Die FDP hat die reichsten Anhänger

Aus Sicht der DIW-Forscher stimmen viele Klischees über die Parteien heute nicht mehr, eines aber schon: Die FDP ist nach wie vor die Partei der Besserverdienenden. Die Anhänger der Liberalen verfügten 2016 über ein durchschnittliches Haushaltsnettoeinkommen von 3901 Euro. Bei der Union waren es 3388 Euro, bei den Grünen 3370 Euro, bei der SPD 3010 Euro, bei der AfD 2913 Euro und bei der Linken nur 2542 Euro. Zwar gibt es in der Wählerschaft jeder Partei eine erhebliche Streuung, aber die Bindungen variieren offensichtlich auch mit der Höhe des Einkommens.

Einen Zusammenhang gibt es zwischen dem Einkommen und der subjektiven Einschätzung der wirtschaftlichen Lage. Die Wählerschaft der FDP ist zufriedener als die aller anderen Parteien. Am unzufriedensten sind die Anhänger der AfD und der Linken. Dies spiegelt sich auch in den subjektiven Sorgen der verschiedenen Wählergruppen wider. Wähler von der AfD und der Linken machen sich besonders viele Sorgen, allerdings über ganz unterschiedliche Themen. AfD-Anhänger sorgen sich vor allem um die Entwicklung der Kriminalität (71 Prozent) und um die Zuwanderung nach Deutschland (82 Prozent), die der Linken um die Erhaltung des Friedens (62 Prozent) und um Ausländerfeindlichkeit (48 Prozent). Bei den übrigen Parteien sind die Sorgen schwächer ausgeprägt. Besonders unbesorgt sind die Anhänger der FDP. Nur bei der Sorge um den eigenen Arbeitsplatz (14 Prozent) liegen sie über den Werten der anderen.

Insgesamt sind die Ängste der Wähler um ihre materielle Situation relativ schwach ausgeprägt. Die Bundestagswahl werde nicht von wirtschaftlichen Sorgen beeinflusst, sagt DIW-Forscher Kritikos. Die meisten Menschen seien zufrieden - ein Vorteil für die Wahlchancen der Union und Kanzlerin Angela Merkel.

Und die Nichtwähler?

Auch Nichtwähler sind in der DIW-Studie als eigenständige Gruppe aufgeführt. Was auffällt: Nichtwähler verfügen häufig über keine Berufsausbildung (20 Prozent), sind überdurchschnittlich häufig arbeitslos (7 Prozent) oder Arbeiter (39 Prozent) und üben meist einfache Tätigkeiten aus (43 Prozent). Nichtwähler haben mit durchschnittlich 2462 Euro außerdem die geringsten Nettoeinkommen. Ihre persönliche wirtschaftliche Lage bewerten sie noch negativer als die Anhänger aller Parteien. Kritikos sagt: "Ich denke, das ist eine Gruppe, mit der sich die Parteien zukünftig stärker auseinandersetzen müssen."

Quelle: n-tv.de

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