Ratgeber

Tenhagens Tipps Keine Angst vor dem Brexit

imago69589821h.jpg

In jüngsten Umfragen liegen die Brexit-Befürworter leicht vorn.

(Foto: imago/Ralph Peters)

Morgen entscheiden die Briten, ob sie in der EU bleiben wollen oder nicht. Welche Folgen hätte ein Austritt für die Deutschen? Finanztip-Chef Tenhagen rät Anlegern zu Geduld und empfiehlt England als Reiseland.  

n-tv.de: Welche Auswirkung hätte es auf die Wechselkurse, wenn die Briten am 23. Juni für den Ausstieg aus der EU stimmen?

Hermann-Josef Tenhagen: Nichts Genaues weiß man nicht. Aber die Bank of England sagt, dass das Pfund im Falle eines Ausstiegs stark fallen würde. Die Entwicklung zeichnet sich auch jetzt schon ab. Seit Januar ist der Kurs im Sinkflug, und zwar stärker als das für das Vorfeld des Referendums prognostiziert wurde. Für uns heißt das: Wir können im Juli günstig in London Urlaub machen. Oder in den Schottischen Highlands zum Beispiel, die sind zu dieser Zeit ja auch sehr schön.

Urlauber können sich also freuen. Anleger auch?

Da kommt es darauf an, was man getan hat. Finanztip empfiehlt ja immer internationale Indexfonds, also ETFs. Im MSCI World machen europäische Aktien zwischen 20 und 25 Prozent aus, der britische Anteil ist mit gut 7 Prozent ziemlich gering, so dass man das direkt nicht so deutlich spürt. Indirekte Auswirkungen wird es insofern geben, als die Märkte wohl erstmal unruhig reagieren. Wenn man einen Anlagehorizont von 10, 15 Jahren hat, muss man sich davon aber nicht irritieren lassen. Wer dagegen jetzt verkaufen will oder ohnehin ständig ETFs kauft und verkauft, der muss sich auf etwas unruhigere Zeiten einstellen

Und bei europäischen ETFs?

Hermann-Josef Tenhagen ist Chefredakteur der unabhängigen Verbraucher-Webseite Finanztip.

Hermann-Josef Tenhagen ist Chefredakteur der unabhängigen Verbraucher-Webseite Finanztip.

Kommt darauf an. Bei Euro-Aktienfonds EMU ist ja kein britischer Anteil dabei. Bei den klassischen europäischen Indizes wie MSCI Europe und EURO STOXX 600 macht der britische Anteil aktuell rund 30 Prozent aus, dieser Einfluss wird dann auch deutlich zu spüren sein. Wenn man langfristig orientiert ist, wird das kein Problem sein, dann sitzt man das einfach aus. Wenn man aber vorhat, seine Anteile in den nächsten Monaten zu verkaufen, ist das Risiko relativ hoch.  Dann sollte man mit dem Verkaufen vielleicht nicht warten.

Wie sieht es denn mit den britischen Banken aus?

Im Augenblick gibt es keine Indikatoren, dass die in eine Schieflage kommen könnten. Für deutsche Kleinanleger spielen britische Banken am ehesten beim Festgeld eine Rolle. In den Vergleichstabellen taucht jetzt zum Beispiel Close Brothers auf. Die sind stocksolide und haben jetzt gerade ihr dreijähriges Festgeld von 1,25 Prozent auf 1,4 Prozent erhöht. 

Die Herausforderung ist jetzt allerdings die Einlagensicherung. In den anderen Ländern Europas liegt die bei 100.000 Euro, in Großbritannien bei 75.000 Pfund. Im Moment sind das 94.500 Euro. Das könnte dann weniger werden, wenn das Pfund weiter fällt. Wenn man sein Geld bei einer britischen Bank parkt, belässt man es also besser bei 70.000 oder 80.000 Euro.

Aus Sorge vor einem Brexit-Chaos flüchten sich manche jetzt in krisensicheres Gold. Eine gute Idee? 

Ich bin ja grundsätzlich kein Anhänger von Gold. 1980 war der Goldkurs auf einem vorläufigen Peak. Dann hat es 28 Jahre gedauert, bis der in Dollar wieder auf dem gleichen Niveau war. 2011 hatten wir dann den letzten Höhenflug bis ungefähr 1900 Dollar pro Feinunze, im Moment sind wir bei 1300 Dollar. Schon möglich, dass das jetzt noch ein bisschen anzieht. Aber die Frage ist ja, was man damit eigentlich will. Hat man zehn Prozent Gold im Depot ist das als Absicherung völlig in Ordnung. Hält man größere Summen, dann spekuliert man damit. Und das kann auch in die Hose gehen. Wenn man heute 1300 Dollar in die Unze steckt, gibt es mitnichten eine Garantie, dass man die in fünf Monaten auch wieder heraus bekommt.

Also raten Sie Kleinanlegern jetzt, cool zu bleiben?

Ja. Natürlich würde ein Brexit eine kurzfristige Nervosität in die Märkte bringen. Aber als Kleinanleger sollte man ja auch gar nicht so kurzfristig agieren.  Bei den hochspekulativen Investments gibt es Marktteilnehmer, die mit ganz anderen Summen dabei sind, da sollte man als normaler Sparer einfach die Finger von lassen.  Ein Problem hat man als Kleinanleger im Moment nur, wenn man in den kommenden Monaten an sein Geld will. Dann ist der Brexit etwas, womit man sich beschäftigen muss.

Okay. Sonst noch irgendetwas, was man vor der Brexit-Entscheidung bedenken sollte?

Es gibt ja auch in Deutschland einige Leute, die ihre Kinder in England ins Internat oder aufs College schicken. Da sollte man dann besser bis nächste Woche warten, bevor man die Gebühren überweist.  Angenommen es geht um 10.000 oder 20.000 Pfund und das Pfund gibt nochmal um zwei oder drei Prozent nach, dann springt da schon ein schickes Abendessen für die Familie bei raus. 

Mit Hermann-Josef Tenhagen sprach Isabell Noé

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema