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Interview mit einem Rechengenie "Mathe ist mein Rauschmittel"

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Ein Siegerkranz für die beste Mathe-Olympionikin aller Zeiten.

picture alliance / dpa

Kein Fehler, volle Punktzahl - Lisa Sauermann aus Dresden war die große Abräumerin bei der Internationalen Mathematik-Olympiade (IMO). Mit viermal Gold und einmal Silber ist die 18-Jährige jetzt die Rekordteilnehmerin des weltweit wichtigsten Mathematik-Schülerwettbewerbs - da gratuliert selbst die Bildungsministerin. Ein Star sei sie allerdings nicht, bleibt die künftige Mathe-Studentin bescheiden. Im Interview redet sie über den Männerüberschuss bei der IMO und Mathematik als Drogenersatz. 

n-tv.de: Frau Sauermann, herzlichen Glückwunsch, Sie sind seit dem Wochenende die erfolgreichste Teilnehmerin aller Zeiten bei der Internationalen Mathe-Olympiade (IMO). Haben Sie das schon gefeiert?

Lisa Sauermann: Ja. Gestern Abend gab es eine Party mit allen IMO-Teilnehmern, das war nett.

Das klingt aber zurückhaltend, immerhin waren Sie in Amsterdam …

Ja, aber es hat leider geregnet und die Party fand in Zelten statt.

Sie haben als einzige Teilnehmerin die volle Punktzahl erreicht. Ihnen sind also auch die Fragen bei der IMO zu einfach?

Nein. Am ersten Tag bin ich nur sehr knapp fertig geworden. Es gehört auch ein bisschen Glück dazu, so schnell auf die richtigen Lösungen zu kommen. Zu leicht fand ich es bestimmt nicht.

Wie sehen denn die Aufgaben bei der IMO überhaupt aus? Mit den Sachaufgaben aus meiner Schulzeit dürfte das ja eher wenig zu tun haben. Könnten Sie eine Beispielfrage nennen?

Die Aufgaben drehen sich um Beweise, man soll Lösungswege aufzeigen. Die lustigste Aufgabe war sicher die mit den Windmühlen: Man hat endlich viele Punkte in der Ebene. Durch einen davon legt man eine Gerade, die man im Uhrzeigersinn dreht, bis man sie gegen einen weiteren Punkt stößt. Dann dreht man sie um diesen neuen Punkt weiter und immer fort. Man soll zeigen, dass es möglich ist, die Anfangsgerade so zu positionieren, dass bei diesem Vorgang alle Punkte unendlich oft dieser Drehpunkt sind. Die war ganz schön schwer.

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(Foto: picture alliance / dpa)

Ich komme gerade nicht auf die Lösung, könnten Sie mir vielleicht auf die Sprünge helfen?

Zuerst zeigt man, dass während des gesamten Prozesses die Anzahl der Punkte auf einer Seite der Geraden gleich bleibt. Damit kann man dann charakterisieren, welche Geraden während des Prozesses vorkommen. Anschließend beweist man, dass tatsächlich durch jeden Punkt eine solche Gerade verläuft, wenn man die Anfangsgerade passend wählt.

Was für ein Denkvermögen braucht man, um eine solche Aufgabe zu lösen?

Es geht eben darum, mit Logik Argumente zu finden, die Sachverhalte mathematisch zeigen. Es geht nicht um Zahlen oder Ergebnisse, sondern die Argumentation dahinter, und darum, diese mit kreativen Ideen zu führen.

Sie sind jetzt 18 Jahre alt. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Ihren Altersgenossen im mathematischen Verständnis weit voraus sind?

Das war mir schon in der Grundschule klar. Mathe hat mir viel Spaß gemacht und fiel mir sehr leicht. Dass mir logisches Denken liegt, hat sich vorher schon angedeutet, ich habe oft Strategiespiele mit meinen Eltern gespielt – Spiele, bei denen man erst die Logik hinter den Regeln verstehen muss.

Wurden Sie besonders gefördert?

In der Grundschule hat sich meine Lehrerin meiner angenommen. Später am Gymnasium wurde ich von den dortigen Lehrern gefördert. Außerdem habe ich an der Technischen Universität Dresden eine Mathe-AG für Schüler besucht, die mich sehr vorangebracht hat.

Sie haben Ihr Abitur bereits absolviert und wollen jetzt in Bonn studieren. Welches Fach haben Sie ins Auge gefasst?

Ich werde Mathematik studieren. Genaueres weiß ich noch nicht. Ich fange erst einmal an und schaue dann, in welche Richtung ich mich spezialisiere.

Haben Sie an der Universität dann schon ein gewisses Standing? Ich nehme an, die Professoren wissen, wen sie vor sich sitzen haben.

Schon, aber der Punkt ist: Diese Olympiade-Sachen sind anders als das, was man an der Universität behandelt. So gesehen, fange ich wie alle anderen von Neuem an.

