Wirtschaft

Im Jammertal der Niedrigzinsen Das eingebildete Leiden der Sparer

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(Foto: picture alliance / dpa)

An den niedrigen Zinsen wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern - das hat die EZB klar gemacht. Sparer sollten jedoch nicht jammern, sondern bei ihrer Altersvorsorge endlich umdenken. Das geht auch bei kleinen Geldbeuteln.

Schaut man auf das gute alte Sparbuch, sind es tatsächlich trostlose Zeiten für Sparer. Das lässt sich nicht leugnen. Auch Tagesgeld und Festgeld werfen nur noch Mini-Zinsen ab. Die Kritik aus der Branche an den Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB), die sie am Donnerstag noch einmal angepasst und verlängert hat, lässt deshalb auch nicht lange auf sich warten. Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon nennt die Entscheidungen der Zentralbank als "absolut unnötig und schädlich". Sie erschwere die private Altersvorsorge.

Ähnlich argumentiert DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben: "Der Aktionismus der EZB ist übertrieben. Statt immer neuer Maßnahmen wäre Gelassenheit besser gewesen." Ähnliche Kritik kommt von den Versicherern: "Steigen werden vor allem die Preise am Aktien- und Immobilienmarkt - zu Lasten der Ersparnisse von Gering- und Durchschnittsverdienern." Auch Finanzmarktexperten hauen in diese Bresche. Es werde wohl nie mehr Zinsen geben, mit denen man Altersvorsorge betreiben könne.

Solche Vorhersagen führen in die Irre. Die Kritik erweckt den Eindruck, die EZB handle verantwortungslos. Gerade das ist nicht der Fall. EZB-Chef Mario Draghi verlängert nicht die Leidenszeit für Sparer. Er versucht, größeres Unheil abzuwenden. Die Zentralbank muss die Preise stabil und die Wirtschaft am Laufen halten. Wenn die Wirtschaft stottert, geraten Jobs in Gefahr. Und ohne Arbeit ist an eine vernünftige Altersvorsorge gar nicht mehr zu denken.

Richtig ist: Zinsen zur Altersvorsorge sind auf absehbare Zeit keine Alternative. Auch Lebensversicherungen sind keine Lösung. Viele Sparer sehen aber nur das. Was sie nicht sehen, ist, wie sehr sie von niedrigen Zinsen und der niedrigen Inflation profitieren. Verbraucher können deutlich günstiger heizen als vor einem Jahr. Insbesondere der Rückgang der Rohstoffpreise führt zu erheblichen Einsparungen. So bleibt mehr Geld für andere Dinge übrig - auch für die Altersvorsorge. Außerdem haben Arbeitnehmer mehr von ihrer Gehaltserhöhung und Rentner haben real mehr vom Rentenplus zur Jahresmitte.

Studie: Mini-Zinsen beeinflussen Sparer kaum

Die Bundesbank kommt zu dem Ergebnis, dass die realen Renditeeinbußen dank der mickrigen Inflation gar nicht so groß sind, wie man angesichts der niedrigen Zinsen denken könnte. Da die Menschen auch renditestärkere Aktien, Investmentfonds oder Lebensversicherungen hielten, falle die Bilanz insgesamt sogar positiv aus. Über alle Anlageformen der Haushalte hinweg lag die durchschnittliche Rendite laut Bundesbank zwischen 2008 und 2015 bei 1,5 Prozent.

Eine Studie zu privaten Haushalten und ihren Finanzen aus dem Jahr 2014 kam zudem zu dem Ergebnis, dass die anhaltenden Niedrigzinsen das Sparverhalten der Deutschen gar nicht so stark beeinflusst haben, wie mancher Experte argumentiert. Über drei Viertel der mehr als 4400 Befragten gaben laut Bundesbank an, nichts an ihrem Sparverhalten verändert zu haben. Nur etwa 15 Prozent der Haushalte erklärten, wegen der Niedrigzinsen weniger zu sparen - lediglich etwa sieben Prozent wollten Geld anders als zuvor anlegen.

Warum könnte das so sein? Es lohnt eine einfache Gegenrechnung. Zu Zeiten, als es noch drei Prozent Zinsen auf Sparbücher gab, lag die Inflation rund bei zwei Prozent. Die Differenz zeigt: Diese alten Zinszeiten waren auch nicht so toll, wie sie heute dargestellt werden.

Baukredite sind historisch günstig

Die Konsequenz für Sparer sollte deshalb nicht Tatenlosigkeit sein. Wichtig ist, dass sie andere Strategien für die Altersvorsorge entwickeln. Als gute Entscheidung hat sich in der Niedrigzinsphase ein Immobilienkauf erwiesen. Ein Kredit für zehn Jahre ist bereits ab etwa zwei Prozent zu bekommen. Vor fünf Jahren zahlte der Häuslebauer noch das Dreifache für Baugeld. Der Unterschied beträgt bei einem Darlehen von 150.000 Euro immerhin 3000 Euro pro Jahr. Heute ist kaufen vielfach preiswerter als mieten. Außerdem können sich heute Menschen einen Immobilienerwerb leisten, die an so etwas noch vor wenigen Jahren nicht einmal gedacht haben.

Auch Sparer, die alternativ Aktien gekauft haben, hatten die Chance, sich ein komfortables Polster fürs Alter zuzulegen. Der Deutsche Aktienindex stieg seit 2013 um mehr als 3000 Punkte auf 11.000 Punkte. Das heißt, auf dem Sparbuch herrscht renditemäßig Flaute, aber anderswo lässt sich allemal eine Altersvorsorge aufbauen. Sicherlich gibt es Risiken. So sehen Kritiker bereits eine Preisblase auf dem Immobilienmarkt. Auch der Aktienmarkt sei überteuert, warnen Experten. Aber die "sichere Bank" bei der Altersvorsorge gibt es nicht. Finanzen, Altersvorsorge zu managen, ist ein aktives Geschäft. Nachjustiert werden muss immer.

Der Vorwurf, dass diese Anlagen nichts für Geringverdiener ist, stimmt nur bedingt. Gutverdiener können die Niedrigzinsen besser wegstecken. Das mag richtig sein. Aber richtig ist auch, dass Geringverdiener sich auch mit dem Sparbuchsparen oder dem Zahlen einer Lebensversicherung schwer getan haben. Was viele nicht wissen: Aktiensparpläne gibt es bei den Direktbanken fast gebührenfrei ab 50 Euro im Monat. Und kleinere Immobilien – vielleicht auch zum Vermieten, um im Alter ein Zusatzeinkommen zu generieren, lassen sich beim Einsatz von etwas Eigenkapital schon für rund 200 Euro im Monat finanzieren. Der Appell des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands an die Politik, den Aufbau von Vermögen zu erleichtern, etwa durch eine stärkere Förderung der sogenannten vermögenswirksamen Leistung ist deshalb richtig. Auch der Hinweis, dass die Wertpapierberatung weniger bürokratisch sein und beim Aufbau einer breit angelegten "Wertpapierkultur" helfen sollte, geht in die richtige Richtung. Von trostlosen Zeiten beim Sparen kann keine Rede sein.

Quelle: ntv.de