Leben

Männer? Die Kolumne. Auch Männer dürfen Menschen sein

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Den anderen erniedrigen, das gilt auch heute noch vielen als männlich.

(Foto: imago/photothek)

Nur Alpha-Männer sind echte Männer, das fängt schon im Kindesalter an. Wer anders als die anderen ist, läuft Gefahr, unterzugehen. So wie unser Kolumnist, der erst Mobbingopfer war, dann Alpha-Männchen sein wollte - und sich dabei selbst aus den Augen verlor.

Ich glaube fest daran, dass so gut wie niemand als Arschloch geboren wird. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel, aber die Regel ist doch eine andere: Unsere Gesellschaft macht Menschen zu Arschlöchern. Und wenn ich "unsere Gesellschaft" sage, meine ich damit vor allem ein überkommenes Männerbild aus dem letzten Jahrtausend, das schon Jungs dazu zwingt, einem illusorischen Idealbild nachzueifern, das so viel Leid verursacht hat - und immer noch verursacht. Bevor jemand schreit: Klar können auch Frauen zu Arschlöchern werden, aber ich möchte mir nicht anmaßen, darüber zu schreiben - das ist die Aufgabe einer Frau. Also zurück zum Thema.

Ein Buch, das ich letztens gelesen habe, ist der Grund dafür, dass ich gerade jetzt mal wieder veraltete Rollenbilder aufs Tapet bringe: In "Warum Feminismus gut für Männer ist" schreibt der Niederländer Jens van Tricht genau darüber. Ich kann verstehen, wenn der eine oder andere sich angesichts des plakativen Titels erstmal verwundert die Augen reibt und dann abwinkt - es wäre aber schade, weil in van Trichts Buch viel Wahrheit steckt. Der Autor schreibt von der "alles überstrahlenden Sonne der Männlichkeit" und meint damit die Erwartungshaltung, dass nur dominante, starke und lösungsorientierte Anführer echte Männer sein können.

Das ist eine Erfahrung, die schon Jungs einem wahnsinnigen und kaum erfüllbaren Druck aussetzt, der uns und unsere Gesellschaft im Gegenzug krank macht - und ohne den wir, kurz gesagt, glücklichere Menschen sein könnten. Van Trichts Buch könnte in meinen Augen auch "Warum Menschlichkeit gut für Männer ist" heißen, denn darum geht es im Grunde genommen. Sich mit modernem Feminismus zu beschäftigen hilft sicherlich dabei, ich halte es aber nicht für unbedingt notwendig.

So viel zur grauen Theorie, die ich in meinen nächsten Kolumnen Stück für Stück vertiefen möchte - in (hoffentlich) gut verdaulichen Happen, das soll hier ja keine Univorlesung werden. Stattdessen nutze ich schamlos die Möglichkeiten der Kolumnenform aus und begleite die Theorie mit den dazu passenden Geschichten aus meinem Leben, denn davon gibt es jede Menge, die so oder anders viele Männer kennen dürften. Ich habe lange überlegt, ob ich mein Innerstes so weit nach außen kehren kann, bin aber fest davon überzeugt, dass es nur so funktionieren kann - wie könnte ich von anderen verlangen, sich ehrlich zu machen und zu sich selbst zu stehen, wenn ich es nicht selbst tue? Und deswegen fängt alles in der fünften Klasse an. Um genauer zu sein: mit Ingo*.

Kopfnüsse, Tritte, Schläge

Ingo war ein Arschloch, das es auf Schwächere abgesehen hatte - in dem Fall meinen besten Freund Michi und mich. Die Gemengelage war komplex: Auf der einen Seite war Ingo hoffnungslos in meine kleine Schwester verliebt, was ihn wütend (auf mich) machte. Auf der anderen Seite war er scharf auf die plastikverpackten Pausensnacks, die Michi als Einziger von zuhause mitbekam, während der Rest von uns mit langweiligen Butterbroten vorlieb nehmen musste. Und dann waren da noch unsere ständigen Diskussionen über SciFi-Romane und Computerspiele, das ihn fuchsteufelswild machte, weil es so nerdig und vor allem anders war.

