Wirtschaft

Drohnen-Attacke in Saudi-Arabien Droht eine neue Ölkrise?

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Der Angriff auf das Herz der saudischen Ölindustrie könnte den Anfang einer neuen Ölkrise markieren.

(Foto: REUTERS)

Vom Iran unterstützte Huthi-Rebellen schalten mit Luftangriffen die größte Raffinerie der Welt aus. Der Ölpreis explodiert um bis zu 20 Prozent - so viel wie beim Golfkrieg 1990. Die größte Förderstörung aller Zeiten könnte zum Auftakt einer neuen Ölkrise werden.

Was ist passiert?

Die saudische Ölindustrie ist am Wochenende auf beispiellose Weise attackiert worden: Am Samstag schlugen in der weltgrößten Ölraffinerie Abkaik am Persischen Golf und im östlich gelegenen Churais-Ölfeld, dem zweitgrößten Fördergebiet des Landes, mehrere Raketen in Anlagen des staatlichen Ölriesen Aramco ein. Die Hälfte der saudischen Ölförderung - rund 5,7 Millionen Barrel - ist seitdem außer Betrieb, das entspricht rund fünf Prozent des globalen Ölangebots.

Die Angriffe zielten auf das Herz der saudischen Ölförderung, ein vergleichbares Ausmaß gab es noch nie. Nicht einmal der Terrororganisation Al-Kaida ist es je zuvor gelungen, Ölanlagen am Golf in solchem Umfang auszuschalten. Der Anschlag führt der Welt die Verwundbarkeit des weltgrößten Ölförderers Saudi-Arabien vor Augen und versetzt die Märkte in Panik: Zur Eröffnung in London explodierten die Future-Preise für die Rohölsorte Brent um fast 20 Prozent - der größte Anstieg seit dem Golfkrieg 1990. Zwar haben sich die Ölpreise von diesem Schock bereits wieder etwas erholt, sie liegen aber weiter 8 Prozent über dem Vortagesniveau.

Wer steckt hinter der Attacke?

Offiziell haben vom Iran unterstützte Huthi-Milizen aus dem Jemen die Angriffe für sich reklamiert: Man habe die Ölanlagen mit zehn Drohnen angegriffen, erklärte ein Sprecher der Rebellen am Samstag im TV-Sender Al-Masirah. Dabei seien Flugzeuge mit einem neuartigen Antrieb zum Einsatz gekommen, hieß es in einer weiteren Erklärung. Die USA machen dagegen den Iran direkt für die Attacke verantwortlich. Es gebe Hinweise, dass die Flugkörper aus Richtung des Iran gekommen seien - und nicht aus Richtung des Jemen.

Auf Fotos, die die US-Regierung am Sonntag veröffentlich hat, sind 17 Einschlagsstellen in der Anlage in Abkaik erkennbar. Offenbar wurden bei dem Angriff zielgenau Kernelemente der Raffinerie ausgeschaltet. Saudi-Arabien sieht zudem Anzeichen für den Einsatz von Marschflugkörpern.

Einen zweifelsfreien Beweis, dass Iran hinter dem Angriff steckt, gibt es nicht. Teheran weist den Vorwurf zurück. Eine Reihe von Fragen ist offen: Wo genau sind die Drohnen gestartet? Welche Waffen kamen zum Einsatz? Und wie soll es den Bürgerkriegsrebellen angeblich gelungen sein, Ölanlagen fast 1000 Kilometer von der jemenitischen Grenze entfernt mit Hochpräzisionsschlägen zu treffen?

Welche Folgen hat der Angriff für den Ölpreis?

Versorgungsengpässe sind in Deutschland kurzfristig nicht zu erwarten. Laut Mineralölwirtschaftsverband kommt nur ein Prozent der Importe aus Saudi-Arabien. Auch die saudischen Ölexporte laufen trotz der Angriffe zunächst ungestört weiter. US-Präsident Donald Trump hat zudem angekündigt, notfalls die strategische Ölreserve des Landes anzuzapfen, um die Preise zu stabilisieren. Auch in Deutschland und anderen Ländern gibt es Notfalllager, um drastische Schocks abzufedern.

Mittel- und langfristig könnte der Angriff jedoch drastische Folgen für den Ölmarkt und die Preise haben. "Wir beobachten die Situation in Saudi-Arabien genau", heißt es von der Internationalen Energieagentur (IEA). Die jemenitischen Huthi-Rebellen haben bereits gedroht, dass sie die saudischen Ölanlagen weiter im Visier haben und jederzeit Ziele überall in Saudi-Arabien treffen können.

Der Angriff verschlimmert nicht nur dramatisch die seit Monaten schwelenden Spannungen zwischen den USA und Iran und wirft ein Schlaglicht auf den Stellvertreterkrieg zwischen Teheran und Riad im Jemen. Er könnte auch ein Wendepunkt für den Ölmarkt sein. Denn mit dem Angriff ist bewiesen, dass Saudi-Arabien als einer der Hauptölförderer der Welt womöglich dauerhaft gelähmt werden kann.

"Die Verwundbarkeit der saudischen Infrastruktur, die historisch als stabile Quelle für die Rohölversorgung gesehen wird, ist ein neues Paradigma, mit dem der Markt wird umgehen müssen", zitiert "Bloomberg" einen Analysten der Beratungsfirma Energy Aspects Ltd. "Der Ölmarkt muss nicht nur den derzeitigen Kapazitätsausfall, sondern eine höhere Risikoprämie für die Zukunft einpreisen", sagt der Ölhändler Andrew Hall der "Financial Times" (FT). Einige Analysten halten nun einen Ölpreis von 100 Dollar wieder für möglich. Nach der Attacke liegt er momentan bei rund 65 Dollar.

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Historisch gesehen ist die Drohnen-Attacke in Saudi-Arabien die größte Störung der Rohölversorgung aller Zeiten: Mit einem Ausfall von rund 5,7 Millionen Barrel täglich übertrifft sie laut IEA sogar die iranische Revolution von 1979 (5,6 Mio. Barrel), Saddam Husseins Invasion in Kuwait 1990 (4,3 Mio. Barrel) oder das Ölembargo der arabischen Staaten nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 (4,3 Mio. Barrel). Ob der Vorfall ähnlich dramatische Auswirkungen hat, hängt entscheidend davon ab, wie lange die Störung anhält.

Wie lange wird die Ölförderung gestört bleiben?

Saudi-Arabien arbeitet fieberhaft an der Reparatur der Anlagen und will nach Angaben vom Wochenende bereits heute ein Drittel der verlorenen Förderkapazität wiederherstellen. Auch wenn das Königreich einen Teil der Förderung wohl ziemlich zügig reparieren kann: Laut Insidern, auf die sich die "FT" und "Bloomberg" berufen, dürfte es eine Weile dauern, bis die vollen Kapazitäten wieder erreicht sind. Bis zur vollständigen Normalisierung der Ölproduktion "kann es Monate dauern", heißt es aus dem Umfeld des staatlichen Ölkonzerns Aramco.

Das Risiko weiterer Attacken und die drohende Vergeltung aus den USA könnten den Markt zudem weiter destabilisieren. Die USA stünden "mit geladener Waffe" bereit, hat Trump getwittert. Die EU-Kommission, Großbritannien und Deutschland mahnen dagegen vor voreiligen Schuldzuweisungen.

Quelle: n-tv.de

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