Technik

Grundfunktionen überzeugen Die Apple Watch ist nicht nur schön

Apple Watch 01.jpg

Optisch lässt die Apple Watch die Konkurrenz alt aussehen.

(Foto: kwe)

Schönheit ist nicht alles und nachdem sich die erste Begeisterung über das neue Prachtstück am Handgelenk gelegt hat, muss die Apple Watch ihren Besitzer auch im Alltag überzeugen. Sie kriegt das hin, kann aber nicht alle hohen Erwartungen erfüllen.

Die Apple Watch ist ein sehr attraktives kleines Gadget, das meisterhaft vermarktet wird. Apple versteht es mal wieder geschickt, bei vielen Menschen Begehrlichkeiten zu wecken, die diese bisher nicht kannten. Bei eingefleischten Uhrenträgern, die schon zuvor bereit waren, für ein Accessoire, das die Zeit anzeigt, viel Geld auszugeben, hat das Unternehmen dabei relativ leichtes Spiel. "Hey, wir bieten dir hier ein exklusives Schmuckstück an, das ein fantastisches Design hat, das viele Leute bewundern und das weit mehr als nur eine Uhr ist. Worauf wartest du noch?"

Apple Watch 03.jpg

Klein und praktisch: die Induktions-Ladestation haftet magnetisch an der Uhr.

(Foto: kwe)

Schwieriger ist es für Apple, iPhone-Nutzer zum Tragen einer Smartwatch zu überreden, die bisher die Freiheit am Handgelenk genossen haben und für die eine Armbanduhr eigentlich ein lästiger Fremdkörper ist. Ich gehöre zur zweiten Gruppe und trage die Watch jetzt seit einer Woche. Apple hat n-tv.de die 42-Millimeter-Edelstahl-Version mit feingliedrigem Milanaise- und klassischem Lederarmband als Testgerät zur Verfügung gestellt. Im Apple Store kosten diese Kombinationen jeweils rund 800 Euro.

Eleganter als die Konkurrenz

Der erste Eindruck von Apples neuestem Gadget ist positiv, sie ist kleiner und bei weitem nicht so klobig wie andere Smartwatches, die kaum unter den Hemdsärmel passen. Mit 10,5 Millimetern ist die Apple Watch zwar immer noch relativ dick, doch weil der runde Pulsmesser an der Unterseite in der Haut versinkt, wirkt sie dünner als sie ist. Außerdem ist das Display von einem vergleichsweise dünnen Rahmen eingefasst und das gewölbte Glas geht fast nahtlos in das abgerundete Gehäuse über.

Apple Watch 05.jpg

Die aufwändige Verpackung der Apple Watch soll vermutlich ein Gefühl der Exklusivität vermitteln.

(Foto: kwe)

Die Verarbeitung ist klasse, auch die cleveren Schiebehalterungen der Armbänder fügen sich wie der Einschalter nahezu nahtlos ins Metallgehäuse ein. Ein hervorstehendes Merkmal ist das Scrollrad auf der rechten Seite, das dem schlichten Design die Krone ("Digital Crown") aufsetzt. Die Watch sieht prima aus und fühlt sich auch so an. Am bequemsten zu tragen ist sie mit dem erstaunlich "weichen" Milanaise-Armband, dessen Weite schnell und unkompliziert per Magnetverschluss stufenlos angepasst werden kann. Uhr und Zusatz-Armband sind extrem aufwendig in schweren Plastik-Schatullen verpackt, bis hin zu den Laschen der Umverpackungen ist jedes Detail durchdacht. Apple möchte schon beim Enthüllen der Watch einen exklusiven Eindruck vermitteln. Ich bin zwar von der Verpackungskunst beeindruckt, halte sie aber auch für Verschwendung.

Gekoppelt ist die Apple Watch im Handumdrehen. Dazu genügt es, mit dem iPhone ein Muster auf ihrem Display zu fotografieren. Auch die Einrichtung über die obligatorische App ist ein Kinderspiel. Bei der Übergabe des Testgeräts erhielt ich eine ausführliche Einweisung, doch auch mit dem gut gegliederten Handbuch hätte ich mich schnell zurechtgefunden. Das Gerät hat die gleichen Grundfunktionen wie andere Smartwatches, die Extras sind leicht zu verstehen und die Bedienung relativ unkompliziert.

Apple Watch Zifferblatt anpassen.PNG

Klasse: Bei den Zifferblättern kann man die Farbe und viele Details ändern.

