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Recht verständlich Wer nicht grüßt, fliegt raus?

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Freundlich zu grüßen, macht das Leben leichter. So viel ist klar.

(Foto: imago/Ikon Images)

Chefs erwarten, dass man sie grüßt. Sei es in der Firma oder privat. Grußloses Vorbeilaufen im Wald mag nicht höflich sein, insbesondere dann, wenn man selbst formvollendet gegrüßt wird. Aber rechtfertigt dies eine Kündigung?

Das Landesarbeitsgericht Köln (LAG, AZ.: 9 Sa 657/05) entschied, dass ein mehrfaches Nicht-Grüßen des Geschäftsführers außerhalb des Betriebes nicht für eine verhaltensbedingte Kündigung ausreicht, auch nicht, wenn dies in Anwesenheit dritter Personen geschieht. Anders als der Geschäftsführer meinte, sei darin weder per se eine Missachtung der Person des Geschäftsführers noch eine strafbare Beleidigung zu sehen. Der Arbeitgeber muss ein solches Verhalten aber auch nicht hinnehmen. Anlass für ein Personalgespräch dürfte ein solches Verhalten nach Auffassung der Richter sein. Ob eine Kündigung wegen Nichtgrüßen nach einer bereits erfolgten formalen Abmahnung wirksam wäre, musste das Gericht nicht entscheiden.

Wie war der Fall?

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Rechtsanwältin Dr. Alexandra Henkel ist Fachanwältin für Arbeitsrecht, Wirtschaftsmediatorin und Business Coach.

Hier hatte ein Außendienstmitarbeiter eines Unternehmens nach 10-jähriger Betriebszugehörigkeit eine Kündigung aus zwei Gründen erhalten: Zum einen wurde eine betriebliche Umorganisation argumentiert, zum anderen war der Geschäftsführer nicht mit dem Verhalten des Mitarbeiters einverstanden. Der Mitarbeiter hatte ihn bei zwei Begegnungen außerhalb des Betriebs in Anwesenheit Dritter nicht gegrüßt. Nach Auffassung des Geschäftsführers habe der Mitarbeiter damit seine Missachtung zum Ausdruck gebracht und ihn beleidigt. Der Mitarbeiter konterte, diese Begründung habe "einen lächerlichen Anstrich" und es "sei geschmacklos, dieses Verhalten als strafbare Beleidigung anzusehen". Bei privaten Treffen im Wald nicht gegrüßt zu haben, sei entschuldbar - zumal es vorher ein Personalgespräch gegeben habe, bei dem der Geschäftsführer von einer Kündigung wegen krankheitsbedingter Fehlzeiten gesprochen habe.

Alles in allem kann man aufgrund dieses Sachverhalts wohl das Fazit ziehen, dass diese beiden auf absehbare Zeit keine Freunde mehr werden. Der Geschäftsführer muss ein solches Verhalten zwar nicht einfach so hinnehmen - aber gleich kündigen?

Das Urteil

Das LAG hielt die Grußverweigerung nicht ausreichend für eine Kündigung. Eine mehrfache Grußverweigerung sei keine strafbare Beleidigung - zwar sei das Nichtgrüßen nach einem Personalgespräch durchaus als Demonstration von Verärgerung und Verstimmung zu werten, das belege aber nicht automatisch das Bezwecken einer Ehrverletzung, was für eine Beleidigung erforderlich wäre. Wenn dieses Verhalten den Arbeitgeber stört, dann kann er den Mitarbeiter in einem erneuten Personalgespräch darauf hinweisen und ihn "daran zu erinnern, dass bei allem Verständnis für die aktuellen Gefühle des Arbeitnehmers doch die üblichen Umgangsformen gewahrt werden sollten".

Je nach Einzelfall mag auch eine Abmahnung gerechtfertigt sein - hier war eine solche noch nicht erfolgt. Die Kündigung war damit unwirksam und auch der Auflösungsantrag des Arbeitgebers nach dem Kündigungsschutzgesetz ging nicht durch - danach kann ein Arbeitsgericht im Ausnahmefall ein Arbeitsverhältnis gegen Zahlung einer Abfindung auflösen, auch wenn die Kündigung nicht wirksam war, aber die Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses nicht zumutbar ist.

Unzumutbarkeit kann sich auch aus nicht zumutbaren Vorwürfen oder krassen Lügen in den Schriftsätzen bei Gericht ergeben. Dies sah das LAG hier aber nicht gegeben, auch die recht scharfen Äußerungen des Arbeitnehmers hatten in den Augen der Richter "nicht die Schärfe erreicht, mit der die Beklagte (Arbeitgeberin) geantwortet hat, als sie ausführte, der Kläger wolle vorsätzlich Stimmung machen und das Gericht täuschen." Es sei der Arbeitgeberseite zuzumuten, die aufgetretenen Spannungen durch ein klärendes Gespräch mit dem Arbeitnehmer abzubauen. Klare Aussage des Gerichts nach dem Motto: Gebt Euch die Hand, entschuldigt, redet und vertragt euch. Häufig hilft reden, gegebenenfalls mit Moderator - ob das hier funktioniert hat, wissen nur die Streitparteien.

Rechtsanwältin Dr. Alexandra Henkel ist Fachanwältin für Arbeitsrecht, Wirtschaftsmediatorin und Business Coach.

Quelle: n-tv.de

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