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Die 25.000-Euro-Frage Was bedeutet jetzt nachhaltiges Investieren?

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Schon vor dem Einmarsch der Russen in der Ukraine war der Begriff Nachhaltigkeit nicht eindeutig geklärt.

(Foto: picture alliance / dpa-tmn)

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Sozial und ökologisch verträglich Investieren - hört sich toll an, gestaltet sich aber nicht ganz einfach. Der furchtbare Krieg in der Ukraine und die Energiewende haben die Diskussion darüber, was nachhaltig ist, noch einmal verstärkt.

Die russische Zerstörung der Ukraine heizt auch die Diskussion an, was unter nachhaltig zu verstehen ist. Wie sich hier die Grenzen verschieben, zeigt sich an den jüngsten Äußerungen von Bundesaußenministerin Annalena Baerbock. Die ehemalige Parteichefin der Grünen fordert für die Ukraine weiteres militärisches Material, vor allem schwere Waffen - so wörtlich. Eine solche Aussage einer Grünen wäre vor wenigen Wochen noch undenkbar gewesen.

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Mark-Uwe Falkenhain ist bei Geneon Vermögensmanagement seit zwölf Jahren als Vorstand tätig.

Schon vor dem Einmarsch der Russen in ihrem Nachbarland war der Begriff Nachhaltigkeit nicht eindeutig geklärt. Das galt für die Gesellschaft insgesamt und für die Anleger im Besonderen. Ein paar Eckpfeiler gab es dennoch, bei denen weitgehend Konsens herrschte. Viele Fondsmanager, die nachhaltige Investments anbieten, arbeiten mit Ausschlusskriterien.

Dabei werden Unternehmen außen vorgelassen, die ihr Geld mit sozial und ökologisch nicht vertretbaren Geschäftsmodellen verdienen. Typischerweise zählen zu diesen Ausschlusskriterien unter anderem Alkohol und Tabak, Pornografie oder Kinderarbeit sowie die Missachtung der Menschenrechte. Und eben die Produktion und der Verkauf von Waffen.

Unklare Trennlinie

Die Forderung, die Ukrainer mit militärischem Gerät zu unterstützen, ist nachvollziehbar - vor allem, wenn es sich um Waffen zur Verteidigung handelt. Mit Panzerabwehrraketen lässt sich kaum ein Krieg beginnen, höchstens beenden. Doch häufig ist es nicht so eindeutig, ob eine Waffe der Verteidigung oder dem Angriff dient und ob sie daher moralisch in Ordnung oder eben nicht ist. Hier besteht sicherlich noch reichlich Diskussionsbedarf.

Ähnliches gilt für die Kernenergie. Für die Mehrheit der Deutschen ist der Fall klar: Atomkraftwerke sind Teufelszeug und unter ökologischen Gesichtspunkten strikt abzulehnen. Spätestens seit den Umweltkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima wissen die Menschen um die Gefahr der Verstrahlung. Und die Endlagerung alter Brennstäbe ist nicht nur in Deutschland, sondern weltweit nach wie vor nicht wirklich zufriedenstellend geklärt.

So einfach ist die Sache jedoch nicht. Ein guter Teil der Angelsachsen und der Franzosen stuft die Kernenergie ganz anders ein. Da sie vergleichsweise wenig CO2 emittiert, gilt sie manchen als "grüne" Art der Energiegewinnung. Diese Logik hat auch Brüssel übernommen, will Kernkraftwerke als nachhaltig einstufen und damit entsprechende Investments begünstigen.

Aber nicht nur bei der Kernenergie herrscht große Uneinigkeit darüber, was unter "nachhaltig" zu verstehen ist. Die EU will auch Gaskraftwerke als Brückentechnologie und damit zumindest zeitlich befristet als ökologische Art der Energiegewinnung klassifizieren. Dafür sprechen zwei Argumente: die Grundlastfähigkeit und die im Vergleich zu Kohle und Öl geringeren CO2-Emissionen.

Erneuerbare Energien reichen nicht aus

Selbst den größten Ökoanhängern dürfte klar sein, dass auf absehbare Zeit Wind- und Solarenergie allein nicht die sichere Stromversorgung eines Industrielands wie Deutschland gewährleisten können. Dabei geht es nicht nur um die Menge, sondern auch um die kontinuierliche Verfügbarkeit. Wind- und Solarparks fehlt die Grundlastfähigkeit. Da große Batteriespeicher noch zu teuer sind, bleibt eigentlich nur die Kombination mit herkömmlichen Energiequellen.

Da der Ausstieg aus der Kernenergie zumindest in Deutschland als beschlossen gelten kann, kommen eigentlich nur fossile Energiequellen infrage. Hier schneidet in Bezug auf Umweltbelastungen Gas deutlich besser als Öl oder Kohle ab. Gas verfügt jedoch nicht nur bei der Stromerzeugung über gewisse Vorteile, sondern auch im Verkehrssektor, wo es für den Antrieb von Lkws oder Schiffen genutzt werden kann.

Vor allem in der Schifffahrt stellt verflüssigtes Erdgas (Liquified Natural Gas, kurz LNG) eine echte Alternative zum bislang üblichen Schweröl dar, was die Umwelt in einem hohen Maß belastet. LNG-Antriebe stoßen spürbar weniger CO2 aus und vermeiden Stickstoff- sowie Feinstaubemissionen fast vollständig. Mittlerweile gibt es die ersten LNG-Kreuzfahrtschiffe.

Während bei der Kernenergie zumindest in Deutschland die Frage, ob sie nachhaltig ist, eindeutig mit Nein beantwortet werden dürfte, bleibt sie bei Waffen und Gas zumindest erst einmal offen. Anlegerinnen und Anleger müssen für sich selbst entscheiden, wie der entsprechende Kompass aussehen soll. Eine gute Orientierung liefern dabei nach wie vor die 17 nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen. Auf diese zahlt auch der Global Challenges Index (GCX) ein, den die Börse Hamburg/Hannover entwickelt hat. Dieser internationale und nachhaltige Aktienindex hat sich auf Sicht von ein, drei und fünf Jahren sehr viel besser entwickelt als der Dax und andere Indizes.

Die 25.000-Euro-Frage

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Anleger, die beispielsweise 25.000 Euro investieren möchten, sind derzeit ohne Frage mit einem schwierigen Umfeld konfrontiert. Aufgrund des weiterhin sehr niedrigen Zinsniveaus mit negativen Realzinsen und unverändert hohen Kursrisiken bei Anleihen bei weiter steigenden Zinsen sollte der Anlageschwerpunkt nach wie vor in Aktienfonds erfolgen. Dabei hängt es von der persönlichen Risikotoleranz ab, ob der Betrag ganz oder nur teilweise angelegt investiert wird. Unabhängig davon sollten die Fonds über eine nachvollziehbare Systematik in nachhaltige Einzelwerte investieren und vor allem über ein funktionierendes Risikomanagement verfügen, um dem aktuell anspruchsvollen Investitionsumfeld für Aktien gerecht zu werden.

Über den Autor: Mark-Uwe Falkenhain verfügt über 30 Jahre Berufserfahrung bei der Beratung vermögender Privat- und Geschäftskunden. Nach verschiedenen Stationen bei deutschen und internationalen Großbanken ist er bei Geneon Vermögensmanagement seit zwölf Jahren als Vorstand tätig.

Quelle: ntv.de

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