(Foto: kwe)

Das bei diesem Modell von Saphirglas geschützte OLED-Display mit Retina-Auflösung ist kontraststark und hell, aber im direkten Sonnenlicht etwas schwer ablesbar. Hebt der Nutzer den Arm, um auf den Bildschirm zu blicken, aktiviert dieser sich automatisch und das Zifferblatt wird angezeigt. Das klappt zuverlässig, aber wer möchte, kann dies in den Einstellungen auch deaktivieren. Ebenso ist es möglich, statt der Uhrzeit die zuletzt genutzte App anzeigen zu lassen. Weil die meisten Nutzer vermutlich das Zifferblatt bevorzugen, gibt ihnen Apple hier mehrere Ansichten zur Auswahl, die sie nach eigenem Geschmack anpassen können. Unter anderem ist es möglich, die Farbe zu ändern und Zusatzinfos wie Akku-Anzeige, Wetter oder Aktivitäts-Fortschritte zu integrieren.

Starke Vibrationen

Neben der Anzeige der Uhrzeit sind Benachrichtigungen über eingehende E-Mails, SMS oder Neuigkeiten anderer Apps die Hauptaufgabe der Apple Watch. Das erledigt das Gerät hervorragend. Die Hinweise kommen ohne Verzögerung, unterschiedliche Vibrationen und Töne zeigen dem Nutzer an, welche Anwendung der Urheber ist. Das bleibt allerdings nur so lange übersichtlich und nicht nervig, wie nur wenige Apps die Erlaubnis für Benachrichtigungen erhalten. Nachdem ich anfangs zum Ausprobieren bei jeder für die Watch zur Verfügung stehenden Anwendung die Benachrichtigungen aktiviert hatte, vibriert das Gerät jetzt nur noch bei einer Handvoll Apps, die Töne habe ich komplett deaktiviert.

Apple Watch 04.jpg

Zwei Sensoren erkennen, wann fließendes Blut in den Adern das grüne Licht zweier LEDs stärker absorbiert.

(Foto: kwe)

Bei eingehenden SMS oder iMessages ist es auch möglich, direkt mit einem vorgefertigten Kurztext zu antworten, animierte Emojis oder den Standort zu senden. Siri lässt sich auch einen Text oder eine Audiobotschaft diktieren, die Spracherkennung klappt dabei tadellos. E-Mails oder über andere Apps eingegangene Nachrichten kann man bisher auf der Watch nur lesen.

Zur Not kann man mit der Apple Watch auch telefonieren. Aber weil dazu das iPhone per Bluetooth gekoppelt und daher in greifbarer Nähe sein muss, habe ich diese Funktion nur getestet, im Alltag sonst aber nie genutzt. Die Tonqualität ist für geschlossene Räume gut und laut genug, an befahrenen Straßen versteht man aber kaum ein Wort.

Gute Karten, aber nur mit iPhone

Vorinstallierte Apps, ein paar Schnelleinstellungen und Anwendungen, deren Infos der Nutzer schnell im Überblick sehen möchte, findet man auf der Watch, indem man vom Zifferblatt nach oben streicht. Hier hat Apple bei seinen eigenen Apps gute bis sehr gute Arbeit geleistet. Vor allem "Karten" hat mich überzeugt, das bei der Navigation zur Fuß oder mit dem Auto Google Maps in Android Wear alt aussehen lässt. Leider gibt es noch keinen Fahrrad-Modus.

Navigation.PNG

Vor allem für Fußgänger funktioniert die Navigation per Apple Watch hervorragend.

(Foto: kwe)

Prima funktioniert auch die App "Aktivität", die mir mit drei sich schließenden Ringen zeigt, ob ich selbst gesteckte Bewegungsziele erreiche. Fürs Training ist eine eigene App zuständig, in der ich zwischen verschiedenen Bewegungsarten wählen und mein tägliches Pensum einstellen kann. Grundsätzlich kann die Watch dies auch ohne iPhone und weil sie wasserfest ist, übersteht sie auch schlechtes Wetter im Gelände. Aber da sie kein eigenes GPS-Modul hat, kann sie selbstständig keine Streckenprofile aufzeichnen oder navigieren. Schade.

