Wissen

Xylit, Stevia & Co unter der LupeSchaden zuckerfreie Kaugummis und Zero-Getränke Herz und Darm?

31.08.2026, 20:25 Uhr imageVon Hedviga Nyarsik
00:00 / 11:22
599720069
Xylit in Kaugummis soll die Zähne vor Karies schützen. (Foto: picture alliance / Shotshop)

Süßstoffe versprechen Genuss ohne Reue. Doch neue Studien zu Xylit und Erythrit zeigen: "zuckerfrei" ist nicht automatisch gleichbedeutend mit "risikofrei" und "gesund". Und auch Aspartam und Sucralose stehen auf dem Prüfstand. Wie gefährlich sind die Stoffe wirklich?

"Zuckerfrei", "Zero", "ohne Zuckerzusatz" - wer Kalorien sparen oder seinen Blutzucker schonen will, greift gerne zu Produkten mit Süßstoffen. Auf den ersten Blick klingt das plausibel: weniger Zucker, weniger Kalorien, also gesünder. Doch inzwischen häufen sich Studien, die zumindest bei einzelnen Zuckerersatzstoffen misstrauisch werden lassen. So rücken neue Daten vom Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) nun Xylit, auch Birkenzucker genannt, in den Fokus - einen Stoff, der oft als besonders natürliche Alternative zu Zucker vermarktet und häufig in zuckerfreien Kaugummis und Bonbons verwendet wird.

Unterschied zwischen Süßstoffen und Zuckeralkoholen

  • Süßstoffe sind meist synthetisch hergestellt oder pflanzlichen Ursprungs (wie Stevia). Da sie so extrem süß sind, benötigt man für Speisen und Getränke nur winzige Mengen. Deshalb liefern sie praktisch keine Energie und beeinflussen den Blutzuckerspiegel nicht. Sie eignen sich somit optimal für Light-Getränke.
  • Zuckeralkohole (Polyole) sind dagegen abgewandelte Kohlenhydrate. Weil sie wie Zucker aussehen und sich beim Backen oder Kochen auch so verhalten (Masse bilden), werden sie oft als 1:1-Ersatz genutzt. Sie lassen den Blutzucker nur minimal ansteigen, binden im Darm jedoch Wasser, was bei Überverzehr zu Verdauungsbeschwerden führen kann.

Ein Forschungsteam um Marco Witkowski von der Berliner Charité untersuchte Daten von 17.710 Menschen aus zwei großen Langzeitstudien. Das Ergebnis: In der kanadischen Studie hatten Personen mit den höchsten Xylit-Werten im Blut innerhalb von sechs Jahren ein um 57 Prozent höheres Risiko für Tod, Herzinfarkt oder Schlaganfall als jene mit den niedrigsten Werten. In einer europäischen Langzeitstudie über 30 Jahre lag das Risiko um 18 Prozent höher. Zudem zeigte sich laut Forschenden, dass je mehr Xylit im Blut nachweisbar war, desto häufiger Herz-Kreislauf-Ereignisse auftraten. Die Ergebnisse wurden auf dem ESC-Kongress 2026 vorgestellt.

Die Zahlen klingen alarmierend, beweisen aber nicht, dass ein zuckerfreier Kaugummi direkt einen Herzinfarkt verursacht. Xylit ist nicht nur ein Lebensmittelzusatzstoff, sondern entsteht in kleinen Mengen auch im menschlichen Stoffwechsel. Ein hoher Blutwert verrät deshalb nicht automatisch, wie viel Xylit jemand zu sich genommen hat. Menschen mit bestimmten Stoffwechselstörungen können somit zufällig sowohl höhere Xylit-Werte als auch ein höheres Herzrisiko haben.

Thrombosegefahr durch Xylit und Erythrit?

Dennoch ist ein möglicher Zusammenhang nicht von der Hand zu weisen. Bereits 2024 berichteten Witkowski und sein Team im "European Heart Journal", dass hohe Xylit-Werte bei mehr als 3000 untersuchten Patienten mit einem höheren Drei-Jahres-Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse verbunden waren. In Labor- und Tierversuchen machte Xylit außerdem Blutplättchen reaktionsfreudiger und förderte die Bildung von Gerinnseln. Bei zehn gesunden Probanden stiegen nach einem xylithaltigen Getränk sowohl die Blutwerte als auch mehrere Messgrößen der Plättchenaktivität deutlich an.

