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Die neue Art Motorrad zu fahren? Harley Livewire - Street Fighter mit Jet-Sound

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Die Harley-Davidson Livewire ist ein knackiges Naked Bike.

(Foto: Holger Preiss)

Mit der Livewire hat Harley-Davidson als einer der ersten großen Motorradhersteller ein elektrisch angetriebenes Bike im Verkauf. Bei einem Einstiegspreis von gut 32.000 Euro stellt sich natürlich auch die Frage, ob es sich lohnt, so viel Geld auszugeben.

Bereits im Jahr 2014 hatte Harley-Davidson angekündigt, ein Elektro-Motorrad auf den Markt zu bringen. Dass das erst sechs Jahre später geschehen ist, ist in keinster Weise ehrenrührig, denn mit der Livewire sind die US-Amerikaner immer noch die erste richtig große Motorradschmiede, die hier vollelektrisch an den Start geht.

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Ein bisschen sieht die Harley-Davidson Livewire so aus, als käme sie aus einem Mad-Max-Film.

(Foto: Holger Preiss)

Und die Livewire ist schick geworden. Als echtes Naked Bike steht sie so gar nicht in der Tradition der nunmehr 120-jährigen Geschichte von Harley. Selbst neben den Choppern der aktuellen Generation wirkt die Livewire immer noch wie aus einem Mad-Max-Film. Statt des typischen V2-Sounds aus mächtigen Auspuffanlagen gibt es beim elektrischen Street-Fighter beim Dreh am Gasgriff ein immer lauter werdendes Pfeifen wie aus einer Jet-Düse. Um den deutschen Vorschriften zu genügen, musste es für den hiesigen Markt übrigens deutlich leiser gemacht werden.

Aber auch mit der jetzigen Lautstärke ist es im Verbund mit dem wirklich gut ausbalancierten Bike ein ganz neuer Spaß, Motorrad zu fahren. Harley hat nämlich den Akku und den Elektromotor zentral in den Rahmen gehängt, so dass ein angenehm tiefer Schwerpunkt entsteht. Obgleich die Livewire fahrfertig 250 Kilogramm wiegt, lässt sie sich erstaunlich leicht handhaben. Das liegt zum einen an der Sitzhöhe von 80 Zentimetern, zum anderen an einer Lenkerbreite, die auch voll nach links eingeschlagen einen gefühlvollen Dreh am Gasgriff zulässt.

Auch was für Kurvenräuber

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Auch als Elektro-Motorrad hat die Livewire alles, was einen klassischen Street Fighter auszeichnet.

(Foto: Holger Preiss)

Für Kurvenräuber nicht unerheblich sind die weiter nach hinten gesetzten Fußrasten, die eine Schräglagenfreiheit von 45 Grad garantieren. Nimmt man jetzt noch die 105 PS des Elektromotors und ein ab dem ersten Zug am Hahn anliegendes maximales Drehmoment von 116 Newtonmetern, dann hat man tatsächlich einen Street Fighter zwischen den Schenkeln, der sich vor keinem herkömmlichen Bike dieser Leistungsklasse verstecken muss.

Wie flott der Sprint aus dem Stand auf 100 km/h gelingt, hat Harley nicht verraten. Fakt ist aber, dass es sich unglaublich schnell anfühlt, weil die Beschleunigung eben ohne jede Schaltverzögerung stattfindet. Bis zum Ende ausgereizt, wird der Pilot bei einer Spitzengeschwindigkeit von 177 km/h landen. Wer sich natürlich länger in diesen Sphären bewegt, muss damit rechnen, dass der mit einer Nennleistung von 15,5 kWh angegebene Akku nicht für die beim Start im Vollfarbdisplay versprochenen 158 Kilometer halten wird. Ansonsten erfreut die Reichweitenanzeige durch äußerste Genauigkeit.

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Zwei Lademöglichkeiten bietet Harley für die Livewire.

(Foto: Stefan Tappert)

Wer nachladen muss, hat mit der Livewire zwei Möglichkeiten: Zum einen kann man das unter dem Sitz befindliche Ladekabel benutzen und in die heimische Steckdose stecken. Dann sind bei leerem Akku 12,5 Stunden Wartezeit angesagt, bis die volle Leistung wieder verfügbar ist. Wer diese Zeit nicht hat, der kann an einer öffentlichen Level-3-DCFC-Schnellladestation eine Druckbetankung in nur einer Stunde durchführen. Aber Achtung! Harley empfiehlt, derartige Ladevorgänge nur bei jedem vierten Stopp zu machen, um den Akku zu schonen. Da aber auf herkömmlichen Strecken, die von Bikern genutzt werden, derartige Zapfsäulen ohnehin nicht verfügbar sind, wird der Käufer einer Livewire wohl vorrangig die private Dose nutzen und sich mit den Wartezeiten arrangieren.

