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Gewappnet für den Klimawandel Grüne Zukunft in der Kältekammer

Wird es in hundert Jahren noch Hänge mit Adonisröschen oder bunte Feuchtwiesen geben? Angesichts des fortschreitenden Klimawandels keine unbegründete Frage. Viele Pflanzen sind bedroht. Berliner Wissenschaftler nehmen das nicht einfach hin.

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So sieht er aus, der größte Samen der Welt: der Samen der Seyschellenpalme (Lodoicea maldivica). Er lagert in der Samenbank im Botanischen Garten Berlin.

(Foto: dpa)

Bei minus 24 Grad wird in Berlin die grüne Zukunft aufbewahrt. Im traditionsreichen Botanischen Garten in Berlin lagern in Riesen-Kühltruhen Samen von rund 3500 Arten bedrohter und selten gewordener Wildpflanzen aus ganz Europa. Wenn es gutgehe, könnten die akribisch getrockneten, gereinigten und luftdicht verpackten Kostbarkeiten noch in 200 Jahren keimen, sagt Prof. Albert-Dieter Stevens. "Wir müssen gewappnet sein für den Klimawandel."

Der wissenschaftliche Chef des Botanischen Gartens und seine Botaniker-Kollegin Elke Zippel nennen den Kühlraum ihre "Schatzkammer": "Wir bewahren ein Stück genetische Vielfalt der Wildpflanzen und damit Lebensgrundlage der Menschen."

Die vor 15 Jahren gegründete Genbank für Wildpflanzen ist bundesweit die älteste. Jedes Jahr komme Neues hinzu, so Zippel. Allein in Deutschland sei knapp die Hälfte der Pflanzen gefährdet oder vom Aussterben bedroht. "Dem wollen wir entgegenwirken." Und so stecken reduziert auf ihren Samen auch Schneckenklee, Wiesen-Küchenschelle und Adonisröschen in den Glasröhrchen.

Rettung seltener einheimischer Pflanzen

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In Riesen-Kühltruhen lagern Samen von rund 3500 Arten bedrohter und selten gewordener Wildpflanzen aus ganz Europa.

(Foto: dpa)

Zippel hat ein Blitzen in den Augen, als sie von ihrer Entdeckung berichtet - in der Nähe von Potsdam fand sie den vom Aussterben bedrohten Lungen-Enzian. Nun ist geplant, im Botanischen Garten dieses Highlight zu vermehren, damit wie früher einige Feuchtwiesen wieder in blau schimmern. "Wir sorgen dafür, dass sich winzig kleine bedrohte Pflanzenpopulationen in ihrem Bestand erholen oder neu heimisch werden", sagt die 42-Jährige. So sei auch das selten gewordene Leimkraut in Berlin gerettet worden. Gab es vor zwölf Jahren nur noch acht Pflanzen, seien es nun rund 10.000.

Die Botaniker sind nur mit Genehmigung der Naturschutzbehörden zum Sammeln unterwegs. Die Wissenschaftler schwärmen in alle Welt aus, um Pflanzen nach Samen abzusuchen oder seltene überhaupt zu finden.

Ein Teil der Samen kommt aber auch aus der Vielfalt des mehr als 100 Jahre alten Botanischen Gartens. Kein einziges Körnchen gehe an Privatleute, sagt Zippel. "Das Material ist ausschließlich für die Forschung und den Naturschutz gedacht." Die Einrichtungen tauschten das Pflanzenmaterial kostenlos aus.

Welt-Spitzenklasse-Arbeit für Jahrhunderte

2011 soll die Dahlemer Saatgutbank bessere und größere Räume mit Laboren bekommen. Derzeit gibt es neben der kalten Lagerung für Jahrhunderte ganz in der Nähe noch die liebevoll genannte "Samenstube", von der aus Pflanzensamen in alle Welt verschickt werden. Stevens zeigt auf einen uralten Holzschrank mit dutzenden Schubfächern für das Saatgut. Daneben rütteln zwei Frauen Samenstände durch Siebe und pusten Reste weg. "Unter diesen Bedingungen wird Welt-Spitzenklasse-Arbeit geleistet", sagt der Professor.

Marion Raddatz, seit 36 Jahren im Botanischen Garten, kümmert sich um den Versand. Sie hat den richtigen Schüttelgriff, um die Spreu vom Kostbaren der Pflanze zu trennen. Pro Jahr werden bis zu 15.000 Samentütchen für den Versand zurechtgemacht und mit wissenschaftlichem Namen ausgezeichnet.

Der immer wieder aktualisierte Katalog "index seminum", aus dem mehr als 600 Botanische Gärten, Unis und Forschungseinrichtungen Raritäten aussuchen, ist der ganze Stolz der Berliner Wissenschaftler. Vor mehr als 100 Jahren kam der erste heraus. Mehr als 3000 Positionen sind in dem aktuellen Bestellbuch aufgelistet. "Wir verbürgen uns für alles, was da drin ist", sagt Prof. Stevens.

Quelle: ntv.de, Jutta Schütz, dpa