Ein ähnliches Warnsignal gibt es für Erythrit, einen weiteren beliebten Zuckeralkohol. Eine 2023 in "Nature Medicine" veröffentlichte Studie verband hohe Erythritwerte im Blut mit mehr Herzinfarkten, Schlaganfällen und Todesfällen. Auch hier fanden die Forschenden Hinweise auf eine verstärkte Aktivierung von Blutplättchen. Allerdings gilt dieselbe Einschränkung: Blut-Erythrit stammt nicht zwingend aus der Nahrung, der Körper kann den Stoff selbst bilden.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA kam bei ihrer Neubewertung deshalb zu dem Schluss, dass bislang kein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Erythrit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen nachgewiesen ist. Gut belegt ist dagegen eine andere Nebenwirkung: Sowohl Erythrit als auch Xylit führt in hohen Mengen zu Durchfall und andere Magen-Darm-Beschwerden.

"Möglicherweise krebserregend"

Und wie sieht die Studienlage zu klassischen Süßstoffen wie Aspartam, Sucralose und Saccharin aus? Sind diese womöglich die bessere Wahl? Ganz so einfach ist die Antwort nicht. Besonders hartnäckig hält sich etwa der Mythos, Aspartam verursache schon in üblichen Mengen Krebs. Tatsächlich stufte die Krebsforschungsagentur IARC der Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Stoff, der oft für Zero-Getränke verwendet wird, 2023 als "möglicherweise krebserregend" ein. Diese Einstufung besagt allerdings nur, dass ein Stoff unter bestimmten Bedingungen theoretisch Krebs auslösen könnte. Sie sagt aber nichts darüber aus, wie hoch das tatsächliche Risiko bei einer bestimmten Menge im echten Leben ist.

Zwar zeigen neuere Laborstudien, dass extreme Konzentrationen von Aspartam im Labor zellschädigend wirken oder die Darmbarriere schwächen können. Im echten menschlichen Körper zerfällt der Süßstoff jedoch extrem schnell in seine normalen Eiweißbausteine, noch bevor er ins Blut gelangt. Auch das zuständige WHO-Expertengremium JECFA sieht keinen überzeugenden Nachweis für Krebs beim Menschen und bestätigte die zulässige Tagesmenge von 40 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Ein 70 Kilogramm schwerer Erwachsener müsste demnach - je nach Aspartamgehalt - täglich mehr als etwa neun bis 14 Dosen Diätlimonade trinken, um diesen Grenzwert allein damit zu überschreiten.

Auch bei Saccharin widersprechen neuere Bewertungen älteren Ängsten. Der Stoff geriet einst unter Krebsverdacht, weil männliche Ratten in Versuchen Blasentumoren entwickelten. Inzwischen gilt der zugrunde liegende Mechanismus als für Menschen nicht relevant. Die EFSA bewertete die Daten 2024 erneut und kam zu dem Schluss, dass Saccharin wahrscheinlich kein Krebsrisiko für Menschen darstellt, und erhöhte sogar die zulässige tägliche Aufnahmemenge von fünf auf neun Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht.

Vorsicht beim Erhitzen

Bei Sucralose, ein Süßstoff, der etwa 600-mal süßer schmeckt als Kristallzucker, sieht die europäische Lebensmittelbehörde derzeit keinen Anlass zu größerer Sorge. Nach einer umfassenden Neubewertung bestätigte die EFSA Anfang 2026 den bisherigen Grenzwert von 15 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und bezeichnet die derzeit zugelassenen Anwendungen als sicher.

Vorsicht ist allerdings beim Erhitzen geboten: Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfiehlt, Lebensmittel mit Sucralose nicht auf mehr als 120 Grad Celsius zu erhitzen. Bei höheren Temperaturen beginnt sich der Süßstoff zunehmend zu zersetzen. Dabei können sogenannte chlorierte Verbindungen entstehen, von denen einige ein gesundheitsschädliches oder krebserregendes Potenzial besitzen.

Das ist laut BfR vor allem beim Backen, Braten und Frittieren relevant, weil dabei Temperaturen deutlich über 120 Grad erreicht werden. Die EFSA betont zwar, dass bei industriell hergestellten Lebensmitteln hohe Temperaturen häufig nur kurz einwirken und das Risiko dadurch begrenzt sein kann. Für die Zubereitung zu Hause lässt sich die Bildung solcher Abbauprodukte nach ihrer Einschätzung aber nicht ausschließen. Das BfR rät deshalb, Sucralose entweder gar nicht stark zu erhitzen oder den Süßstoff erst nach dem Kochen oder Backen hinzuzugeben.

Süßstoff aus der Pflanze

Eine beliebte Zuckeralternative ist Stevia - ein kalorienfreier, pflanzlicher Süßstoff, der aus den Blättern der südamerikanischen Pflanze Stevia rebaudiana, auch Honigkraut genannt, gewonnen wird. Die darin enthaltenen Süßstoffe besitzen eine bis zu 450-fache Süßkraft von Haushaltszucker. Da der Ausgangsstoff aus einer Pflanze stammt, wird häufig angenommen, dass Stevia gesünder sei als die synthetischen Alternativen. Doch das fertige Produkt ist hoch verarbeitet, da es mit einem aufwendigen, mehrstufig industriellen und chemischen Extraktionsverfahren hergestellt wird. Auch Behauptungen, dass Stevia vor Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen soll, lassen sich wissenschaftlich nicht belegen.

Auch wenn Stevia also nicht unbedingt "gesund" ist, sind die Nachteile nach aktuellem Stand deutlich weniger ausgeprägt als bei manch anderen Zuckerersatzstoffen. So sieht die EFSA keine Hinweise auf eine krebserregende oder erbgutschädigende Wirkung. Einzelne Studien berichten zwar über leichte Beschwerden wie Völlegefühl oder Schwindel, insgesamt gelten Steviolglycoside innerhalb der erlaubten Aufnahmemenge von vier Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht jedoch als gut verträglich.

Zerstören Süßstoffe die Darmflora?

Auch die oft gehörte Behauptung, Süßstoffe würden grundsätzlich die Darmflora "zerstören", ist so nicht belegt. Für Aufmerksamkeit sorgte 2022 eine randomisierte Studie mit 120 gesunden Erwachsenen: Saccharin, Sucralose, Aspartam und Stevia veränderten innerhalb von zwei Wochen jeweils bestimmte Merkmale des Darmmikrobioms. Bei Saccharin und Sucralose verschlechterte sich zusätzlich die Glukosetoleranz. Dass eine Veränderung des Mikrobioms automatisch gesundheitsschädlich ist, lässt sich daraus aber nicht ableiten. Die Darmflora reagiert auch auf viele andere Ernährungsfaktoren, und die Effekte unterschieden sich stark von Mensch zu Mensch.

Andere Humanstudien fanden deutlich geringere oder gar keine messbaren Veränderungen des Mikrobioms, etwa nach Aspartam, Sucralose oder Stevia. Insgesamt ergibt die Studienlage deshalb bislang kein einheitliches Bild. Wahrscheinlich hängen mögliche Effekte von der jeweiligen Substanz, der Dosis, der Dauer der Einnahme und der individuellen Zusammensetzung der Darmflora ab. Ob einzelne Süßstoffe bei langfristigem Konsum tatsächlich relevante gesundheitliche Folgen haben, ist derzeit noch offen.

Am Ende bleibt die entscheidende Frage: Sollte man Zucker nun durch Süßstoffe ersetzen - oder lieber ganz darauf verzichten? Wer statt einer zuckerhaltigen Cola eine Zero-Variante trinkt, spart Zucker und Kalorien - und kann davon durchaus profitieren. Als langfristiges Ernährungsziel empfehlen Fachleute dennoch eher, die Vorliebe für sehr Süßes insgesamt zu reduzieren. "Süßungsmittel können ein Baustein sein, um den Zuckerkonsum zu senken, ersetzen aber keine ausgewogene, wenig süß geprägte Ernährung", schreibt Ernährungswissenschaftlerin Sophie Brünke von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung im Wissenschaftsmagazin "DGEwissen".

Ähnlich argumentiert auch der Harvard-Ernährungsforscher Frank Hu: Für Menschen, die regelmäßig zuckerhaltige Getränke trinken, könnten künstlich gesüßte Varianten "als vorübergehender Ersatz dienen". Die bessere Dauerlösung seien jedoch Wasser sowie ungesüßter Kaffee oder Tee.

Quelle: ntv.de

GesundheitsgefährdungenErnährungWeltgesundheitsorganisationZuckerStudienKrebsHerzinfarkt