Lieber fahren als warten

Schöner als das Warten ist natürlich das Fahren. Damit das so sicher wie möglich ist, hat Harley der Livewire einige Sicherheitsfeatures mitgegeben, die man so nicht bei jeder Harley findet. Neben einem Kurven-ABS und einer Traktionskontrolle gibt es vier Fahrmodi in Form von Rain, Road, Sport und Eco. Letztgenannte Einstellung sorgt für eine verstärkte Rekuperation und dürfte vor allem bei vermehrten Stadtfahrten die Reichweite signifikant verlängern. Rain reduziert das Drehmoment, das übrigens nicht per Kette, sondern durch einen Riemen ans Hinterrad geleitet wird, Road bietet die harmonischste Gasannahme und Sport ist tatsächlich das Fun-Programm mit Katapultstart und der schon erwähnten, irren Beschleunigung.

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Der Vollfarb-TFT lässt sich über die Steuerelemente am Lenker bedienen und ist bei jedem Licht richtig gut ablesbar.

(Foto: Stefan Tappert)

Nun muss man aber wissen, dass es abseits des Eco-Fahrprogramms nichts gibt, was der Motorbremse bei mit Verbrenner angetriebenen Bikes entspricht. Wer also in Road oder Sport den Hahn schließt, der muss für den Halt hart in die Eisen steigen, denn außer des Rollwiderstandes der Reifen behindert hier nichts den Tiefflug. Damit also die Fuhre auch unter diesen Umständen zum Stehen kommt, hat Harley die Livewire mit einer 30-Zentimeter-Doppelscheibenbremse vorn, in die Vierkolben-Monoblock Brembos beißen, und einer 27 Zentimeter messenden Einzelscheibe hinten, die von Dual-Kolben zum Stillstand gezwungen wird, ausgestattet.

Für die Federung sorgt vorn eine USD-Federgabel und hinten eine volleinstellbare Leichtmetall-Zweiarmschwinge. Die Möglichkeit der Justierung sollte man im Zweifelsfall auch nutzen, denn in der ersten Ausfahrt schien die Abstimmung so straff, dass sie in tiefen Kurven bei Unebenheiten für leichten Versatz sorgte. Auch bei einem argen Flickenteppich ging es hart zur Sache. Insgesamt ist die Federung aber über jeden Zweifel erhaben.

Teures Fun-Bike

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Mit 32.165 Euro fällt die Harley-Davidson Livewire nicht in die Kategorie preiswert.

(Foto: Stefan Tappert)

Diese könnten dem potenziellen Käufern eher beim Unterzeichnen des Kaufvertrages kommen, denn die Livewire ist mit mindestens 32.165 Euro eingepreist. Und das ist selbst mit Blick auf die teuren Harley-Modelle schon eine ziemliche Stange Geld für ein Motorrad. Aber der Stromer aus Milwaukee scheint hierzulande seine Fans zu finden. Allein bei Classic Bike in Berlin wurden bereits fünf Livewire-Exemplare an den Mann gebracht. Im Moment wird sogar das ntv.de zur Verfügung gestellte Testmotorrad in guter alter Customizing-Manier aufbereitet. Ob man Lauflichtblinker braucht, ein neues LED-Rücklicht und ein neues Schutzblech mit hochgesetztem Kennzeichen, muss jeder für sich entscheiden. Aus Sicht des Autors sind aber neue Rückspiegel sinnvoll. Denn die kurzen Teile sehen zwar richtig stylisch aus, liefern aber als Einblick nur die Arme des Fahrers, was nicht wirklich zielführend ist.

Am Ende bleibt das aus fahrerischer Sicht aber der einzige Kritikpunkt an der Livewire. In Summe ist die Elektro-Harley ein ernst zu nehmendes Beispiel für eine neue und zukunftsweisende Art, Motorrad zu fahren. Auch wenn die im Moment, was Reichweite und Lademöglichkeiten betrifft, noch recht limitiert ist.

Quelle: ntv.de