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Transfercoup zur falschen Zeit Das große Pech des Ivan Perisic

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Ivan Perisic ist der bislang einzige Neuzugang des FC Bayern für die offensiven Außenbahnen.

(Foto: imago images / Grubisic)

Der FC Bayern erhört die flehenden Stimmen aus dem eigenen Kader und verpflichtet einen Fußballer, der der Mannschaft sofort helfen kann. Und dennoch gibt's reichlich Kritik an der Verpflichtung des kroatischen Vizeweltmeisters. Aber warum eigentlich?

Das ist alles ziemlich blöd gelaufen für Ivan Perisic. Was wäre der FC Bayern gelobt worden, hätte er den 30 Jahre alten kroatischen Vizeweltmeister nicht statt - Stand an diesem Mittwochvormittag - sondern als Bonus zu Leroy Sané, Ousmane Dembélé oder Philippe Coutinho (um ihn wirbt der Klub noch) verpflichtet. Ein überragender Sommer wäre das für den Rekordmeister geworden. Und ganz besonders für Hasan Salihamidzic. Der Kaderplaner ohne durchschaubaren Kaderplan hätte sich blitzrehabiliert. Sein "Ruhe-bewahren"-Mantra wäre so nicht zur Unwort-Konstruktion und als Beleg seiner Transferverzweifelung verkommen. Denn zu den beiden Weltmeistern Lucas Hernández und Benjamin Pavard sowie Sturmtalent Fiete Arp wären noch Deutschlands spektakulärster Fußballer (Sané), ein brasilianischer Topspieler (Coutinho) a.a.D. (das erste a. steht für "aktuell") und ein Vizeweltmeister mit Tor- und Torvorlagengarantie (Perisic) gekommen.

Im von Karl-Heinz Rummenigge ausgerufenen Transferdomino des Sommers hätte es so nur einen Sieger gegeben: den FC Bayern. Völlig wurscht, was Neymar macht. Ob er Paris St. Germain noch eine Saison mit seiner Alphatierbockigkeit nervt. Ob er beim FC Barcelona mit Lionel Messi, mit Luis Suarez, mit Antoine Griezmann und mit Dembélé die vielleicht absurd talentierteste Offensive aller Zeiten bildet (okay, sie wären dann wohl ein zweiter Gewinner). Oder ob er gemeinsam mit Eden Hazard die neue Lichtgestalt im radikal verjüngten Kader Real Madrids wird. Nun, so weit ist es aber nicht. Zumindest noch nicht. Weitere Transfers sind bei den Münchenern angesagt. Zumindest gehen die meisten Fußballer des Klubs davon aus. Kapitän Manuel Neuer sagt: "Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir einen guten Kader stehen haben werden."

Es muss ein Kader sein, der berechtigte Ansprüche auf einen Triumph in der Champions League erhebt. Das hat Neuer wieder und wieder betont. Und auch Rummenigge hat gewohnt kompliziert umschrieben, dass die Königsklasse der wichtigste Wettbewerb ist. Aber ist Perisic nun der Mann, der im Duell mit den europäischen Top-Klubs den Unterschied macht? Und muss er das überhaupt sein? Nein, das muss er nicht. Und ja, er könnte den Unterschied machen. Allerdings ist diese Qualität von einem starken Konjunktiv begleitet. So wie eigentlich die gesamte Karriere des Flügelstürmers ein fußballerischer Konjunktiv ist. Mit seiner Dynamik, seiner Durchsetzungsstärke, seiner Pressingwucht, seiner Physis und seinem Zug zum Tor bringt er vieles von dem mit, was einen Topspieler auszeichnet. Immer wieder wurde er mit den großen Klubs in Verbindung gebracht, nie kam ein Wechsel zustande. Auch das hat Gründe.

"Umschubsen wird ihn kein Außenverteidiger"

Die Erfolge von Perisic

  • Deutscher Meister: 2012
  • DFB-Pokalsieger: 2012, 2015
  • DFL-Supercupsieger: 2015
  • Vize-Weltmeister: 2018
  • Torschützenkönig: 2011 (22 Treffer in 30 Spielen der Jupilar Pro League)

Denn das Spiel von Perisic ist auf allerhöchstem Niveau limitiert. Wohl auch deswegen und wegen seines Alters war er in München intern umstritten. So berichtet es unter anderem die "Sport Bild". Gerade gegen tiefstehende Gegner wird der flexible Offensivspieler seiner großen Stärke, der Dynamik, beraubt. "Für sein erfolgreiches Spiel braucht er Raum", erklärt unser n-tv-Taktikexperte Constantin Eckner. In Mannschaften, die auf Ballbesitz und Dominanz setzen - und der FC Bayern ist eine solche - kann der Kroate zwar mitspielen, wegen seiner mangelnden Raffinesse im Duell ist er dann aber auch oft kein entscheidender Faktor. Und dennoch gibt er dem Trainer eine wichtige Variabilität - unter anderem durch seine tiefen Läufe hinter die Abwehr. Dabei kann er von den Ablagen des Stürmers Robert Lewandowskis profitieren. Außerdem ist der 30-Jährige, anders als die sicher gesetzten und duellstarken Kingsley Coman und Serge Gnabry, ein Fußballer, der sich von körperlicher Härte nie und nicht beeindrucken lässt. "Es gibt wohl keinen Außenverteidiger, der ihn umschubsen wird", sagt Eckner. "Im Gegenteil, Perisic kann seine Gegner aufreiben, sie zermürben. Er ist unermüdlich. Das ist nicht immer schön, aber es kann sehr effektiv sein."

Und wieder ist da dieses Konjunktivische. So wechseln sich Glanzmomente und Spiele, die völlig an ihm vorbeilaufen, regelmäßig ab. So ist die Weltmeisterschaft 2018 ein Spiegel seiner Karriere. Während er in der Vorrunde teilweise völlig abtauchte, dem Spiel keine Impulse geben konnte, wäre Kroatien ohne den überragenden Perisic im Halbfinale an England gescheitert. Mit seiner Wucht und Zielstrebigkeit besorgte er nicht nur den Ausgleich (1:1), er scheiterte kurz darauf auch noch knapp am Pfosten und bereitete schließlich den Siegtreffer von Mario Mandzukic (2:1) in der Verlängerung vor. Und das waren nur seine spektakulärsten Momente. Mit 72 gelaufenen Kilometern war er der fleißigste Spieler des Turniers. Allerdings musste sein Team auch drei Mal nachsitzen.

In 424 Profispielen hat Perisic 116 Tore geschossen und 86 vorbereitet. Das sind erstaunliche Zahlen. Wohl auch deshalb - und weil der 30-Jährige sein Wunschspieler ist - kritisierte Bayern-Trainer Niko Kovac die negative Bewertung des Kroaten. Vor und nach dem souveränen Pokal-Erfolg gegen Energie Cottbus (3:1) sagte er: "Es ist zu leicht, immer jemanden zu kritisieren. Jetzt bekommst du den einen nicht, dann den nächsten nicht und dann hast du plötzlich eine XY-Lösung? Das ist nicht schön." Was für eine Lösung der Leihspieler von Inter Mailand - dort soll er laut "Süddeutscher Zeitung" übrigens wohl auch wegen einer Gruppenbildung nicht mehr gewollt worden sein - nun wirklich ist? Und ob die Bayern bis zum Ende der Transferperiode am 2. September nicht noch eine größere Lösung präsentieren? Ruhe bewahren!

Zumindest eine Sache ist mal klar: Ein Spieler der sofort weiterhilft, das war die letzte, laute Wehklage des dauerklagenden Stürmers Robert Lewandowski, ist Perisic nicht. Beim Bundesliga-Auftakt gegen Hertha BSC am Freitagabend (20.30 Uhr im n-tv.de-Liveticker) darf er wegen einer ligaübergreifenden Gelbsperre nicht auflaufen.

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Hat der FC Bayern mit Perisic einen Transfercoup gelandet?

 

Quelle: n-tv.de

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