Sind Sie als Rekordhalterin bei der IMO so etwas wie ein Star der Mathematik? Die anderen Teilnehmer haben sich mit Ihnen fotografieren lassen.

Ach, da werden viele Fotos gemacht. Vielleicht ein paar mehr mit mir. Aber generell werden viele Fotos mit Leuten von verschiedenen Kontinenten geschossen, einfach als Erinnerung.

Ich muss zugeben, dass mein Bild von Mathematikern von Filmen wie "A Beautiful Mind" geprägt ist – fachlich genial, aber sozial unfähig. Könnten Sie mein Vorurteil korrigieren?

Natürlich gibt es solche Mathematiker, die so ticken wie in "A Beautiful Mind", aber das sind ganz wenige. Die meisten sind fröhliche Menschen, mit denen man wie gestern Abend richtig tanzen kann, mit denen man richtig viel Spaß haben kann.

Sie sind also kein Nerd?

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Die deutsche Delegation bei der IMO.

(Foto: Bildung&Begabung)

Nein.

Trotz Ihres großen Erfolgs ist das deutsche Team nicht unter den Top Ten bei der IMO gelandet. Sind die anderen Teams in der Breite besser besetzt?

Ja. Die Punkte aller Teilnehmer werden aufsummiert, so kommt dann die Gesamtwertung zustande. Deutschland hat zwar die erfolgreichste Teilnehmerin, andere Länder aber gleich mehrere Erstplatzierte. Es war aber auch knapp. Der zehnte Platz ist nur einen Punkt vor uns, der geteilte achte Rang nur vier Punkte.

Gibt es Abonnement-Sieger?

China gewinnt fast immer, in diesem Jahr auch.

Was machen die chinesischen Mathe-Schüler besser?

Erstens gibt es ja sehr viele Menschen in China – jedes Land darf nur sechs Teilnehmer schicken, China hat viel mehr Leute, aus denen sie auswählen können. Zweitens ist das chinesische Training deutlich intensiver als unseres. Die Chinesen arbeiten weniger spaß- und mehr erfolgsorientiert. In China hängt von den Ergebnissen der IMO auch mehr ab als bei uns – etwa, wo die Schüler später studieren können. Davon hängt dann manchmal das Wohlergehen der Familie ab.

Erleben Sie bei den Wettbewerben die chinesische Delegation als ernsthafter?

Ja, die sind sehr verschlossen und nicht besonders kommunikativ. Das sind schon eher die Nerds, die Sie beschrieben haben.

Sie haben Lob von der Bildungsministerin bekommen. Anette Schavan hat Sie als Beweis dafür angeführt, dass die Spitzenmathematik keine Männerdomäne sein muss. Herrscht bei der IMO Männerüberschuss?

Ja, an der IMO nehmen wesentlich mehr Jungs als Mädchen teil. Aber deswegen sind die Mädchen nicht benachteiligt, das geht schon alles fair zu.

Woran liegt es, dass es mehr männliche Teilnehmer gibt?

Das liegt meiner Meinung nach daran, dass Mädchen dazu neigen, viele Interessen zu haben. Ich sehe das an meiner Schwester. Die macht viel Musik, aber auch Physik, dazu tanzt sie auch noch. Wenn man sich nicht auf eine Sache konzentriert, ist es schwer, bis an die Spitze zu kommen. Jungs neigen eher dazu, sich zu spezialisieren.

Wann stand es für Sie denn fest,  dass Sie sich auf die Mathematik spezialisieren wollen und alles andere zurückstehen muss?

Mir haben Mathe-Aufgaben eben viel Spaß gemacht und ich habe mich im Laufe der Zeit verbessert. Die Erfolge in den Wettbewerbsrunden motivieren und dann hat sich das so entwickelt.

Das klingt so folgerichtig. Aber Sie haben doch bewusst einen anderen Weg gewählt als vielleicht Altersgenossen, Freundinnen, Freunde?

Was heißt "Weg gewählt"? Das hat sich eben so ergeben. Die Aufgaben haben mir Spaß gemacht, und dann bin ich da immer tiefer reingerutscht. So wie man in die Drogenszene reinrutscht, kann man auch in die Matheszene reinrutschen (lacht).

Ist Mathe für Sie ein Rauschmittel?

Ja. Es ist ein unheimlich tolles Gefühl, wenn man eine Aufgabe löst, an der man schon eine lange Zeit gearbeitet hat. Da werden bestimmt Glückshormone freigesetzt, die Drogen auch erzeugen. So gesehen ist es vielleicht schon vergleichbar. Ich glaube aber, Mathe ist deutlich gesünder und produktiver (lacht).

Quelle: n-tv.de, mit Lisa Sauermann sprach Christian Bartlau

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