Leben
Angestellte sollen sich in ihren Büroräumen so wohl fühlen wie zu Hause.
Angestellte sollen sich in ihren Büroräumen so wohl fühlen wie zu Hause.(Foto: imago/Westend61)
Sonntag, 04. November 2018

Arbeitsräume zum Wohlfühlen: Das Büro wird zum zweiten Zuhause

Von Marcel Grzanna

Schlafende Angestellte bedienen zwar Klischees, sind mittlerweile aber gar nicht so unüblich. Im Gegenteil: Dem Angestellten wird das Büro so angenehm wie möglich gestaltet. Denn nur wenn er sich wohlfühlt, kann er Höchstleistungen vollbringen.

Wenn ein Beamter am Schreibtisch einschläft, bestätigt er Klischees. Legt sich ein Mitarbeiter einer Firma für Software-Entwicklung eine halbe Stunde aufs Ohr, während die anderen schuften, nennt man das New Work, neues Arbeiten. Im Schlaf Geld verdienen? Das klingt nach der Erfüllung des Traumes eines jeden Faulpelzes. Doch ganz so einfach ist es nicht. Wer sich die Freiheit nimmt für ein Nickerchen am Arbeitsplatz, der weiß auch, was er im Gegenzug dafür bieten muss: volles Engagement bei der Bewältigung seiner Aufgaben und hohe Identifikation mit den Unternehmenszielen. Es sei denn, er ist Beamter? Noch so ein Klischee.

Ruheräume wie in einem Spa Resort sind für viele Firmen, die ihren Mitarbeitern in erster Linie viel Kopfarbeit abverlangen, heute eine Selbstverständlichkeit. Kreativagenturen machen es seit einigen Jahren vor und reißen andere junge Industrien wie die IT-Branche mit. Wo das Denken die Kernkompetenz eines Unternehmens bildet, sollen Büroräumlichkeiten funktionieren wie ein lebender Organismus. Höchstleistungen können nur ermöglicht werden, wenn an anderer Stelle ausreichend Regeneration geboten wird. Dynamische Gemeinschaftsbüros, stille Arbeitsplätze, rege Kommunikationspunkte und einladende Pausentreffs verbinden sich zu einem Ökotop der optimierten Berufswelt.

"Die Industrie steckt in einem kulturellen Wandel. Es geht zunehmend darum, ein sinnbestimmtes Arbeitsumfeld einzurichten. Design und Einrichtung sind Ausdruck dessen, was sich in den Unternehmen verändert", sagt Jörg Brückner, Geschäftsführer von Pluspol interactive, einer Werbeagentur aus Leipzig. Beim letzten Umzug der Firma in eine neue Immobilie bekam jeder Mitarbeiter ein persönliches Budget an die Hand, um sich den eigenen Arbeitsplatz nach Wunsch einzurichten. Lieblingsmöbel oder Hardware waren individuell wählbar. "Die Leute wollen mehr Teilhabe und Mitbestimmung. Sie wollen mitreden im Unternehmen", sagt Brückner.

Familiäres Umfeld trotz großer Belegschaft

Das gilt für die Einrichtung des Arbeitsplatzes einerseits und für die Entwicklung von Inhalten andererseits. Um größtmögliche Transparenz zu schaffen, hat Pluspol interactive einen offenen Konferenztisch auf dem zentralen Korridor eingerichtet. Alles, was nicht diskret besprochen werden muss, kommt dort zur Sprache. "Jeder darf aufschnappen, mit was sich die Geschäftsführung oder eines der Teams gerade beschäftigt. Und jeder ist willkommen, sich zu informieren oder an den Diskussionen zu beteiligen", sagt Brückner.

Viele Firmen versuchen trotz großer Belegschaft, ein familiäres Umfeld zu gestalten. Es werden Orte geschaffen, die für alle als Dreh- und Angelpunkt funktionieren und die eine bestimmte Kommunikationsatmosphäre kreieren. Eine gemütliche Sofaecke eignet sich für ein Gespräch über Strategie mehr als die Hochtische neben dem Kaffeeautomaten. Im Stehen bekommt der Austausch eine andere Dynamik, weil sich Körpersprache und Stimmfarbe mit der aufrechten Haltung verändern. Hier sind kurze Absprachen über den Verlauf der nächsten zwei Stunden schneller und unmissverständlicher. Vorgesetzte können je nach Absicht, die ein Gespräch verfolgt, das entsprechende Ambiente nutzen.

