Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 285 Haben Fliegen Ohren?

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Wer eine Fliege verscheuchen will, erreicht das nicht mit einem "Buh!". Von menschlichem Gebrüll lässt sich eine Fliege nicht beeindrucken.

(Foto: picture alliance / dpa)

Dass Ohren nicht äußerlich erkennbar sind, ist in der Tierwelt gar nicht so selten. Bei Vögeln sieht man sie nicht, und trotzdem haben sie welche. Ebenso Krokodile. Wie ist das bei Fliegen? Sie scheinen auf Geräusche nicht zu reagieren. Sind sie taub?

Ich wollte eine Fliege verjagen und habe sie angeschrien. Das machte ihr aber nichts aus. Sie blieb einfach sitzen. Ein Vogel wäre sofort weggeflogen. Warum ist das bei Fliegen anders? Können Fliegen vielleicht gar nichts hören? Haben sie überhaupt Ohren? (fragt Moritz K. aus Görlitz)

"Manche Fliegen können durchaus hören", antwortet Marion Kotrba von der Zoologischen Staatssammlung München auf diese Frage. "Aber Ohren haben sie nicht."

Das mag verwirrend klingen, doch Hören funktioniert bei Insekten eben anders als bei Menschen. Denken wir an Ohren, dann sind das am Kopf gelegene Organe, die durch die Ohrmuscheln auffallen. Die kennen wir von uns ebenso wie von vielen Tieren. Selbst von Vögeln wissen wir, dass ihre Ohren ähnlich gebildet sind, auch wenn wir die nicht direkt sehen, weil Vögeln die Ohrmuscheln fehlen. Insekten aber, so viel steht fest, haben solche Ohren nicht. Dafür haben manche von ihnen andere Hörorgane.

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Heuschrecken hören mit dem Knie. Die Weibchen nehmen auf diese Weise die Gesänge der Männchen wahr - und fühlen sich angezogen.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Verschiedene Insekten können mit unterschiedlichsten Körperteilen akustische Signale wahrnehmen", sagt Kotrba. Es klingt wie ein Scherz, doch Heuschrecken zum Beispiel hören tatsächlich mit dem Knie – unter anderem. "Nun ist das Insektenknie nicht das gleiche wie unseres", gibt Kotrba zu bedenken. "Aber Heuschrecken haben Hörorgane an den Beinen."

Was sie damit wahrnehmen, sind Luftschwingungen. Denn akustische Signale sind schließlich mechanische Wellen in der Luft. "Die Insekten, die hören können, merken, wie die Luftmoleküle gegen ihre Körperoberfläche vibrieren", sagt die Insektenexpertin. "Sie spüren Druckdifferenzen." Das also kann mit Hörorganen an den Beinen geschehen, doch es gibt auch andere Möglichkeiten: "Manche Insekten hören mit ihren Fühlern, die wackeln dann in der Luft", weiß Kotrba. "Oder bestimmte Regionen der Körperoberfläche sind ganz, ganz dünn, sodass sie wie ein Blättchen in der Luft schwingen. Oder das Insekt hat kleine Borsten oder Härchen am Körper, die von den Schwingungen der Luft mitbewegt werden, und speziell dort sind auch Sinneszellen."

Nicht alle müssen hören können

Insekten können also auf ganz unterschiedliche Weise hörfähig sein. "Aber", betont Kotrba, "nicht alle Insekten können hören." Dass das bei der einen Art so und bei der anderen anders ist, lässt sich erklären: "Die Evolution hat es immer dort entwickelt, wo es wichtig ist – etwa für die Fortpflanzung." So gibt es, wie die Fachfrau ausführt, zum Beispiel Fliegen, die Gesänge anstimmen. "Sie vibrieren mit ihren Flügeln und erzeugen so in einem bestimmten Rhythmus Brummtöne in bestimmten Frequenzen. Wenn die Weibchen das hören, ist das wie ein Balzgesang." Klar, dass diese Fliegen hören können müssen.

Und auch Mücken sind ganz Ohr, wenn es darum geht, einen Paarungspartner zu finden. "Sie nehmen", erklärt Kotrba, "den Flugton der Artgenossen mit den Antennen, den Fühlern, wahr." Alle anderen akustischen Signale lassen sie kalt. Deswegen reagieren sie auch nicht, wenn sie zum Beispiel von Kindern angebrüllt werden. "Das ist, evolutionär betrachtet, völlig irrelevant für die Mücken", sagt die Expertin. "Wenn ein großer Teil der Mücken und Fliegen besser überleben würde, weil sie wegfliegen, sobald ein Mensch brüllt, dann würden die Insekten wohl im Lauf der Evolution ein solches Verhalten entwickeln."

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Es gibt Nachtfalter, die hören, wenn sie von einer Fledermaus angebrüllt werden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Bislang scheint das unnötig. Doch Kotrba kennt ein anderes, vergleichbares Beispiel: "Es gibt Nachtfalter, die hören, wenn sie von Fledermäusen 'angebrüllt' werden", sagt sie. "Denn Fledermäuse nehmen ja durch einen Ultraschall-Schrei und das Echo darauf ihre Umgebung wahr. Die Nachtschmetterlinge hören das und lassen sich dann fallen oder weichen aus, um der Fledermaus zu entkommen."

Ob an Bein, Bauch oder Borsten: Für einige Insekten ist ein gutes Gehör also überlebenswichtig. Männliche Stechmücken übrigens können besonders gut hören. Ihre Fühler sind mit rund 15.000 Hörzellen ausgestattet. Viel mehr hat auch der Mensch nicht.

Quelle: n-tv.de