Leben

Musik für Demenzkranke Beim Singen erwachen Erinnerungen

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Das gemeinsame Singen lässt manche Sorgen vergessen.

(Foto: Rocco Thiede)

Menschen, die in ihrem Alltag jede Kleinigkeit vergessen, blühen auf, wenn sie alte Erinnerungsschätze hervorholen können. Das geht besonders gut beim Singen. Denn selbst wer seine Angehörigen kaum noch erkennt, hat die Melodien seiner Jugend oft noch parat.

"Schätzel ade, Schätzel ade …" klingt es fröhlich aus 20 Mündern im Gemeindehaus in Eggersdorf im Landkreis Märkisch-Oderland. Um einen liebevoll dekorierten Tisch sitzen ältere Frauen und Männer. Sie singen, begleitet von Bruno Helm, Lieder aus einem Heft mit bekannten Volksmelodien. "Mann! Sind wir heute gut!", sagt Helm, der die Runde regelmäßig mit der Gitarre begleitet. Einmal im Monat treffen sich hier Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen zum Singen. Organisiert wird das von der Strausberger "Beratungsstelle für Menschen mit Demenz und deren Angehörige".

"Wollen wir nun mal etwas singen, das nicht im Heft steht?", fragt der ehemaliger Musiklehrer und schlägt schon die ersten Akkorde an. Er summt dabei die Melodie von "Über den Wolken", von Reinhard Mey. Beim Refrain "Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen …" singen fast alle mit.

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Manchmal braucht es den Notenzettel gar nicht.

(Foto: Rocco Thiede)

Viele lächeln dabei oder nicken im Takt. Mit dem Lied hat Helm offensichtlich den Geschmack der Gruppe getroffen.

Weg ins Vergessen

Im Landkreis Märkisch-Oderland im Osten Brandenburgs sind mehr als 4400 Menschen an einer Demenz erkrankt. Bei der Krankheit - meist in Form der Alzheimererkrankung - gehen die Denkfähigkeit und das Orientierungsvermögen verloren. Im fortgeschrittenen Stadium sind einfache Alltagstätigkeiten wie Essen oder sich selbst Anziehen nicht mehr möglich. Vertraute Menschen und Familienangehörige werden zu Fremden. Zwei Drittel der Demenzerkrankten werden von ihren Familien zu Hause begleitet und gepflegt - zum Teil alleine oder mit Unterstützung professioneller Dienste. Viele Angehörige reiben sich bei dieser Hilfe auf.

Helm stimmt den nächsten Titel an. "Rock and Roll?", fragt er in die Runde, zupft an den Saiten und klopft laut und rhythmisch auf sein Instrument. "Oder diesen Song hier, den kennen sicher alle: "Marmor, Stein und Eisen bricht - dam, dam, dam, dam". Es sind die Lieder ihrer Jugend oder aus einer Zeit, als die heute 60-, 70- oder 80-Jährigen noch zum Tanz gingen. Schon folgt "Marina, Marina, Marina", der italienische Erfolgshit von Rocco Granata aus den 50er-Jahren. "Bei dem Lied war ich gerade zehn Jahre alt", sagt der Musiker Helm. Jetzt ist er auch schon 69. "Viele der Anwesenden waren sicher älter, als das Lied damals lief - oder?", fragt Elke Kirschneck von der Strausberger Demenzberatung. Und sie möchte von Herrn Kaufmann wissen, wie alt er denn sei. "Sechs Jahre älter als Bruno", sagt er und rechnet noch einmal nach, "Nein, sieben, ich bin 76 Jahre alt."

Musik ist gespeichert

Dass Musik den Erkrankten helfen kann, bestätigen auch die Experten: "Von Musik und Singen profitieren Demenzerkrankte in umfassender Weise. Dank der musikalischen Beschäftigung werden soziale, kommunikative, neuronale, physiologische und therapeutische Aspekte miteinander verbunden", erklärt Diplom-Musiktherapeutin Babette Herboth. Sie ist seit vielen Jahren auf Demenzerkrankungen spezialisiert und hat große Erfahrung in der Begleitung von Betroffenen sowie deren Familien.

"Beim Musizieren und Singen können sich Menschen mit Demenz als ganz und unbeeinträchtigt erleben, weil ihre Fähigkeiten auf diesem Gebiet meist noch komplett erhalten und abrufbar sind, wie zum Beispiel alle Strophen eines bekannten Liedes", erklärt Herboth. Denn die meisten musikalischen Erinnerungen seien im prozedualen Gedächtnis gespeichert. Musiktherapeuten wie sie machen sich dieses Wissen zunutze und "sprechen gezielt alle Sinne an, die zum Erkennen und Bewahren verborgener Fähigkeiten führen".

Beim gemeinsamen Singen in Eggersdorf fassen sich alle beim Abschiedslied an den Händen und schunkeln im Takt des Shantys mit. Dann legt Bruno Helm die Gitarre zurück in eine Schutzhülle, alle klatschen.

Quelle: n-tv.de

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