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Unbekannte Gene Wenn Spenderkinder ihren Vater suchen

Für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch ist die Samenspende oft die letzte Hoffnung. Doch irgendwann will das so gezeugte Kind wahrscheinlich wissen, von wem es abstammt. Und dann wird es kompliziert.

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Auch wenn es eine enge Bindung zum rechtlichen Vater gibt, wollen viele Kinder früher oder später wissen, wer ihr biologischer Vater ist.

(Foto: picture alliance / dpa)

Inga P. (*) hat eine glückliche Kindheit, wird von ihrer Familie geliebt. Als sie 13 Jahr alt ist, lüften ihre Eltern ein bis dahin gut gehütetes Geheimnis: Weil ihr Vater unfruchtbar ist, wurde sie mittels Samenspende eines Unbekannten gezeugt. Die Nachricht wirft Inga nicht aus der Bahn, allerdings will sie nun herausfinden, von wem sie abstammt. Auf die Frage, warum sie das so umtreibt, antwortet sie mit einer Gegenfrage: "Wer gibt jemandem das Recht, mir meinen biologischen Vater vorzuenthalten? Er macht einen Teil meiner persönlichen Identität aus."

Menschen wie Inga gibt es viele in Deutschland, wo die künstliche Befruchtung ungewollt kinderlosen Paaren seit den 70er-Jahren bei der Erfüllung ihres Nachwuchswunsches hilft. Sie wollen der Frage auf den Grund gehen, welche Gene sie in sich tragen, welche Charaktereigenschaften sie vielleicht von ihrem biologischen Vater haben. Sie wollen seine Stimme hören oder sich eventuell daran erfreuen, dass sie bis dato unbekannte Geschwister haben.

Frühestens mit 16 gibt es Klarheit

Dass es dabei reichlich Haken gibt, zeigt ein Fall, mit dem sich der Bundesgerichtshof (BGH) heute beschäftigt. Zwei Schwestern aus der Nähe von Hannover, heute 12 und 17 Jahre alt, verklagten eine Reproduktionsklinik, weil diese Auskunft über den biologischen Vater der Kinder verweigerte. Das Amtsgericht Hameln gab der Klage im Juni 2013 statt, das Landgericht Hannover kassierte das Urteil jedoch wieder. Tenor: Sie seien noch zu jung, um die Folge eines solchen Schrittes für alle Beteiligten abzusehen. Erst nach ihrem 16. Geburtstag könnten sie ihr Recht auf Klärung der Abstammung geltend machen.

Dass es dieses Recht überhaupt gibt, ist schon ein Fortschritt. Jahrzehntelang agierten Samenspender anonym, ließen sich das von Reproduktionszentren oder Samenbanken vertraglich zusichern. Doch seit einiger Zeit räumen Gesetzgeber und Rechtsprechung den Interessen der Spenderkinder tendenziell höheres Gewicht ein. Mit der Folge, dass Spendern nach Preisgabe ihrer Identität theoretisch sogar Unterhalts- oder Erbschaftsklagen drohen könnten. In der Praxis wurde aber noch nie ein Spendervater zum Unterhalt verurteilt.

Schon 1989 hat das Bundesverfassungsgericht jedem das Recht auf Kenntnis seiner Herkunft zugestanden. Anfang 2013 klagte erstmals eine per Samenspende gezeugte Frau ihren Anspruch ein: Das Oberlandesgericht Hamm in Nordrhein-Westfalen verpflichtete eine Reproduktionsklinik, den Namen ihres biologischen Vaters zu nennen. Seit 2007 gibt es zudem neue Regelungen: Samenspender müssen darüber aufgeklärt werden, dass von ihnen gezeugte Kinder später Kontakt zu ihnen suchen könnten. Unterlagen müssen 30 Jahre lang aufbewahrt werden - Anonymität ist also nicht mehr gegeben.

Es fehlt ein Gesetz zur Samenspende

Was theoretisch einfach klingt, ist in der Praxis jedoch bei Weitem nicht so klar. "Etliche Ärzte weigern sich nach wie vor, die Daten der Spender herauszugeben", beklagt Anne vom Verein Spenderkinder. "Weitere Klagen laufen bundesweit, aber die brauchen Zeit und kosten Geld", schildert die Vereinsmitarbeiterin, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. "Eine Dauerlösung kann das nicht sein." Deshalb setzt sich der Verein für ein Samenspendegesetz ein. Das wäre nicht unbedingt zum Nachteil der Spender - im Gegenteil: "Das würde allen Beteiligten Rechtssicherheit geben", sagt Anne. "Dort könnten etwa Unterhalts- oder Erbschaftsforderungen an Spender ausgeschlossen werden."

So sieht das auch Reproduktionsmediziner Rolf Behrens von der Praxis für Kinderwunschbehandlung in Erlangen, die schon länger auf Transparenz im Hinblick auf die Samenspender setzt. "Wir brauchen die Spender, aber die Verunsicherung bei vielen ist groß." Das wirke sich auf die Spendenbereitschaft aus. Im Übrigen scheiterten Auskunftsbegehren gerade bei älteren Praxen oft an praktischen Fragen: Akten seien früher nach maximal zwölf Jahren im Reißwolf gelandet. "Selbst wenn sie wollten, könnten sie keine Daten mehr herausgeben."

Wie viele Spenderkinder es in Deutschland gibt, ist unbekannt. Der Reproduktionsmediziner Thomas Katzorke schätzte ihre Zahl 2007/2008 auf rund 100.000. Jährlich kommen nach unterschiedlichen Angaben zwischen 1500 und 5000 hinzu.

Quelle: n-tv.de, Stefan Kruse, dpa

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