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Wohin der Zufall führt Blind Booking ist Reisen mit Nervenkitzel

Einfach mal in ein Flugzeug steigen und nicht wissen, wo man landet. Das übt auf immer mehr Urlauber einen großen Reiz aus. Sie wagen ein ganz besonderes Glücksspiel und lassen sich von sogenannten Blind-Booking-Trips überraschen.

Olli Schulz und dessen Fernsehsendung "Schulz in the Box" waren ein bisschen Vorbild für Kevin Kiesewetter und Jannis Dorlöchter. Schulz wurde in der Show in einer Holzkiste an einem unbekannten Ort ausgesetzt. "Ich wollte auch schon immer mal in ein Flugzeug steigen, ohne zu wissen, wohin es geht", sagt Kevin. Oder mit Jannis am Kölner Hauptbahnhof würfeln, von welchem Gleis aus sie mit dem nächsten Zug bis zur Endstation fahren.

2016 organisierte Kevin dann für vier Freunde einen Wochenendtrip, bei dem niemand außer ihm wusste, dass es nach Rom ging. Mühevoll überklebte er auf den Boardingpässen den Zielort, seine Freunde ließ er mit Kopfhörern rückwärts das Gate passieren. "In Rom haben wir auch nur gemacht, was uns vor die Füße fiel." Im Flieger zurück wurde dann die Idee geboren, Blookery zu gründen - eine Firma für Blind Booking, also Blindbuchen.

Zielflughafen bleibt geheim

Bei dem Konzept bleiben Zielflughafen und Hotel zunächst geheim: Kunden wählen nur aus, ob sie den Fokus auf Sightseeing, Nachtleben oder Romantik legen, ob es nach Norden oder Süden gehen soll. Außerdem etwa welcher Abflughafen in Frage kommt, welches Budget sie haben und wo sie keinesfalls landen wollen. Bei Blookery können sie auch entscheiden, ob sie schon kurz nach der Buchung oder erst sieben Tage vor Abflug erfahren, wohin die Reise geht.

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Eines der Ziele: Riga - eine Stadt, die nicht jeder auf dem Schirm hat.

(Foto: imago/Panthermedia)

52 Städte hat das Start-up im Pool, alle sind per Direktflug in maximal drei Stunden erreichbar, übernachtet wird in zentralen Hotels ab drei Sternen. Ein Algorithmus gleicht einige Daten im Hintergrund ab, ansonsten ist der Job für Kevin, den 34-jährigen Jannis und ihre drei Mitarbeiter im Kundenservice manuelle Arbeit. Sie sichten Flug- und Hotelportale und stellen Angebote zusammen - wie es der Kunde auch selbst machen könnte. "Aber wer bei uns bucht, will überrascht werden und was Neues erleben", sagt Kevin. "Mal nach Riga oder Sofia fliegen - Städte, die man nicht so auf dem Schirm hat." Blookery finanziert sich, wie in der Branche üblich, durch Servicegebühren und Provisionen der Anbieter.

Die Homepage des Unternehmens baute Kevin, von Haus aus Webdesigner, an einem Abend und stellte sie testweise direkt online. Als der 28-Jährige am nächsten Morgen aufwachte, hatte er fünf Anfragen, nach einer Woche gab es die erste Buchung. Überrascht, aber euphorisch buchte er für den Kunden vom eigenen Geld einen Flug nach Rom und ein Hotel und recherchierte Tipps für den Aufenthalt. Nach und nach stiegen die Buchungszahlen und die Gründer kündigten ihre Hauptjobs.

Auch Airlines bieten Blind Booking

Blind-Booking-Angebote gibt es derweil nicht nur bei Blookery. Ähnlich arbeiten etwa die Portale Unplanned aus München, das spanische Wowtrip, surp.travel in der Schweiz oder das US-Portal Hotwire. Nur Flüge gibt es bei Eurowings Blind Booking und Lufthansa Surprise. Bei Lufthansa Surprise kosten Flüge ab 69 Euro, Kunden wählen aus hippen Kategorien wie Arts & Sights, The Great Outdoors, Follow the Sun, For the Lovers oder Shoes & Shop aus, bestimmen Abflugort und Reisedaten. Das Ziel wird am Ende der Buchung angezeigt. Ähnlich funktioniert das Ganze bei Eurowings. Dort heißen die Auswahlkategorien für Hin- und Rückflüge ab 66 Euro etwa Party, Kultur, Metropolen oder Wandern und Natur. Einzelne Ziele ausschließen kostet extra, ebenso die Aufgabe von Gepäck.

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Zwischen Frühjahr und Frühherbst fällt die Wahl häufig auf die Kategorie "Sonne und Strand".

(Foto: imago/imagebroker)

Eurowings führte nach eigener Aussage in den vergangenen drei Jahren rund 80.000 Blind-Booking-Buchungen durch. Die beliebteste Kategorie zwischen Frühjahr und Frühherbst sei Sonne und Strand, Städtetrips seien ganzjährig gefragt, sagte eine Sprecherin. Verkauft würden unter anderem Restplätze, die 45 Tage vor Abflug algorithmisch berechnet und in das Angebot eingebunden würden - im Schnitt 50 Prozent günstiger als bei der Buchung unter normalen Konditionen. Lufthansa äußerte sich nicht zu Buchungszahlen, "wir sind aber sehr zufrieden", sagte ein Sprecher. Angaben zu "Blind Bookern" machen die Airlines nicht.

"Wie ein Glücksspiel"

Anja Beckmann zum Beispiel, die unter Travel on Toast bloggt, und via Blind Booking nach Palma de Mallorca flog, machte schon als Studentin sogenannte Kleeblattreisen: Busreiseveranstalter vergaben kurzfristig günstige Restplätze, "und man wusste nur, dass es an den Strand ging", sagt sie. "Diesen Überraschungsmoment finde ich immer super." Mit klopfendem Herzen buchte sie Jahre später blind über Eurowings einen Flug, "das war wie ein Glücksspiel". Noch dazu ein günstiges: Während beide Strecken regulär zusammen 200 Euro gekostet hätten, zahlte sie hin und zurück mit Handgepäck 105 Euro.

Anika Brust, die unter Zug nach Irgendwo und künftig Ostwärts nach Westen bloggt, testete Blind Booking, als sie ihren Job gekündigt und Resturlaub hatte. "Weil ich niemanden fand, der ähnlich spontan Urlaub bekam, wollte ich ein paar Tage allein verreisen, konnte mich aber nicht entscheiden, wohin", sagt sie. Und landete so in Mailand. Blind Booking ist für sie "ein kleiner Nervenkitzel in unserer durchgetakteten Welt". Zudem sei es umweltfreundlicher, wenn Airlines so ihre Flüge besser auslasteten. Schade an ihrem Trip fand sie die ungünstigen Reisezeiten: Der Hinflug ging erst nachmittags, der Rückflug am dritten Tag schon morgens.

Für manche hat Blind Booking unterdessen offenbar einen kleinen Suchtfaktor: "Mittlerweile buchen Leute das zweite, dritte oder sogar schon vierte Mal bei uns", sagt Kevin. Auch er lässt sich seine Kurzurlaube nur noch als Überraschungstrips von seinen eigenen Mitarbeitern buchen. Zuletzt ging es nach Warschau, Budapest und Prag.

Quelle: n-tv.de

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