Leben

Interview mit Raul Krauthausen "Behinderte brauchen keine Beschützer, sondern gleiche Rechte!"

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Menschen mit Behinderung müssen in die Lage versetzt werden, selbstbestimmt leben zu können - nicht mehr und nicht weniger, findet Raul Krauthausen.

(Foto: imago images/POP-EYE)

Bei Menschen mit Behinderung spricht man gern von "Schützlingen", von "besonders viel Liebe" und "aufopferungsvollen Pfleger:innen". Sie werden oft wie Kinder behandelt und aus der Mitte der Gesellschaft ausgeschlossen. Der nicht behinderte Mensch neigt sogar dazu, Verständnis für eine Pflegerin aufzubringen, die vier Menschen in einem Heim umbringt - denn "sicher war sie überlastet". Raul Krauthausen, Aktivist, Menschenrechtler und seit über 20 Jahren für die Rechte Behinderter aktiv, reicht diese Art der Bevormundung und Gängelei. Er spricht mit ntv.de darüber, was falsch läuft in unserem Staat. Er hat vor allem Ideen, wie wir es besser machen können.

ntv.de: Raul Krauthausen, Sie sind Aktivist für Inklusion. Wie mutig muss man als Aktivist sein?

Raul Krauthausen: Ich denke, es kommt darauf an, wofür man als Aktivist eintritt. Als PoC ist es sicher anders als für einen Menschen mit einer Behinderung, für Frauen anders als für Männer. Was für mich am auffälligsten ist, wie sehr Menschen ohne Behinderung sich von Menschen mit Behinderung auf eine gewisse Art bedroht fühlen.

In welcher Form bedroht?

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"Wir hier oben und ihr da unten" - damit muss Schluss sein!

(Foto: imago/epd)

Sie fühlen sich angegriffen, wenn man die Frage der Inklusion und der Selbstbestimmung stellt. Das Bewusstsein in der Mehrheitsgesellschaft für Menschen mit Behinderung ist einfach noch nicht so hoch. Wir sind im 21. Jahrhundert angekommen, und wenn man dann kritisiert, dass immer noch Busse und Bahnen ohne Zugänge für Menschen mit Behinderungen hergestellt werden und fahren, dann finden manche Menschen das übertrieben. Wenn wir auf das Thema Gewalt in der Pflege kommen wollen, dann schauen wir doch nach Potsdam, wo eine Pflegerin vier Bewohner:innen eines Pflegeheims umgebracht hat und ausschließlich mit dem Pflegepersonal oder Politiker:innen darüber gesprochen wird. Aber nicht mit den Bewohner:innen.

Aber wie wird das denn begründet?

Es werden immer wieder neue Ausreden gefunden, weil der Geldgeber das angeblich so definiert hat, oder weil es zuerst anders geplant war oder weil man niemanden kennt - die Gründe sind vielfältig. Aber ich kann sie alle nicht mehr hören. Es ist so, als wenn Männer Frauenhäuser leiten würden. Es gibt schon immer Menschen mit Behinderungen, und ich denke, wir müssten eigentlich schon weiter sein. Es ist Bequemlichkeit, die uns da ausschließt. Inklusion bedeutet nicht, um es bildlich zu machen, dass Kinder mit Behinderungen in der Schule zum Beispiel für den Marathon trainieren, sondern dass Möglichkeiten zur Teilhabe geschaffen werden. Grundsätzlich zu sagen, du darfst nicht mitmachen, weil du ja behindert bist, ist zu kurz gedacht. Versteh' ich nicht.

Kommen wir zurück nach Potsdam, zum Oberlinhaus, wo vier Morde geschehen sind …

Was da so stört ist, dass der Diskurs ausschließlich von nicht behinderten Menschen geführt wird. Wann dürfen sich denn die Betroffenen dort mal äußern? Wann gehen wir denn in die Diskussion, wie Menschen mit Behinderungen eigentlich wirklich leben wollen? Vielleicht gar nicht in einem solchen Wohnheim. Vielleicht wollen die Leute dort gar keinen "Fürsprecher", der sich als ihr Beschützer aufführt. Wie der Pfarrer Matthias Fichtmüller, er ist Leiter der Einrichtung, aber eigentlich ist er nur Pfarrer. Er ist weder Ermittler noch Betroffener oder Angehöriger. Er spielt sich aber als Beschützer in den Vordergrund. Wir brauchen jedoch keinen Beschützer, wir können für uns allein sprechen. Wir werden oft wie Kinder behandelt. Über uns wird der Mantel des Paternalismus ausgebreitet. Bei Behinderten spricht man nämlich gern von "Schützlingen", von "besonders viel Liebe" und "aufopferungsvollen Pfleger:innen". Das verstehe ich auch von den Medien nicht, dass die immer den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Anstatt mal mit den Betroffenen zu reden.

Wie gehen wir in Zukunft besser und konkreter mit solchen Themen um?

Grundsätzlich macht es Sinn, dass man anders herangeht. Beispiel: Ein Jude wird ermordet. Wird der Redakteur oder die Redakteurin sich nun mit einem Christen oder Moslem treffen oder nicht doch zuerst einmal bei anderen Juden nachhaken? Oder: Eine PoC wird angegriffen. Spreche ich zuerst mit der PoC, deren Angehörigen, oder frage ich lieber bei einem Politiker nach, oder bei einem Weißen? Ginge man da nicht auch auf die Suche nach Menschen, die zum Thema, zum Umfeld passen? Das bedeutet natürlich Arbeit, denn diese Themen haben auch immer mit Berührungsängsten zu tun. Aber ich würde sagen, es lohnt sich.

Es ist beim Umgang mit Menschen mit Behinderung vielleicht die Angst, etwas falsch zu machen, etwas Falsches zu sagen …

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Selfie mit Gildo Horn auf der 1. Inklusionsmesse (2016)

(Foto: imago/Sämmer)

Ja, das kann schon sein, das kann auch passieren, aber wenn ich es nicht versuche, dann wird die Berührungsangst doch immer größer. Dann wird sich nie etwas ändern. Und natürlich bringt es nichts, jetzt an einem Ort wie dem Oberlinhaus zu Dutzenden zu stehen, es gibt in Deutschland Hunderte dieser Einrichtungen, da kann man sich auch hinwenden und das Gespräch suchen. Da kann man so einfache Fragen stellen wie: Wie geht es den Bewohnern eigentlich? Und darüber hinaus vielleicht auch mal herausbekommen, wie viele Menschen mit Behinderungen es aus einem solchen Heim geschafft haben, in eine andere Lebensform zu kommen. Auch die Frage, welche Behinderung ein Mensch eigentlich hat, wäre interessant. Sind das wirklich alles Bewohner:innen, die nicht für sich selbst sorgen könnten? Was für Alternativen gibt es. Es gibt WGs, es gibt Assistenz.

Was sagen Sie zum Thema Unterbezahlung in der Pflege?

Dass auch Busfahrer und Kassiererinnen unterbezahlt werden und deswegen trotzdem niemanden umbringen. Auch Fahrrad-Boten und Lieferando-Fahrer sind unterbezahlt und überfordert, töten aber trotzdem niemanden bei der Paketübergabe. Dieses Narrativ ist absurd. Auch Feuerwehrmänner können überfordert sein, löschen aber trotzdem den Brand. Nur beim Thema Behinderung kommt so ein merkwürdiges Verständnis auf.

Also – Menschen mit Behinderungen mehr in unsere Mitte und nicht wegzusperren wäre eine Forderung von Ihnen …

Genau. Menschen mit Behinderungen sollten nicht aussortiert und weggesperrt werden, bloß um die Mehrheitsgesellschaft vor einem unangenehmen Bild zu bewahren. Wir reden immer von Inklusion, aber sie wird nicht praktiziert. Das fängt bei barrierefreiem, bezahlbarem Wohnraum an und geht über eine bessere Versorgungsassistenz. Menschen mit Behinderungen müssen befähigt werden, selbstbestimmt wohnen zu können. Ich will nicht unterschlagen, dass es da auch eine gewisse Holschuld der behinderten Menschen selbst gibt, aber sie bekommen derzeit keine Gelegenheit, Selbstbestimmung und ein möglichst autonomes Leben zu erfahren und zu erlernen. Das System sagt Menschen mit Behinderung eigentlich fortwährend: "Bei uns in der Einrichtung hast du's gut, da draußen ist es gefährlich." Wenn man das sein ganzes Leben lang hört, dann hinterfragt man es irgendwann nicht mehr. Wenn diese Menschen dann ihre Einrichtung verlassen wollen, dann wird ihnen Angst gemacht und gesagt, dass sie nicht mehr zurück können, dass sie ihre Freunde verlieren und dass sie einsam sein werden. Das würde man einem Menschen ohne Behinderung nie so unter die Nase reiben, obwohl auch diese einsam sein, ihre Freunde verlieren oder unter die Räder geraten könnten. Behinderte Menschen brauchen nicht mehr Schutz oder mehr Liebe oder mehr Fürsorge als andere, behinderte Menschen brauchen die gleichen Rechte wie nicht behinderte Menschen.

Diese Missstände haben also eine Struktur …

Genau, und dann kommt so jemand wie der Herr Fichtmüller – Sie merken, ich habe den auf dem Kiecker – der im Deutschlandfunk sagt, jetzt sie nicht die Zeit für strukturelle Fragen. Sondern für Trauer. Und über Strukturen könne man in einem Jahr reden. Das ist doch eine Täter-Opfer-Umkehr!

Und vollkommen ungerecht den Leuten in einem Pflegeheim gegenüber. Denn man will natürlich Aufklärung und Transparenz. Und keine Angst vor weiterer Gewalt.

Lassen Sie uns doch erstmal darüber sprechen, was Gewalt eigentlich ist. Ich selbst war schon in solchen Einrichtungen um zu dokumentieren, wie es in einem solchen Heim ist. Die Gewalt fängt ja schon viel früher an …

… und ist sicher nicht nur körperlicher Natur …

… nein, sie fängt damit an, dass der Kühlschrank abgeschlossen ist und ich darum bitten muss, den Kühlschrank zu öffnen. Wenn niemand da ist, der den Schlüssel hat – Pech gehabt. Es geht weiter beim Toilettengang, den ich erst dann durchführen oder beenden kann, wenn ein Pfleger, den ich zur Assistenz meiner Körperhygiene brauche, fertig geraucht hat und mich dies dann auch gereizt wissen lässt. Mal abgesehen davon, dass ich nicht entscheiden kann, wer mir hilft. Das hat etwas mit Schamgefühl zu tun, wenn man nicht einmal die Tür auf dem Klo abschließen kann. "Aus Brandschutzgründen". Aber das ist alles Gewalt! Gewalt psychischer Natur, die ich nicht vor Gericht einklagen könnte, da würde man mich auslachen. Aber wenn man in diesen Einrichtungen lebt und da nicht wegkommt, und wenn man die Menschen in diesen Einrichtungen nicht über ihre Rechte aufklärt, dann verkümmern die Menschen dort.

Ein Alptraum, wie ausgeliefert Menschen sein können … vor allem sicherlich, wenn man geistig behindert ist.

Gutes Stichwort: Menschen mit geistiger Behinderung werden von den Einrichtungen immer als Grund genannt, warum Einrichtungen so sind wie sie sind. Da sich diese Menschen nicht um sich selbst kümmern können, brauchen sie "uns", heißt es dann, und damit wird alles gerechtfertigt. Aber auch geistig behinderte Menschen können ihre Bedürfnisse und ihr Missfallen oder Akzeptanz ausdrücken. Sie dürfen nur nicht mehr einem Regime unterliegen. Sondern in die Lage versetzt werden, selbst zu bestimmen. Dafür gibt es Assistenz und Betreuung - auch und gerade für geistig behinderte Menschen.

Und dann gibt sicher auch noch diese nicht behinderten Menschen, die behinderte Menschen spüren lassen, dass sie stören …

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Raul Krauthausen erhält einen Nachhaltigkeitspreis (2019)

(Foto: imago images/Oliver Langel)

Ja, natürlich, das ist ein "wir hier oben und die Behinderten da unten"-Denken, das auch Gewalt ist. Und über diese strukturellen Fragen müssen wir reden! Interessant ist auch die Frage, bei wem Bewohner einer Einrichtung sich beschweren können. Und würden eine oder mehrere Beschwerden dazu führen, dass eine Person mal aus dem Verkehr gezogen wird? Meist passiert Folgendes: Es gibt ein Mediationsgespräch, dann sagt der Pfleger oder die Pflegerin, "na komm, stell' dich nicht so an, dieses eine Mal", und dann geht es einfach so weiter. Das ist auch Gewalt. Warum fragt denn niemand: "Was wünschen sich Bewohner denn eigentlich?"

Ihr Plädoyer lautet also: Hört zu! Lasst den Menschen mit Behinderung ihre eigene Stimme!

Das wäre ideal. Das einzige, was aber erzählt wird, ist das Narrativ der Nichtbehinderten. Ich möchte etwas zitieren, was der Herr Fichtmüller – wir sprachen bereits über ihn – den Potsdamer Neuen Nachrichten gesagt hat: "Viele Bewohnerinnen und Bewohner haben eine Herkunftsfamilie. Aber ihre Familie im Lebensvollzug sind die anderen Bewohner:innen und Mitarbeiter:innen im Haus." Da muss ich mich doch fragen: Was zum Teufel ist eine Herkunftsfamilie – das ist ja keine Asylbewerberunterkunft. Und was ist ein Lebensvollzug? Ist das ein Gefängnis? Und dann sprach man im Oberlinhaus auch von "Verstorbenen", und nicht von Getöteten. Und so findet nach und nach eine Art Legitimierung einer überaus grausamen Tat statt.

Es ist auch eine Frage der Sprache also ...

Ja, denn niemand spricht über den Stress, den die Bewohner dort haben, sondern es wird immer nur vom Stress der Pfleger:innen geredet. Da habe ich als Mensch mit Behinderungen, der sich seit über 20 Jahren beruflich mit dem Thema auseinandersetzt, weitere Fragen: Warum tauchen Menschen, vor allem mit geistigen Behinderungen, immer in Gruppen auf, als wären sie kein Individuum? Zum Beispiel einer "Wohngruppe"- das klingt so nach "Wohngemeinschaft", WG, nach Freiwilligkeit. Aber eine Wohngruppe besteht in der Regel aus 14 Bewohner:innen – das ist quasi ein kleines Heim. Dort sieht es aus wie in einem Krankenhaus. Und keiner kann einfach ausziehen, wenn es ihm oder ihr nicht mehr gefällt, egal, ob ich meine Bewohner:innen mag oder nicht. Auch das ist Psychoterror.

Gibt es denn positive Beispiele?

Die Behindertenbewegung fordert seit Jahren ambulante Wohnformen: zentral gelegen, kleinere Wohneinheiten, maximal fünf Bewohner. Es ist wünschenswert, wenn Menschen mit Behinderungen in ihren eigenen vier Wänden wohnen und selbst ihre Pflege oder Assistenz organisieren können. Solche Regelungen gibt es in Deutschland, sie werden aber oft von Ämtern gemieden, da diese Art zu leben teurer ist. In Schweden besagt das Gesetz, dass Heime nicht von mehr als fünf Bewohnern bewohnt werden dürfen. Es gab dort auch zu viel Missbrauch. Totale Institutionen decken sich ja gegenseitig. Wenn Menschen mit Behinderungen ihr Gelände verlassen können, auf dem Weg zur Arbeit beispielsweise, können sie sich auf diesem Weg auch Hilfe suchen. Wenn sie auf dem Gelände bleiben, sind sie ausgeliefert.

Was sind Ihre Erwartungen?

Es gibt kein Problembewusstsein innerhalb der Regierung oder der Gesellschaft. Man geht der Einfachheit halber davon aus, dass behinderte Menschen glücklich sind in ihren Heimen. Ich wünsche mir, dass aufgehört wird, die Welt anzulügen.

Also raus aus den Heimen, rein in die Welt …

Ja! Das Leben ist gefährlich – aber das gilt für alle. Sollte man Frauen den Minirock verbieten, damit Männer sie nicht sexuell belästigen? Oder sollte man nicht eher daran arbeiten, dass Männer Frauen so oder so nicht belästigen? Menschen mit Behinderungen müssen nicht permanent beschützt werden, sondern die Mehrheitsgesellschaft muss aus ihrer Komfortzone heraus.

Mit Raul Krauthausen sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de

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