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Wenn man nicht weiß, was man tut Die großen Irrtümer der Autoindustrie

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"Das Auto der Zukunft fährt automatisiert, vernetzt und elektrisch." Dieses Mantra wiederholen Industrie, Politik und vermeintliche Experten gebetsmühlenartig. Aber deshalb muss es noch lange nicht stimmen.

Vom Alt-Kapitalisten Warren Buffett stammen die Worte: "Risiko entsteht, wenn man nicht weiß, was man tut." Und: "Es ist besser, ungefähr recht zu haben, als sich tödlich zu irren." Beide Lebensweisheiten sollten sich nicht nur angehende Spekulanten hinter die Ohren schreiben, sondern auch die Entscheider und Meinungsmacher in Politik und Automobilindustrie.

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre als Chefvolkswirt bei BMW tätig und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Hier tönt es bei jedem Automobilkongress, ähnlich wie in der Weihnachtszeit bei den himmlischen Chören über den Hirten auf dem Feld: "Das Auto der Zukunft fährt automatisiert, vernetzt und elektrisch." Wobei Zukunft ein sehr dehnbarer Begriff ist, dessen Bestimmung von den Apologeten dieser Art der Zukunftsmobilität in der Regel offengelassen wird.

Man kann sich auch irren! Bereits im ersten Teil dieser Kolumne über grundlegende Irrtümer und strategische Fehleinschätzungen über und in der Autoindustrie selber wurde festgestellt: 1. Der VW-Konzern ist mitnichten wegen Dieselgate am Ende, im Gegenteil, jetzt geht die Party erst richtig los, 2. Der Dieselantrieb wird vom Kunden ob seiner Vorzüge gegenüber dem Benziner weiterhin hochgeschätzt. 3. Deutschland braucht keineswegs zwingend eine eigene Batteriezellen-Fertigung, wir stellen ja auch keine Bananen oder iPhone her und leben dennoch prächtig.

Die Autoindustrie frisst ihre Kinder

Die Quintessenz lautete: Der Kunde entscheidet mit seinem Geldbeutel über Produkte und Unternehmen, nicht die Medien oder die Politik. Leitlinie für die Politik sollte deshalb sein: Wo die Privatwirtschaft vor Investitionen kneift, sollte die öffentliche Hand den Beutel zuhalten.

Nun wird die kritische Betrachtung einiger Irrtümer rund ums Auto und die Automobilindustrie fortgesetzt. Allerdings mit einem etwas schärferen Akzent, denn hier geht es ganz im Sinne von Buffett teilweise um Irrtümer, die (ökonomisch) tödlich enden können, in Anlehnung an einen berühmten Buchtitel aus den 1960ern von Wolfgang Leonhard: "Die Automobilindustrie frisst (mit der Autonomisierung) ihre Kinder!" Und nun zu den Irrtümern vier und fünf.

4. Autonomes Fahren macht den Verkehr sicherer und für den Fahrer komfortabler

An dieser Stelle soll endgültig mit dem Vorurteil aufgeräumt werden, automatisiertes Fahren mache das Autofahren grundsätzlich sicherer, komfortabler und stressfreier. All das ist eine Fiktion, die reiner Technikbegeisterung und kaufmännischem Kalkül entspringt und das entscheidende Moment außer Acht lässt: Das, was der Autofahrer wirklich will, wo seine wahren Bedürfnisse liegen.

Da wird von der Automobilindustrie, getrieben von Google und Co, die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Da mögen branchenfremde Internetkonzerne mit Milliarden-Investitionen und Ei-ähnlichen Fahrzeugen eine Zukunftsmobilität vorgaukeln, die so nicht kommen wird: Selbstfahrende Autos brauchen weiterhin den Fahrer! Auch automatische Systeme verlangen volle Aufmerksamkeit, mehr noch, sie verlangen höchste Aufmerksamkeit. Mit dem automatisierten Fahren fängt der Stress erst richtig an!

Damit das Ganze eine Perspektive erhält und nicht nur aus der Hüfte argumentiert wird: Richtig ist, der technische Fortschritt rund um das Automobil steht nicht still. Die Initialzündung dazu kam bereits vor über 100 Jahren - im Jahr 1902 - von Robert Bosch, der damals das Patent für die Zündkerze erhielt, die mit einem Hochspannungs-Magnetzünder kombiniert war. Der Zündkerze fällt im Herzen des Otto-Motors eine zentrale Aufgabe zu: Sie erst bringt das Benzin-Luft-Gemisch zur kontrollierten Explosion und macht auf einen Schlag den Chauffeur mit der Motorkurbel überflüssig und den Automobilkäufer zum Selbstfahrer.

Wo bleibt der "erfahrbare" Nutzen?

Dies war die Initialzündung für den Siegeszug des Automobils! Seither hält der Innovationstrend der fortschreitenden Elektrisierung/Automatisierung/Digitalisierung von Bedienungsfunktionen im Automobil unvermindert an. Zielsetzung der Hersteller und der Zulieferindustrie: Durch fortschreitende Innovationen rund ums Auto das Autofahren immer sicherer und vor allem für den Fahrer einfacher, komfortabler und leichter zu machen - und zwar aus purem Egoismus: um damit Geld zu verdienen, und das nicht zu knapp!

