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Wettlauf um die Sterne Indien und China schalten sich ein

50 Jahre nach Gagarin befindet sich die bemannte Raumfahrt im Umbruch. Nicht nur die Zukunft der USA im All ist ungewiss. Im Wettlauf um die Sterne tut sich ein ganz neues Starterfeld auf.

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China erkundet den Mond: auf dem Raumbahnhof Xichang startet am 1. Oktober 2010 die Sonde "Chang'e II".

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Als Juri Gagarin als erster Mensch ins All flog, waren die politischen Verhältnisse im Orbit noch klar umrissen. Die Sowjetunion und die USA lieferten sich einen ideologisch aufgeladenen Zweikampf um Prestige und militärische Überlegenheit, der die Raumfahrtprogramme beider Supermächte vorantrieb. Fünfzig Jahre später befindet sich die bemannte Raumfahrt im Umbruch. Angesichts astronomischer Defizite haben die USA derzeit wenig Spielraum für Weltraum-Abenteuer und setzen zunehmend auf Innovationen aus der Privatwirtschaft. Zugleich schalten sich mit China und Indien neue Konkurrenten in den Wettlauf zu den Sternen ein.

"Die Zukunft des bemannten Raumfahrtprogramms der USA war damals fast genauso ungewiss wie heute", sagt John Logsdon, ehemaliger Direktor des Instituts für Weltraumpolitik an der George Washington Universität. Bereits 1957 hatte die UdSSR den Westen geschockt, als sie den ersten Satelliten "Sputnik" ins All schoss. Gagarins Weltraum-Premiere am 12. April 1961 vertiefte das Gefühl der Unterlegenheit. US-Präsident John F. Kennedy nahm die Herausforderung an und gab das kühne Ziel aus, vor Ende des Jahrzehnts einen US-Astronauten zum Mond und zurück zu bringen.

Armstrong warnt vor Abstieg der USA

Beim Apollo-Programm der NASA spielte Geld keine Rolle. Das Budget der Weltraumagentur machte zeitweise rund zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes der USA aus, heute beträgt es gerade einmal 0,5 Prozent. Das Rennen zum Mond endete für Washington mit einem Triumph: Neil Armstrong betrat am 21. Juli 1969 als erster Mensch den Erdtrabanten.

Im Februar vergangenen Jahres warnte jener Neil Armstrong vor einem Abstieg der USA zu einer "drittklassigen" Raumfahrtnation. Da hatte Präsident Barack Obama gerade das Constellation-Programm zusammengestrichen, das sein Vorgänger George W. Bush nach der Explosion des Space Shuttles "Columbia" 2003 eingeleitet hatte. Das Programm kehrte zur traditionellen Kombination aus Trägerrakete und Raumkapsel zurück, der erste Start war ursprünglich 2012 geplant.

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Die Amerikaner arbeiten an der Marsmission. 2035 sollen erstmals Menschen in die Umlaufbahn des Planeten befördert werden.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Nun dürfte die Orion-Kapsel in abgespeckter Version frühestens 2015 einsatzbereit sein. Die Space Shuttle, die Astronauten seit den 80er Jahren ins All befördert hatten, werden diesen Sommer ausgemustert. Für einige Jahre müssen US-Raumfahrer deshalb an Bord einer russischen Sojus-Kapsel mitreisen - für rund 50 Millionen Dollar pro Ticket.

In seiner im April 2010 vorgestellten Weltraum-Strategie hält Obama dennoch an großen Zielen fest. Mit einer neuen Langstreckenrakete wollen die USA um das Jahr 2035 erstmals einen Menschen in die Umlaufbahn des Mars befördern. Raumfahrt soll zudem nicht mehr nur eine Staatsangelegenheit sein: Obama will private Projekte zum Personen- und Frachttransport ins All finanziell fördern.

Aller Visionen zum Trotz ist die bemannte Raumfahrt fünfzig Jahre nach Gagarin wieder in ähnlichen Umlaufbahnen angekommen: Momentan reicht der Radius der Missionen gerade mal bis zur Internationalen Raumstation ISS, die 350 Kilometer über der Erde schwebt. Neuen Schwung könnten Länder wie China oder Indien bringen. Peking hatte 2003 erstmals ein bemanntes Raumschiff ins All geschickt, 2008 dann absolvierte der erste Taikonaut einen Außeneinsatz. Die indische Regierung strebt eine bemannte Mission bis 2016 an.

Kein neuer "Sputnik"-Schock

Ein neuer "Sputnik"-Schock durch den Aufstieg Pekings steht der US-Raumfahrt nach Ansicht von Experten aber nicht bevor. China sei "keine vergleichbare Bedrohung" wie einst die Sowjetunion, sagt NASA-Historiker Stephen Garber. Das öffentliche Interesse in den USA an der Raumfahrt ist im Vergleich zu den 1950er und 1960er Jahre außerdem eher gering.

Eine aktuelle Untersuchung der International Academy of Astronautics (IAA) sieht in eine stärkeren Zusammenarbeit zwischen den Raumfahrernationen den Schlüssel zu tieferen Vorstößen ins All: Ein Einstieg von China und Indien bei der ISS wäre ein "starkes Symbol der Hoffnung" für eine Raumfahrt, die im 21. Jahrhundert zum Mond zurückkehren und bis zum Mars vordringen könnte.

Quelle: ntv.de, Gregor Waschinski, AFP