Bei der Kölner Softwarefirma Flowfact wimmelt es auf sechs Etagen von Treffpunkten, die vor allem die Unternehmensphilosophie fördern sollen. Lounges, Kaffeetische, Großraumküche, Kickertisch, Tischtennisplatte oder Fitnessraum helfen der Firma dabei, flache Hierarchien und direkten Austausch zwischen allen Unternehmensebenen zu fördern. Verschiedene Sitzordnungen ermöglichen einer Gruppe, starre Rollenmodelle in ihrer Interaktion aufzubrechen und neue Impulse zu setzen. Auch treffen sich verschiedene Kochgruppen einmal wöchentlich zum gemeinsamen Mittagessen. Dann kochen und sitzen nicht jene zusammen, die sich im Alltag gemeinsam ums Marketing kümmern oder normalerweise die Produktentwicklung vorantreiben, sondern jene, die entweder Chop Suey oder Saltimbocca bevorzugen. "So entstehen ganz informelle Foren zum Austausch zwischen den einzelnen Abteilungen", sagt Rihan Öngüdü, die für das Neukundengeschäft bei Flowfact verantwortlich ist.

Digitalisierung sorgt für Bedeutungswandel

Je größer ein Unternehmen, desto wichtiger kann die Bedeutung informeller Ebenen für die leitenden Mitarbeiter werden. Wo Chef und Azubi gemeinsam ein paar Tomaten für die Nudelsoße schneiden, dringt im direkten Austausch viel mehr Information von der Basis durch zur Unternehmensleitung als auf den formellen Wegen. "Die Raumgestaltung löst nicht alle Probleme, aber sie hilft dabei, schnell und effizient Lösungen zu entwickeln. Je weiter man vom alltäglichen Geschäft entfernt ist, desto gefilterter sind die Informationen, die man erhält. Denn vieles von dem, was oben ankommt, stammt nicht aus erster Hand", sagt Öngüdü.

Innenarchitektur und Einrichtung produzieren aber keineswegs eine Einbahnstraße für Verbesserungen in der Effizienz einer Firma. Sie können auch in die andere Richtung, nämlich auf die Mitarbeiter wirken. "Das sind Instrumente, um eine Arbeitsumgebung zu schaffen, die Wertschätzung ausdrückt für die Arbeitsleistung, aber auch die Gesundheit eines Mitarbeiters", sagt Hendrik Hund, Präsident des Industrieverbandes für Büro- und Arbeitswelt (IBA). Schallschutz, höhenverstellbare Tische oder optimierte Lichteinstrahlung seien wichtige Bestandteile, die Stress und körperliche Beschwerden minimieren können.

Die Digitalisierung hat dafür gesorgt, dass Büroeinrichtungen einen Bedeutungswandel durchlaufen. Elektronische Speicherkapazitäten machen große Stauräume überflüssig. Zunehmend strukturieren Büromöbel eher, als dass sie Akten Platz bieten. Sie funktionieren als Raumteiler oder Stellplatz für Pflanzen. Mit einer ästhetischen Abstimmung zwischen Fußböden, Mobiliar und den Farben an den Wänden lässt sich eine Mitarbeiter freundliche Atmosphäre schaffen.

"Viele unserer Kunden kommen ratlos daher und haben noch keine Vorstellung, wie gut gestaltete Arbeitsplätze aussehen", sagt Hund. In seiner eigenen Firma in Baden hat der IBA-Präsident eine Besprechungsraum eingerichtet, der an eine der regional beliebten Schwarzwaldstuben erinnert. Doch Hund gibt auch zu, dass es weniger seine Branche als vielmehr die Kreativindustrie ist, die den Takt in der Neugestaltung von Bürowelten vorgibt. "Da muss man schon dranbleiben, um zu verstehen, wie die Welt tickt."

Quelle: n-tv.de