Siri zeigt, was sie kann

Was die Steuerung betrifft, ist Siri ist für mich das Highlight der Apple Watch. Denn über sie kann ich wie auf dem iPhone Apps starten, Termine diktieren, Websuchen starten oder in "Karten" die nächste Pizzeria anzeigen lassen. Bei aktiviertem Display reagiert die Sprachassistentin auch auf "Hey Siri".Während ich nur sehr selten mit dem Smartphone spreche, nutze ich die Funktion mit der Apple Watch ziemlich häufig, weil auf ihrem kleinen Display keine Tastatur zur Verfügung steht. Noch öfter kommt "Force Touch" zum Einsatz, um in einer App durch einen festeren Druck auf den Touchscreen weitere Optionen zu erhalten. Unter anderem um E-Mails zu löschen oder zu markieren, in Twitter Tweets zu diktieren oder in der Karten-App eine Suche oder Navigation zu starten.

Apple Watch 02.jpg

Die "Digital Crown" dient unter anderem zum Scrollen und Zoomen.

(Foto: kwe)

Die Krone der Uhr ist ebenfalls ein sehr gelungenes Steuerelement. Ein Druck auf sie aktiviert das Display oder führt einen Schritt zurück. Drückt man sie zweimal, erscheint die App-Sammlung auf dem Display, aus einer Anwendung heraus die zuletzt genutzte App. Ein langer Druck startet Siri. Zum Scrollen und Zoomen dreht man an dem Rädchen, was bei einem so kleinen Bildschirm Sinn ergibt, da der Finger die Inhalte nicht verdeckt. Trotzdem ertappe ich mich immer wieder, dass ich eben gewischt habe, obwohl ich hätte drehen können. Eine weitere Besonderheit der Watch ist der Homescreen mit App-Sammlung, in der alle iPhone-Anwendungen landen, die auch auf der Uhr installiert werden. Hier können sie wie auf dem iPhone verschoben, gelöscht oder gestartet werden.

"Digital Touch" wirkt auf den ersten Blick vielleicht überflüssig. Doch wenn man an den Erfolg der Emoticons denkt, könnte Apple hier mal wieder ein Trendsetter sein. Die Funktion erlaubt es, anderen Apple-Watch-Trägern über den Touchscreen kleine Zeichnungen, den eigenen Herzschlag oder "Klopfzeichen" zu schicken.

Neue, nicht angepasste Apps!

Mein Fazit: Die Apple Watch ist die Smartwatch, die mir bisher am meisten Spaß gemacht hat und mit Abstand am besten gefällt. Force Touch, die vielfältigen haptischen Benachrichtigungen und die praktische Krone machen die Apple Watch durchaus auch funktional einzigartig. Doch nachdem der Reiz des Neuen vorbei ist und ich alle Funktionen ausgiebig ausprobiert habe, nutze ich das sündhaft teure Gadget vorerst fast nur noch als Armbanduhr und um mich bei eingehenden Nachrichten, E-Mails und Breaking News benachrichtigen zu lassen.

Das Problem der Apple Watch sind die Anwendungen von Drittanbietern. Zwar gibt es davon schon sehr viele für die Watch. Doch fast alle sind nur eine abgespeckte Version der iPhone-App, ohne spezielle Funktionen, die ihren Einsatz auf dem Uhren-Display rechtfertigen könnten. Bevor ich Instagram-Bilder in Briefmarken-Größe anschaue, ziehe ich lieber das Smartphone aus der Tasche. Neue Apps, die speziell auf die Watch zugeschnitten sind, gibt bisher so gut wie keine. Am überzeugendsten sind noch Anwendungen, die die Uhr als Fernsteuerung einsetzen. Für die Entwickler ist also noch viel Luft nach oben, wie beim ersten iPhone bleibt abzuwarten, wie sich die Sache entwickelt. Eine größere Verbreitung, neue Apps, neue Funktionen und neue Einsatzgebiete könnten die Apple Watch noch zum erfolgreichen Massenprodukt machen.

Was die Akku-Laufzeit betrifft, kann ich Entwarnung geben. Selbst während des intensiven Testbetriebs rettete sich die Uhr gerade noch ins Nachtruhe-Ziel. Im Normalbetrieb sinkt die Anzeige bis dahin kaum unter 25 Prozent, beschränkt man sich vor allem auf Benachrichtigungen, hält die Apple Watch auch eineinhalb Tage durch.

800 Euro oder mehr würde ich für Apples ersten Smartwatch-Versuch nicht investieren, die größere Sport-Version für 450 Euro hat die gleichen Funktionen und ihr mattes Aluminium gefällt mir sogar besser als der glatte Stahl meines Testgeräts. Was mich an der Apple Watch am meisten überrascht hat: Ich habe mich wieder an Armbanduhren gewöhnt und hole zumindest für die Uhrzeit das iPhone nicht mehr aus der Hosentasche. Die Apple Watch 2 kann kommen.

 

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen