Technik

Virtuelle Realität mit Hindernissen Zeiss VR One macht Lust auf mehr

zeiss-vr-4.jpg

Zeiss will beim VR-Geschäft früh dabei sein.

(Foto: jwa)

Virtuelle Realität ist ein Spielfeld der Zukunft, auf dem auch Zeiss mitmischen möchte. Die VR One ist eine der ersten VR-Brillen, die mit Android und iOS kompatibel ist. Ein guter Ansatz, doch im Test zeigt sich noch Luft nach oben.

Das Traditionsunternehmen Zeiss springt früh auf den erst langsam anrollenden Zug der virtuellen Realität auf. Das ist nicht selbstverständlich, doch der Optik-Spezialist hat die Zeichen der Zeit erkannt und bringt als einer der ersten Hersteller eine VR-Brille auf den Markt, die mit iOS- und Android-Geräten kompatibel ist.

Bei der VR One dient das Smartphone als Bildschirm, ähnlich wie bei Samsungs Gear VR. Während die Samsung-Brille aber nur mit dem Galaxy Note 4 funktioniert, ist die VR One mit jedem Modell zwischen 4,7 und 5,2 Zoll kompatibel - zumindest theoretisch. Denn um das Smartphone passgenau vor den Vergrößerungslinsen der Brille zu platzieren, braucht es einen Einschubschlitten und den gibt es bislang nur für das Galaxy S5 und das iPhone 6.

Auch für Brillenträger

zeiss-vr-2.jpg

Das Galaxy S5 passt mit Schlitten in die VR One.

(Foto: jwa)

Immerhin, damit unterstützt Zeiss zwei der aktuell beliebtesten Smartphones und mit Android und iOS die wichtigsten mobilen Systeme. Das ist aber, neben dem niedrigeren Anschaffungspreis von rund 100 Euro, auch schon der einzige Vorteil gegenüber der exklusiveren Gear VR. Ansonsten muss sich die VR One im Direktvergleich in jeder Kategorie geschlagen geben.

Optisch ähneln sich beide Brillen in vielen Aspekten, die Unterschiede liegen im Detail. Die Zeiss-Brille bietet mit 100 Grad ein minimal größeres Sichtfeld als die Gear VR (96 Grad), dieser winzige Vorsprung wird aber durch die geringere maximale Displaygröße ausgeglichen. Während man beim Note 4 mit seinem 5,7 Zoll großen Display tatsächlich das Gefühl hat, komplett in die virtuelle Realität einzutauchen, bleibt beim 5,1 Zoll großen Display des Galaxy S5 links und rechts ein schmaler schwarzer Rand sichtbar. Die höhere Pixeldichte des Note 4 (rund 515 ppi) sorgt außerdem im Gegensatz zum S5 (rund 432 ppi) für ein schärferes Bild. Mit einem Einstellrad kann man bei der Gear VR außerdem die Bildschärfe anpassen und so kleinere Sehschwächen ausgleichen. Die VR One hat ein solches Rädchen nicht, Brillenträger sollen aber ihre Sehhilfe aufbehalten können.

Der Tragekomfort beider Brillen ist ähnlich hoch, weiche Polster um die Augen vermeiden Druckstellen, drei verstellbare Haltegurte befestigen sie sicher am Kopf. Doch die Bedienung der VR One stellt sich schnell als unpraktisch und nervenaufreibend heraus. Steuerungselemente bietet die Brille selbst nämlich nicht. Während Samsung der Gear VR ein Touchpad und einen Zurück-Button spendiert hat, verlagert Zeiss die Navigation komplett in die Software.

Kaum Navigationsmöglichkeiten

zeiss-vr-3.jpg

Weiche Polster verhindern Druckstellen.

(Foto: jwa)

Das funktioniert bei Zeiss' eigenen Apps auch ganz gut, hier navigiert man allein mit Kopfbewegungen. Doch in Dritt-Apps, die diese Kopfsteuerung nicht unterstützen, ist der Nutzer aufgeschmissen. Einen Zurück-Button gibt es nicht, man bleibt in der Anwendung gefangen, bis man das Smartphone aus der Halterung herausnimmt und die Zurück-Taste drückt – das ist natürlich das Aus für jede echte VR-Erfahrung und im Praxiseinsatz äußerst frustrierend. Damit fällt die VR One im Bedienkomfort selbst hinter Googles Papp-VR-Brille Cardboard zurück, die immerhin einen magnetischen Ring hat, den man herunterziehen kann, um eine Ebene zurück zu gehen. Auch der Versuch, mittels Bluetooth-Controller von Samsung in den VR-Apps auf dem Galaxy S5 zu navigieren, schlug fehl.   

Doch die schlechten Navigationsmöglichkeiten sind nicht der einzige Dämpfer, auch die verfügbare Software ist bislang wenig zufriedenstellend. Eigens für die VR One gemacht sind bislang nur drei Apps: eine langweilige, ereignisarme und ruckelnde Weltraum-Simulation, bei der man per Kopfbewegung ein Raumschiff steuert; eine funktionslose Augmented-Reality-App, bei der man einen Würfel vor die Brille hält, auf dem dann sich bewegende Avatare erscheinen sowie eine Kino-Simulation, bei der man in einem fast leeren Kinosaal sitzt und auf der Leinwand Filme, Fotos und selbstgedrehte Videos anschauen kann.

Hier funktioniert die Navigation per Kopfbewegung zwar am besten, ein Blick auf die Ausgangstüren führt zum Beispiel zurück ins Hauptmenü, eine nette Idee. Doch hier zeigt sich auch, wie unausgereift das VR-Programm von Zeiss aktuell noch ist: Nichts funktioniert so richtig gut und flüssig, beim Zentrieren des Blickfeldes dreht sich das Bild zum Beispiel unwiderruflich auf den Kopf, Videos im Querformat werden um 90 Grad gedreht angezeigt. Auch der Media Launcher, eine Art zentraler App-Hub für die VR One, funktioniert im Test nicht zuverlässig und wechselt erst nach mehreren Versuchen in die Ansicht mit zwei stereoskopischen Halbbildern.

Ist die Anzeige dann einmal korrigiert, zeigt er weitere Apps an, die mit der Brille kompatibel sind, darunter auch Apps für Google Cardboard. Hier bekommt man eine Ahnung, wie das VR-Erlebnis auf der Zeiss-Brille auch sein kann: eine rasante Achterbahnfahrt durch eine virtuelle Tropenlandschaft, ein Zombie-Shooter aus der Egoperspektive (bei dem das Fadenkreuz aber auf dem Kopf steht), 360-Grad-Fotos oder die Besteigung der Eiger-Nordwand, bei der man mitten drin steht – bei diesen Apps ist das Benutzererlebnis mit der VR One gar nicht so weit von der Gear VR entfernt. Allerdings zeigt sich hier wieder das größte Manko der Brille: die fehlenden Steuerungsmöglichkeiten. Denn ohne Zurück-Taste, ohne Touchpad oder andere Eingabemöglichkeiten verliert man schnell den Spaß an der VR One und nimmt sie frustriert vom Kopf.

Das Potenzial ist da, doch noch kann die Gear VR deutlich mehr als die Brille von Zeiss. Wer also mit dem Kauf einer VR-Brille liebäugelt, aber kein Note 4 besitzt oder kaufen will, sollte noch etwas abwarten - die VR One bietet einen Einblick in die Zukunft der virtuellen Realität und macht Lust auf mehr. Doch frei bewegen kann man sich darin noch nicht.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema