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Belegtes Staatsdoping in Russland Wer betrügt, darf Ausschluss nicht fürchten

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Das Staatsdoping in Russland ist enttarnt - aber wie hart wird es bestraft?

(Foto: imago/Ralph Peters)

Das russische Staatsdoping war perfider als bisher befürchtet. Mit Hilfe des Geheimdienstes wurden die aufbruchsicheren Doping-Proben systematisch manipuliert. Weil Moskau keine Reue zeigt, braucht es eine harte Strafe.

Staatliches Doping? In Russland? Was für eine sinnlose Behauptung. Eine wilde Verschwörungstheorie des Westens. Das beteuert der russische Sportminister Witali Mutko stets. Gut, dass der enge Vertraute von Kremlchef Wladimir Putin der Welt die Augen geöffnet hat. Es klingt ja auch tatsächlich wie aus einem schlechten Agententhriller: Neben den rund 2800 zerstörten Dopingproben sollen laut jüngstem Report der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) noch hunderte weitere mit Hilfe des Geheimdienstes und überwacht vom Sportministerium systematisch manipuliert worden sein. Und das während der Olympischen Winterspiele im heimischen Sotschi 2014. Wie soll das denn bitte gehen? Die mit Urin gefüllten Röhrchen sind codiert, absolut aufbruchsicher, so heißt es doch von den Anti-Doping-Kämpfern. Also mal ganz ehrlich: Was denkt sich dieser Richard McLaren eigentlich, der all das der Weltöffentlichkeit in Toronto glaubhaft zu machen versuchte?

Nun, der Chefermittler der Wada-Sonderkommission denkt sich vermutlich einfach nur das, was sich jeder normaler Mensch denkt, wenn er Einblicke in ein System bekommt, das perfide, ausgeklügelt, höchstprofessionell und absolut frei von jeglicher moralischer Verantwortung ist. Gegenüber den eigenen Athleten mit aggressivem Raubbau am Körper und unabsehbaren Langzeitfolgen sowie gegenüber der internationalen Konkurrenz - wobei natürlich nicht auszuschließen ist, dass auch andere Nationen dopen, vielleicht auch mit staatlicher Billigung. Richard McLaren jedenfalls hat dem russischen Dopingmonster erneut in die Augen geblickt und es in einem schmerzhaften Kampf entwaffnet. Ob es aber endlich auch erlegt wird, das liegt jetzt am Internationale Olympische Komitee (IOC).

Wie glaubwürdig ist das IOC?

Zahlreiche internationale Anti-Doping-Kämpfer, McLaren gehört indes nicht dazu, fordern als einzig mögliche Konsequenz nun das russische Olympia-Aus. Für das IOC wird die Entscheidung, eine ganze Nation und damit möglicherweise auch saubere Sportler mit einer Kollektivsperre für die Sommerspiele im August zu belegen, zu einem höchstinstanzlichen Gradmesser ihrer eigenen Glaubwürdigkeit. Der deutsche Chef des Komitees, Präsident Thomas Bach, hatte nämlich stets eine "Null Toleranz" gegenüber Dopingsündern versprochen, diese harte Position aber, ganz der alte Fechter, direkt wieder mit einem Alles-kann-nichts-muss-Satz aufgeweicht: "Das IOC muss die richtige Balance zwischen kollektiver Verantwortung und individueller Gerechtigkeit finden."

Wie aber kann die aussehen, wenn wirklich 2800 Proben vernichtet und etliche manipuliert worden sind, wie jetzt enthüllt wurde? Wer ist dann wirklich entlarvter Täter und wer nur Opfer? Und lässt sich das so überhaupt noch auseinanderhalten, in einem knallharten Auswahlgeschäft wie dem Profisport, wo es nur einem winzigen Athletenkreis gelingt, sich in den lukrativen Sphären zu bewegen? Die Antwort ist zunächst recht simpel, wenn auch für die Athleten wegen der Kollektivhaft schmerzhaft: Die Beweislast, sich dem staatlichen Doping entzogen, sich dagegen gewehrt zu haben, liegt nun bei jedem Sportler. Individuell muss er nachweisen, sauber zu sein. Gelingt das, verdient er sich sein Startrecht – ohne Frage, ohne Zweifel und bitte auch ohne Vorurteile.

Dass es soweit kommen musste, haben der russische Sport beziehungsweise die russischen Funktionäre zu verantworten. Denn die jetzt mit Hilfe von Grigori Rodschenkow, dem ehemaligen Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors, auch bewiesenen Doping-Praktiken sind schließlich kein plötzliches Erdbeben, das den Profisport unangekündigt erschüttert. Vielmehr haben die internationalen Seismographen seit Monaten zunehmend heftigere Eruptionen aus Russland aufgezeichnet.

Wo ist die versprochene Zusammenarbeit?

Erst flogen die nach wie vor gesperrten Leichtathleten auf, dann gab es die nun belegten Vorwürfe gegen die Olympiasieger aus Sotschi und in diesem Sog die Nachweise, dass die illegalen Stimulanzien in Russland in nahezu allen medaillenträchtigen Disziplinen munter kreisten – Moskau hat trotz aller Beteuerungen Aufklärung, beziehungsweise Mitarbeit zur Aufklärung zu betreiben, nicht oder nicht ausreichend geliefert.

Und wer erst Zusammenarbeit und Mithilfe verspricht, sich dann offenbar verweigert oder nur gering engagiert und schließlich das nun entwaffnete Dopingmonster als Erfindung des Westens verteufelt, der hat wirklich nichts verstanden, leugnet, handelt eiskalt und frei jedweder Wertehaltungen. Die olympische Idee, bei aller zugenommenen Kommerzialisierung, wird damit endgültig verraten. Wer das zulässt, macht sich mit den Tätern mindestens ein Stück weit gemein. Was für eine schöne Verschwörungstheorie. Soweit darf es nicht kommen, liebes IOC.

Quelle: n-tv.de

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