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Singles trifft es öfter Wem wird der Strom abgedreht?

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Nicht nur das Licht fehlt. Auch Waschen und oft auch Heizen und Kochen ist ohne Strom unmöglich.

(Foto: imago/blickwinkel)

Ein Leben ohne Strom? Schwer vorzustellen. Hunderttausende Haushalte haben im letzten Jahr erfahren, wie es ist, ohne Selbstverständlichkeiten wie Licht oder Computer auszukommen. Eine Studie beleuchtet nun erstmals, wen die Sperren am häufigsten treffen.

Kein Licht, kein heißes Wasser, kein Kühlschrank, keine Waschmaschine, kein Radio, kein Rechner, nichtmal mehr das Handy lässt sich laden – wie wichtig Strom ist, merkt man oft erst, wenn keiner mehr aus der Steckdose kommt. Gut 328.000 Haushalte haben die Erfahrung im vergangenen Jahr machen müssen. Ihnen wurde der Strom abgestellt, weil sie ihre Rechnungen nicht bezahlt haben. Besonders häufig trifft es Alleinstehende und Menschen mit sehr schlechter Bildung, wie eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zusammen mit dem Deutschen Caritasverband zeigt.  Es ist die erste Untersuchung, die sich genauer mit den Betroffenen befasst.

Bevor es zu einer Sperrung kommt, muss einiges passieren. Das Wichtigste: Der Kunde ist mit mindestens 100 Euro im Verzug. Diese Forderung darf nicht strittig sein, der Versorger kann also nicht einfach den Strom abdrehen, wenn er mit einem Verbraucher im Clinch liegt. Außerdem muss er die Forderung anmahnen und die drohende Sperre mindestens vier Wochen vorher ankündigen. Drei Werktage bevor es ernst wird, muss es dann nochmal eine letzte Warnung geben. Die sollte man dann aber auch ernst nehmen, denn ist der Strom erst einmal abgedreht, wird die Angelegenheit noch teurer. Für Mahngebühren, Versorgungsunterbrechung und die Wiederherstellung der Versorgung berechnen die Versorger im schlechtesten Fall bis zu 200 Euro, hat Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen im Sommer ermittelt.  

6,6 Millionen Mal haben die Lieferanten im Jahr 2016 Sperren angedroht, der Großteil der Betroffenen kann die Ultima Ratio also noch abwenden. Diejenigen, die es nicht tun, sind sich entweder nicht über die Folgen im Bilde oder sie können es sich schlicht nicht leisten. Das legen die Ergebnisse der Studie nahe. Für die Untersuchung wurden Daten der Allgemeinen Sozialberatung der Caritas ausgewertet, also von Menschen in akuten Notlagen. Stromsperren werden vor allem Haushalten angedroht, die von Hartz IV oder Sozialhilfe leben. Das ist nicht weiter überraschend. Im Grundsicherungs-Regelsatz sind für Stromkosten genau 34,19 Euro vorgesehen. Das sei zu wenig, kritisiert die Caritas: "Selbst wenn man den persönlichen Energieverbrauch auf ein niedriges Niveau absenkt, sind die Kosten nicht bedarfsgerecht berücksichtigt." Grundsicherungshaushalten fällt das Sparen ohnehin schwerer. Die Bewohner sind öfter zu Hause, energieeffiziente Geräte können sie sich nicht leisten.

Familien mit Kindern zahlen lieber

Besonders hoch ist das Risiko, dass eine Sperre angedroht wird, für Haushalte, die Schulden haben – und das sind in der Grundsicherung nun einmal überdurchschnittlich viele. Bei verschuldeten Familien mit einem Kind lag die Wahrscheinlichkeit in der Studie mehr als doppelt so hoch wie bei Unverschuldeten. Singlehaushalte sind zwar nicht so oft von Sperr-Ankündigungen bedroht wie Familien, weil sie seltener die kritische Marke von 100 Euro Rückstand überschreiten. Am Ende werden sie dann aber deutlich häufiger von der Versorgung abgekoppelt.

Ein wichtiger Faktor ist zudem die Bildung: Menschen ohne Schulabschluss wird zwar nicht häufiger eine Stromsperre angedroht als anderen. Doch während Kunden mit durchschnittlichem Bildungsgrad dann meist aktiv werden, warten die Geringqualifizierten eher ab. Die Folge: Sie sitzen deutlich öfter im Dunkeln. "Es scheint für Menschen mit geringem Bildungsniveau besonders schwierig zu sein, sich in der Gemengelage von drohender Stromsperre, möglicherweise bestehenden Schulden und nötiger Kommunikation mit Behörden zurechtzufinden", heißt es in der Studie.

Mehr Geld allein ist nicht die Lösung

Betroffene müssten besser informiert werden und schneller Hilfe bekommen, fordert Studienautor Peter Heindl in der "Zeit". Den Beratungsstellen komme hier eine besondere Rolle zu, sie könnten zwischen den Betroffenen, dem Versorger und Behörden vermitteln. Es gehe aber auch darum, die "finanzielle Allgemeinbildung" zu fördern. Verbraucherzentralen und andere Verbände bieten beispielsweise Stromspar- und Schuldnerberatungen an. Wichtig sei aber auch das soziale Umfeld. Wer Partner und Kinder hat, wird eine Stromsperre vermutlich eher vermeiden wollen als Alleinstehende. Zudem spricht einiges dafür, dass sich Menschen erst an die neue Situation gewöhnen müssen, wenn sich ihre finanzielle Lage verschlechtert. Haushalte, die längere Zeit von der Grundsicherung leben, haben der Studie zufolge seltener Probleme mit Stromsperrungen.

Einen zweiten Ansatzpunkt sehen die Autoren in der Grundsicherung. Um die Preisschwankungen auf dem Strommarkt abzufedern, müssten die Energiekosten in den Regelsätzen dynamisch angepasst werden. Außerdem sollten die Grundsicherungsempfänger bessere Möglichkeiten bekommen, eine drohende Sperre noch abzuwenden, etwa durch zinslose Darlehen, die schnell und gezielt vergeben werden. Darauf müsse es einen Rechtsanspruch geben. Per Gesetz sind solche Kredite schon vorgesehen. In der Praxis werden sie aber noch nicht oft genutzt, heißt es in der Studie. Um die Sperre abzuwenden, sei schnelles und gezieltes Handeln erforderlich.  

Quelle: n-tv.de

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