Konsequenterweise reagierte Ingo auf die störende Abweichung von der Norm mit der einzigen Sprache, die er damals kannte: mit Gewalt. Er passte uns zwischen den Stunden ab und klaute Michis Pausensnacks. Wenn wir protestierten, setzte es Kopfnüsse, Tritte, oder Schläge gegen unsere Brillen, die wir dann, halbblind auf dem Boden robbend, suchen mussten. Die Schmerzen waren auszuhalten, die Erniedrigung vor aller Augen nicht. Am schlimmsten für uns war allerdings, dass es so gut wie kein Lehrer für nötig hielt, einzuschreiten - nicht mal dann, wenn wir uns beschwerten: Die hielten das für ganz normale Reibereien unter Jungs, wir "sollten uns nicht so anstellen". Unsere Eltern hatten natürlich Mitleid mit uns und stellten die verantwortlichen Lehrer zur Rede, geändert hat das allerdings nichts - was sollten sie von zuhause aus schon groß ändern?

Also zogen Michi und ich die Konsequenzen und wechselten die Schule. Ich ging noch einen großen Schritt weiter, allerdings in die falsche Richtung. Aus dem Gefühl heraus, auf mich alleingestellt zu sein und mit dem überlebenswichtigen Wunsch, auf dem neuen Gymnasium nicht wieder in die Mobbingfalle zu stürzen, zog ich meine ganz eigenen Schlüsse: Ich wurde selbst ein Mann, zumindest dachte ich das. Gewalt gegen andere kam für mich zwar nie in Frage, wohl aber Gewalt gegen mich selbst. Um zu beweisen wie stark und männlich ich war, trank ich mehr Bier als alle anderen, klopfte solange auf 20-Cent-Münzen herum, bis sie vom Zigarettenautomaten für 2-Euro-Stücke gehalten wurden und aß auch mal ein gefrorenes Pfund Butter in unter drei Minuten - erstaunlicherweise beeindruckte ich damit keine Mädchen wie erhofft, wohl aber meinen Magen-Darm-Trakt, der drei Tage lang die erstaunlichsten Dinge ausschied. Ich dachte, ich müsste sterben.

"Sorry für damals!"

Ich verbrachte meine späte Jugend und mein frühes Erwachsenenalter wie unter einer Glocke, unter der mein wahres und ehrlicherweise auch oft weiches Ich verborgen war - aus Angst vor dem Urteil und Handeln der anderen. Erst in meinen frühen Zwanzigern erkannte ich langsam, dass ich das gar nicht nötig hatte und begann langsam, ganz langsam, mich wieder zu öffnen. Ich habe heute alle meine Persönlichkeitsteile akzeptiert - oder zumindest alle, von denen ich weiß, dass sie existieren. Es gibt einen starken und einen schwachen Julian; einen fröhlichen und einen traurigen; einen kauzigen und einen charmanten; und vor allem einen, der nicht immer nur Lösungen parat hat, sondern auch mal Fragen stellen darf. Ich bin heute ein glücklicherer Mensch, und ich glaube, die meisten Menschen um mich herum sind mit dem neuen und gleichzeitig alten Julian auch glücklicher als mit dem Alpha-Männchen, von dem ich dachte, dass ich es sein müsste.

Womit wir wieder bei Ingo wären: Der ist heute ein junger Mann mit einem gewinnenden Lächeln, der die richtigen Bands hört, Marathon läuft, gerne reist, dabei regenbogenfarbene Getränke mit Strohhalmen schlürft und offensichtlich kein Problem hat, wenn das auch Menschen sehen können, die auf Facebook nicht mit ihm befreundet sind - so wie ich. Alles in allem sieht Ingo für mich also nicht mehr wie das Arschloch aus, das er früher einmal war, sondern eher wie jemand, mit dem man entspannt ein Bier trinken kann.

Was wir tatsächlich auch getan haben, als wir uns vor ein paar Jahren mal zufällig über den Weg gelaufen sind. Bei der zweiten Halben entschuldigte er sich für "damals" und zuckte mit den Schultern: "Ich war ein Arsch, aber so sind Jungs eben." Ja, so sind Jungs - noch. Aber zukünftige Jungs müssen nicht mehr so sein. Und ich bin mir sicher, dass die Welt dann nicht nur für Sonderlinge wie mich, sondern auch für die Ingos dieser Welt eine bessere sein wird: Ein richtiges Arschloch war er nämlich nie - so viel weiß ich heute - sondern einfach nur ein verlorener Junge, der die falsche Abzweigung Richtung Männlichkeit nahm - und im Endeffekt länger darunter zu leiden hatte als ich. Ich hoffe für ihn, dass er heute zum Mensch geworden ist. Es fühlt sich so viel besser an.

* Nein, er hieß nicht wirklich Ingo. Aber Oberfranken ist klein und unsere Schulzeit lange her. Den armen Ingo öffentlich bloßzustellen wäre eine späte Rache, die keiner braucht - nicht, dass ich nicht darüber nachgedacht hätte, so viel Ehrlichkeit muss sein…

Quelle: n-tv.de

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