Um die Sache auf den Punkt zu bringen: Der Autokäufer ist nur solange bereit, dem Hersteller technische Innovationen für mehr Komfort und Sicherheit durch weitere Automatisierung über höhere Preise zu vergüten, solange er davon einen erlebbaren und "erfahrbaren" Nutzen hat. Meilensteine auf dem Wege zur Erleichterung des "Fahrarbeit" und Steigerung der Freude am Fahren durch höheren Komfort aus der jüngsten Zeit sind etwa Licht-, Regen-, Bewegungs-, Brems-, Spurhalte- und Abstandssensoren, Head-up-Display oder auch Einparkhilfen.

Diese digitalen Helferlein, sprich Assistenzsysteme, machen dem Fahrer das Leben leichter und das Automobil als solches sowie den Verkehr sicherer. Der Rückgang der Anzahl der Verkehrstoten von rund 21.000 im Jahr 1970 auf 3459 im Jahr 2015 spricht Bände, zumal der Pkw-Bestand in Deutschland sich seither auf 45 Millionen mehr als verdreifacht hat. 

Stressfaktor steigt automatisiert

Schlägt die Qualität der Innovation jedoch um in zusätzlichen Stress oder sogar in Gefährdung von Leib und Leben, wird der Autokäufer das Angebot verschmähen. Die Autoindustrie ist mit der Entwicklung vollautomatisierter Autos dabei, genau diesen Bogen zu überspannen: Autofahren wird in Summe wegen strikter Einhaltung aller Verkehrsregeln und Vorschriften langweiliger, führt zu größeren Risiken und wird unkomfortabler, weil für den Fahrer stressiger.

Warum unsicherer? Automatisiertes Fahren setzt striktes Fahren nach gesetzlichen Vorschriften und Disziplin des Fahrers voraus, ob Alkoholverbot oder Geschwindigkeitsbeschränkung. Beispiel: Wo Tempo 30, 50 oder 100 draufsteht, da muss auch genauso gefahren werden! Wenn das heute von den Autofahrern so gewünscht und praktiziert würde, wären alle Radarfallen sinn- und die Stadtkämmerer ratlos. Kein Autofahrer möchte sich so gängeln lassen.

Darüber hinaus setzt automatisiertes Fahren funktionierende Erkennungs- und Vernetzungstechnik im Auto selbst wie eine absolut sichere Verkehrsinfrastruktur (Schildererkennung, Fahrbahnmarkierung et cetera) voraus. Diese sind mitnichten so verfügbar. Das menschliche Auge ist jedem mobilen haushoch überlegen. Der Verweis auf die letalen Tesla-Unfälle soll hier genügen. Kurz: Automatisiertes Fahren erhöht im Endeffekt das Unfallrisiko.

Warum stressiger? Weil nach absehbarer Gesetzeslage der Fahrer auch bei automatisiertem Fahren nicht aus seiner Beherrschungspflicht entlassen wird, sondern jederzeit in der Lage sein muss, sein Fahrzeug zu lenken oder einzugreifen. Das bedeutet: Permanentes Stand-by für den Fahrer statt relaxtes weil erfahrungsgesteuertes Fahren nach eigenem Gusto!

Der Verbraucher wird im Gros nur bereit sein, für nützliche digitale Helferlein Geld auszugeben, für vollautomatisiertes Fahren diese Art nicht! Merke: "Alles, was gegen den Markt (die Natur) ist, hat auf Dauer keinen Bestand" (Charles Darwin).

5. Digitalisierung und Vernetzung im E-Auto schaffen Arbeitsplätze

Das Gegenteil ist global gesehen richtig: Digitalisierung, etwa Industrie 4.0., vernichtet Arbeitsplätze, weil menschliche Arbeitskraft durch Chips und Roboter ersetzt werden. Vereinfacht ausgedrückt: Gewinner der Digitalisierung sind diejenigen, die die Systeme und Prozesse her- und erstellen, Verlierer sind dort, wo die Systeme Einzug halten.

Per Saldo überwiegen hohe Verluste. Nach Schätzungen der OECD werden in den nächsten Jahrzehnten gerade in den armen Entwicklungsländern 50 Prozent der Arbeitsplätze verloren gehen, wenn Maschinen etwa autonom nähen lernen ("Todesstich"). Oder in der Automobilindustrie, weil beim Übergang zum Elektroauto sowohl bei der Herstellung wie der Wartung jedwede Wertschöpfung entfällt, die mit dem Verbrennungsmotor zusammenhängt.

In der Branche als Ganzes, also inklusive der angeschlossenen Dienstleistungen, sind das nach Expertenschätzung rund 30 Prozent aller Arbeitsplätze. Das heißt, es geht hier Stand heute am Ende des Tages um etwa 100.000 bis 150.000 Arbeitsplätze.

Aber: So schnell wird es nicht gehen, das Hochfahren des Elektroauto-Marktes wird lange dauern! Da bleibt viel Zeit zur Diskussion einer Maschinensteuer, mit der die sozialen Hinterlassenschaften der Digitalisierung finanzierbar gemacht werden können. Ansonsten ist der technische Fortschritt in der Digitalisierung nicht aufhaltbar: Was vernetzt und digitalisiert werden kann, wird auch in Zukunft digitalisiert werden!

Quelle: n-tv.de

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