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Kubas Auto-Legenden leben Im 57er-Ford Consul nach Havanna

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(Foto: Volker Petersen)

In Kuba sind Motoren noch laut, riechen nach Benzin und stoßen jede Menge Ruß aus. Unzählige Cadillacs, Studebaker und Pontiacs aus den 50er Jahren tuckern über die Straßen der Insel. Jeder kennt die Fotos – aber wie ist es, heute in einer dieser Legenden zu fahren?

Schon beim Verlassen des Flughafens von Havanna sieht man sie, die Chevrolets, die Buicks, die Dodges, grün, blau oder türkis wie das karibische Meer. Straßenkreuzer der 1950er-Jahre, die in Kuba ebenso legendär sind, wie Fidel Castro selbst. Leandro, ein schlanker Mann mit Halbglatze und blitzenden Augen, hat auch so einen. "Ein britischer Ford Consul, von 1957", sagt er und zeigt auf sein gutes Stück. Lässig steht er da, ganz real zum Anfassen, der blaue Lack stumpf, aber rostfrei. Hat sich gut gehalten für sein Alter. Er rollte bereits durch die Straßen Havannas, als bärtige Revolutionäre den Diktator Batista vertrieben, als die Sowjetunion hier Atomraketen stationierte, als Ernesto "Che" Guevara in Bolivien starb. Jetzt soll mich dieses Auto durch die Junihitze nach Havanna bringen. Für 22 US-Dollar.

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So gut es geht, halten die Taxifahrer in Kuba ihre Autos in Schuss. Zugegeben, nicht alle so gut wie dieses hier.

(Foto: REUTERS)

"Willst du frische Luft?", fragt Leandro und grinst. "Dann zeige ich dir mal, wie man in Kuba die Scheibe herunterkurbelt." Er kramt einen Schraubenschlüssel aus der Öffnung, wo einst das Handschuhfach war und legt ihn an eine Mutter an der Beifahrertür an. "So!", sagt er, beginnt zu kurbeln, hilft mit der anderen Hand von oben nach. Langsam bewegt sich das Glas nach unten. Ich helfe mit und steige dann ein, der Sitz ist relativ weit vorn für meine langen Beine. Ob man den zurückschieben kann, frage ich gar nicht erst. Das ging beim roten Käfer meiner Kindheit ja auch nicht, der immerhin knapp 30 Jahre neuer war und seit etwa 25 Jahren schon wieder verkauft ist. Vielleicht fährt er hier auch irgendwo herum. Immerhin wurde ja kürzlich erlaubt, Gebrauchtwagen einzuführen.

Leandro klemmt sich hinters Steuer, dreht den Schlüssel herum, der Motor springt schwerfällig dröhnend an. Nicht unbedingt der Sound der USA, klingt schon eher wie besagter Käfer. Der Consul rollt Richtung Landstraße und wirkt dabei etwas gemächlich, aber nicht widerwillig. Zu viel Gewicht schleppt das 58-jährige Vehikel auch nicht mit sich herum. Innen ist dieser Consul spartanisch wie ein Rennwagen. Abgesehen von den abgewetzten Ledersitzen blickt man direkt auf die Karosserie. Keine Fußmatten, kein Dachhimmel, nur nackter schwarz-schmutziger Stahl.

Mit 60 km/h nach Havanna

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Wenn in Havanna ein Lada sein Leben aushaucht, dann kann es schon passieren, dass sein Motor sich in einem Ford Consul von 1957 wiederfindet.

(Foto: REUTERS)

Wir tuckern zwischen Palmen über den heißen Asphalt Richtung Havanna. Der Himmel ist blau, durch das geöffnete Fenster strömt frische Luft herein und trocknet die Schweißperlen auf meiner Stirn. "Che, danke für dein Beispiel!", steht auf einer großen Plakatwand mit dem berühmten Foto des Revolutionärs. Leandro dankt vor allem seinem Mechaniker. Denn dieses Auto hat zwar Herz, aber ein neues. Zumindest nach kubanischen Maßstäben. "Die Karosserie ist ein Ford Consul, aber der Motor ist aus einem Lada", sagt er.

