Wissen

Proben von den Segeln gefegt Mikroben aus Darwin-Staub

Das gläserne Reagenzglas mit der Sammlungsnummer 2895 trägt ein Etikett aus verblichenem Papier. Darauf sind mit schwarzer Tinte zwei der berühmtesten Namen der Wissenschaftsgeschichte zu lesen: "Darwin" und "Beagle". In dem mit einem Korken verschlossenen Glas aus der Sammlung des Berliner Museums für Naturkunde findet sich puderfeiner rötlicher Staub, den der Begründer der Evolutionslehre (1809-1882) von den Segeln seines Forschungsschiffes "Beagle" gefegt hatte. Der Staub stammt aus dem Westen der Sahara und wurde mit dem Wind über den Atlantik bis auf das Schiff geweht. Mehr als ein Jahrhundert später wurden nun darin zahlreiche lebende Keime nachgewiesen. Das berichtet eine Gruppe um Anna Gorbushina vom Institut für Mikrobiogeochemie an der Universität Oldenburg im Journal "Environmental Microbiology".

Die Proben wurden damals in Glasgefäßen sicher verschlossen und an den Berliner Naturforscher Christian Gottfried Ehrenberg (1795-1876) gesendet. Ehrenberg war als Mediziner, Zoologe und Botaniker tätig und einer der vielseitigsten und fruchtbarsten Naturforscher des 19. Jahrhunderts.

Die nun präsentierten Daten zeugten davon, dass der Staub tatsächlich aus der Wüste und nicht aus der Karibik stamme, berichtet Co-Autor Professor Hans-Jürgen Brumsack von der Universität Oldenburg. Inzwischen ist bekannt, dass der Wind große Mengen Staub aus der Sahara über den Atlantischen Ozean trägt und damit einen Beitrag zur Versorgung des Wassers mit Nährstoffen leitet. "Wahrscheinlich gehen sogar große Algenblüten auf den eisenhaltigen Staub zurück", sagt Brumsack. Die von der Sahara ausgehenden Staubstürme können mitunter so viel Material durch die Luft tragen, "dass man die Hand nicht mehr vor Augen sieht".

Die Forschergruppe öffnete nur wenige historische Proben der "offensichtlich unersetzlichen Ehrenbergschen Sammlung". Und dies sei überhaupt nur deshalb zulässig gewesen, weil die inzwischen zur Verfügung stehende Analysetechnik einen riesigen Wissenszuwachs habe erwarten lassen: "Wir hatten den Eindruck, dass dies der Fall war und haben unter keimfreien Bedingungen Proben genommen", erklärt die Gruppe.

Sie verteilte den historischen Staub in winzigen Mengen - beim sterilen Wiegen von weniger als 50 tausendstel Gramm (50 Milligramm) wäre jeder Lufthauch verheerend gewesen - auf verschiedene Nährmedien. Damit wollten sie die lange Zeit überlebensfähigen Sporen, Dauerformen von Bakterien, wieder keimen lassen. Und tatsächlich: Darwins weit gereister Saharastaub birgt Leben. Die Bakterien wachsen und bilden zahlreiche Kolonien.

Um sicher zu sein, dass die Keime nicht mit dem "zeitgenössischen" Staub des Berliner Museums ins Reagenzglas gelangt waren, betrachteten die Wissenschaftler viele Proben beiderlei Herkunft unter mehreren starken Mikroskopen. Das Resultat: Der moderne Schmutz war mit zahlreichen Pollen behaftet, der alte nicht - er war also über die Jahrzehnte sicher verwahrt und vor Kontamination verschont geblieben.

Selbst in den ältesten Proben der Sammlung - datiert aufs Jahr 1812, gesammelt auf der Karibikinsel Barbados - steckte noch Leben, heißt es in dem Journal. Gorbushina und ihre Kollegen wiesen mit einer Genanalyse insgesamt 17 verschiedene Bakterienarten nach. Auch zwei Pilzarten fanden sich in den historischen Proben. Von denen hatte Ehrenberg (1795-1876) im Jahr 1851 geschrieben, dass die Wissenschaft sie wahrscheinlich noch in 100 Jahren so interessant finden werde, um darin nach Leben zu suchen. Jetzt hat sich seine Vorhersage also erfüllt.

Ehrenberg war von 1842 bis 1867 Sekretär der physikalisch- mathematischen Klasse der Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Nach seinem Tod ging seine Sammlung, die rund 40 000 mikroskopische Präparate, 3000 Handzeichnungen und 1000 Briefe enthielt, an das Berliner Museum. Charles Darwin hat die vielfach und zweifelsfrei belegte Theorie von der Evolution der Arten begründet und wurde damit einer der größten Naturwissenschaftler aller Zeiten.

Quelle: ntv.de, Von Thilo Resenhoeft, dpa