Leben

LGBTIQ in der Kirche "Am Altar spielt mein Geschlecht keine Rolle"

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Sebastian Wolfrum hat sich vor seiner Gemeinde geoutet - und erhielt dafür viel Zuspruch.

(Foto: Johanna Klee )

Eine Pfarrerin steht vor ihrer Gemeinde und erklärt, dass sie ab jetzt ein Mann sein wird. Sebastian Wolfrum, der bis dahin als Frau lebt, erlebt dies als Wendepunkt. Für den transidenten Pfarrer ändert sich alles - und er stellt seine Kirche auf die Probe.

n-tv.de: Wie viel Angst hatten Sie, als Sie Ihre Entscheidung, als Mann zu leben, der Gemeinde verkündet haben? 

Sebastian Wolfrum: Keine Frage, die Anspannung war schon groß. Die Hälfte der Gemeinde wusste, was kommt, die andere aber nicht. Mir war klar, dass mich einige unterstützen und das hat mir diesen Schritt auch einfacher gemacht.

Was war für Sie rückblickend der entscheidende Punkt, sich zu ihrem Mann-Sein zu bekennen?

Transgender

Als Transgender bezeichnet man Personen, die die ihnen aufgrund ihres biologischen Geschlechts zugewiesene Geschlechtsrolle nicht akzeptieren. Transgender dient auch als Oberbegriff, der zum Beispiel Menschen einschließt, die sich weder mit dem Geschlecht Mann noch mit dem Geschlecht Frau identifizieren. Das Wort "trans" kommt aus dem Lateinischen und heißt so viel wie "hinüber" oder "jenseitig", der Begriff "gender" bezieht sich auf das (soziale) Geschlecht.

Es ging einfach nicht mehr so wie vorher und dann gab es auch ein Signal der Landeskirche. Sie hat mir zugesichert, dass sie mich begleiten und unterstützen würde. Dann war mir klar, dass ich meine Veränderung öffentlich machen muss. Sonst hätte ich meine Stelle verlassen müssen. Diesen Plan gab es auch. Aber ich bin als Pfarrer eine Person des öffentlichen Lebens und komme um eine gewisse Öffentlichkeit nicht herum.

Die Kirche ist ein konservatives Umfeld. Wie groß war Ihre Sorge, dass Ihr Arbeitgeber, der auch mehr als das ist, Sie fallen lässt?

Die bayerische Landeskirche ist offener als man denkt (lacht). Ich war in Bayern nicht der Erste mit einem solchen Outing. Das war auch ein Vorteil und ich konnte mich darauf berufen. Dadurch war meine Sorge etwas geringer. Ich habe in den letzten Jahren meine Landeskirche als sehr differenziert erlebt. Ich lebe in der Nähe von Würzburg in einem offenen Umfeld und erlebe Toleranz und Akzeptanz.

Sie haben als öffentliche Person viel Aufmerksamkeit bekommen: Wie haben Sie das damals empfunden?

Ich habe versucht, mich darauf vorzubereiten. Ich habe damit auch gerechnet, dass die Kombination aus transident und Kirche einfach Neugier provozieren wird.

Sie haben in Ihrem Buch beschrieben, dass Sie sich im falschen Körper gefühlt haben. Dann erlebten Sie als Frau auch noch einen sexuellen Übergriff in der Kirche. Wie konnten Sie das verarbeiten?

Ich habe mich in Therapie begeben. Das hat mir sehr geholfen. Ich erzähle vieles, um anderen Menschen Mut zu machen und zu zeigen: Es geht weiter. Viele Menschen schreiben mir und bedanken sich und fühlen sich bestärkt. Das war auch ein Motiv, um das Buch zu schreiben. Es sollte eine Art Mutmach-Buch sein.

Sie haben sich zweimal geoutet - das erste Mal als lesbisch und das zweite Mal als transident. Haben Sie das unterschiedlich erlebt?

Es ist jedenfalls vertraut, jemanden an die Seite zu nehmen und so ein Gespräch zu führen. Aber beim zweiten Mal hat es sich anders angefühlt, weil dieses Outing noch viel entschlossener war und noch mehr nach außen wirkt. Es betrifft jede Person, die mir begegnet.  

Gibt es Alltagssituationen, in denen Sie sich bloßgestellt fühlen, weil Menschen seltsam mit Ihnen umgehen?

Es ist viel positiver gelaufen, als ich das vorher dachte. Ich hatte mit viel mehr Gegenwind gerechnet. Je mehr das Testosteron wirkt, desto weniger ängstlich bin ich. Insgesamt bin ich da ganz gut durchgekommen. Natürlich wird man manchmal angeschaut, aber meistens begegnen die Menschen mir mit Respekt und Anerkennung. Manche sagen auch, dass sie es sich selbst nicht vorstellen können, andererseits sehen sie an mir, wie mich das positiv verändert.

Was müsste gesellschaftlich getan werden, damit der Umgang noch offener wird?

Wir müssen sichtbarer werden können, ohne diskriminiert zu werden. Wir werden auch in den Medien sichtbarer. Wir müssten allerdings auch das Transsexuellen-Gesetz abschaffen. Es wird immer noch ein Alltagstest verlangt, ohne eine weitere medizinische Unterstützung dabei zu haben, die Pflicht zur psychiatrischen Begutachtung ist immer noch da.

Wie fühlt sich der körperliche Wandel für Sie an?

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Der Anfang war sehr euphorisch, weil ich auch lange darauf warten musste. Es ist auch eine Befreiung. Man hat es dann geschafft. Es ist ein Glücksgefühl wie eine Gipfelbesteigung. Aber der eigentliche Umbauprozess ist dann schleichend beziehungsweise er verläuft in Etappen. Mittlerweile kann ich sagen, dass ich ausgeglichener bin, weil der Hormonhaushalt jetzt auch zum Denken passt. Man muss da aber auch durch - der Körper baut sich um, wie in einer Pubertät. Meine Freunde sagen, dass das bei mir jetzt endlich alles zusammenpasst und stimmiger ist.

Wie sehr hat Ihr Glaube bei Zweifeln und Hoffnung eine Rolle gespielt?

Zu meiner eigenen Überraschung war das eigentlich nie ein Thema für mich. Ganz im Gegenteil, der Glaube hat mir eine Heimat gegeben. Wenn ich am Altar bin, spielt das Geschlecht keine Rolle. Ich habe das auch in dem Umbruch bemerkt. Ich ziehe den Talar an und merke, dass das nicht wichtig ist. Da geht es vielmehr um die grundsätzliche Beziehungsebene und da habe ich mich immer angenommen und getragen gefühlt. Das hat sich durchgezogen - auch durch Depressionen, Gewalt und Ratlosigkeit. Es war immer: Egal, wie ich gerade bin - so bin ich richtig.

Wie hat sich das alles auf Ihre Beziehung zur Gemeinde ausgewirkt?

Bei vielen Menschen in der Gemeinde habe ich das Gefühl, dass ich ihnen nun näher bin. Sie haben mich mehrere Jahre auch in Phasen erlebt, in denen es mir nicht gut ging, in denen ich auch verzweifelt war. Da haben die Gemeindemitglieder auch mitgelitten. Jetzt erleben mich ganz anders. Sie verstehen, dass ich jetzt etwas anderes ausstrahle und nun glücklich und zufrieden bin.

Mit Sebastian Wolfrum sprach Sonja Gurris

Quelle: n-tv.de

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