Das offene Fenster verführt dazu, den Ellbogen herauszuhalten. Ich schiele zum Tacho herüber. Ist die Anzeige in Meilen oder in Kilometer pro Stunde? Die Frage erübrigt sich, denn es gibt gar keine Nadel mehr. Man muss ja auch nicht alles ersetzen. Schnell sind wir nicht, mit vielleicht 60 km/h tauchen wir in die Zwei-Millionen-Stadt ein. Das ist auch besser so, denn immer wieder muss Leandro auf die Gegenfahrbahn wechseln, um meterlangen Schlaglöchern auszuweichen. Ich will mich anschnallen und greife nach rechts. Vergeblich. Einen Sicherheitsgurt gibt es nicht.

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Havanna vermittelt auf den Straßen das Bild eines Verkehrsmuseums.

(Foto: REUTERS)

Hin und wieder überholen uns andere Autos, Leandro präsentiert die Modelle. "Das ist ein Wolga, das ein Moskwich", sagt er. "Und sieh mal da, ein Volkswagen!" An dem schwierigen deutschen Wort verschluckt er sich fast. Ich bin mir relativ sicher, dass es nicht unser alter Käfer ist. Es ist ein älteres Modell. Dann erinnert mich ein Auto an einen Wartburg. Aber von dem hat Leandro noch nichts gehört.

Lenkrad von Toyota, Bremsen von VW

Die Stars der Straße sind die Pontiacs, Studebaker und Cadillacs. Allesamt von vor der Revolution 1959. Denn seit die USA bald darauf ein Embargo erließen, ist die Insel von Ersatzteilen abgeschnitten. Die Fahrer hätscheln und verarzten ihre "Almendrones", so nennen sie die Autos hier liebevoll, so gut sie können. Kaum eine Transplantation ist den Mechanikern zu gewagt. Ein Lenkrad von Toyota, Bremsen von VW und Differentiale von Lada, Hauptsache, es fährt. Typisch kubanisch eben, auch Salsa und Son entstanden hier, weil sich spanische, afrikanische und wer weiß was noch für Rhythmen und Klänge mischten. Der berühmte Longdrink "Cuba Libre" ist eine Mischung aus Rum und dem US-amerikanischsten aller Getränke, der Coca-Cola. Er entstand um 1900 in Kuba. Mischen, erfinden, neu kreieren, das ist das Erfolgsrezept dieser Insel. Oder besser gesagt, das Überlebensrezept. Das neueste Kapitel in dieser Geschichte: Zurzeit mischt das Castro-Regime Kommunismus mit Marktwirtschaft.

Am Straßenrand tauchen die Paläste aus der untergegangenen Ära der Zucker- und Zigarrenbarone auf, schmutzig-weiße Säulen, verschnörkelte Kapitelle, Stuck und rostende Schaukelstühle auf der Veranda. Hoffnungslos verwittert, teils völlig verfallen, und doch hängen Wäscheleinen aufgespannt zwischen unverglasten Fenstern. Wir sind mitten in Havanna. Leandro muss lauter sprechen, als er uns durch den chaotischen Verkehr manövriert. Wir stehen an einer Ampel, kein Fahrtwind kühlt die schwüle Luft herunter, es duftet nach Ruß, Benzin und Diesel, die Oldtimer aus den USA und der Sowjetunion brodeln wartend, nur um beim nächsten "Grün" wieder loszustampfen. Unser Ford Consul hält tapfer mit. Er kennt das. Seit Jahrzehnten.

Seit 58 Jahren fährt Leandros Consul nun, mit 60 Jahren hätte er das kubanische Rentenalter erreicht. Wie lange Leandro seinem Schätzchen noch gibt? Er versteht die Frage nicht. Es gibt ja keine Alternative. Es muss weiterfahren, fahren, fahren, fahren, hasta la victoria siempre, immer bis zum Sieg. Oder bis die USA das Embargo aufheben.

Quelle: n-tv.de

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