Leben

Kollektivsiedlungen im Wandel Der Kibbuz erfindet sich neu

47283959.jpg

Auch Staatsgründer Ben Gurion lebte in einem Kibbuz. Er war Teil der Gemeinschaft in Sde Boker.

picture alliance / dpa

Der Kibbuz verbindet sozialistische Ideologie und Utopie einer selbstbestimmten Gesellschaft miteinander. Doch die Kollektivsiedlung erlebt in der Vergangenheit eine schwere Krise. Nun muss sich der Kibbuz neu erfinden und setzt auch auf Innovationen.

Während des Lichterfestes Chanukka durfte im Kibbuz Hasorea Ze'ev Ben Mosche die erste Kerze anzünden. Nach der Zeremonie sang der inzwischen 94-Jährige, der aus dem ostfriesischen Aurich stammt, das "Lied des Tals". Es ist ein Gedicht aus dem Jahr 1938, das aus der Feder des berühmten Poeten Nathan Alterman stammt und neben der Region der Jesreelebene die Arbeit der jungen Pioniere beschreibt.

Diese ländliche Kollektivsiedlung verbindet sozialistisches Ideengut mit einer selbstbestimmten klassenlosen Gesellschaft, ganz nach Karl Marx: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen". Heute leben fast 150.000 Menschen, etwa zwei Prozent der Bevölkerung, in den 274 Kibbuzim, von denen 16 religiös geprägt sind. "Werte sind hier wichtig," sagt Ze'ev, der früher Wolfgang Reiner hieß. Nach der Machtergreifung der Nazis wanderte er mit seiner jüdischen Familie nach Palästina aus und schloss sich dem Kibbuz Hasorea an. "Es war wie eine Wiedergeburt," erzählt er. "Im Kibbuz wurde ich ein neuer Mensch, trat in der Palmach ein - eine paramilitärische Einrichtung der jüdischen Untergrundorganisation Hagana, aus denen später die israelischen Streitkräfte hervorgingen. Und ich kämpfte im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948."

Vom See Genezareth startet Kibbuzbewegung

Die Geburtsstunde dieser sozialistischen Vision war 1909, als Juden südwestlich des Sees Genezareth eine kleine Gemeinde namens Degania-Alef gründeten, von der die Kibbuzbewegung ausging. Ihre Philosophie war totale Gleichberechtigung, Verbot von Privateigentum und das tägliche Leben im Kollektiv. Obwohl insgesamt nie mehr als acht Prozent der Gesamtbevölkerung im Kibbuz lebten, war ihr Einfluss auf die israelische Kultur groß. Vor allem verkörperte der Charaktertyp des Kibbuznik mit Falthut, kurzen Khaki-Hosen und Ledersandalen - wie die Zeichentrickfigur "Srulik" - den typischen Israeli: freundlich, gutaussehend, idealistisch, mutig und ein bisschen jugendlich-naiv.

"Die ersten Kibbuzim waren rein autarke Systeme. Erst nach der Staatsgründung Israels 1948 bekamen sie hohe staatliche Unterstützung," sagt Shlomo Getz, Direktor des Instituts für Kibbuz-Forschung an der Universität von Haifa. "Durch die starke Einwanderungswelle konnten sie neue landwirtschaftliche Methoden und industrielle Innovationen entwickeln." Für viele Jahrzehnte sollte diese kleine, aber einflussreiche Elite die Knesset, Regierung und Armee dominieren. Unter ihren bekanntesten Persönlichkeiten war der General Mosche Dajan, der 1915 in Degania Alef geboren wurde. Doch auch viele bekannte Musiker, Künstler und Autoren wie Amos Oz gingen aus dieser Bewegung hervor. Selbst der ehemalige israelische Premierminister David Ben Gurion half beim Aufbau des Kibbuz Sde Boker in der Negevwüste und lebte dort bis zu seinem Tode 1973.

"Verteidigung war stets einer ihrer wichtigsten Merkmale," sagt Michal Palgi. Wie Getz forscht sie am selben Institut und ist Autorin von "Hundred Years of Kibbutz Life".' "Die meisten befinden sich strategisch an der israelischen Peripherie," erzählt sie. "Die Grenzgebiete sind von Kibbuzim gekennzeichnet. Sie waren in vielerlei Hinsicht ein Instrument bei der Schaffung des Landes. Und sie sind nach wie vor unerlässlich, um die Landesgrenzen zu erhalten."

Freiwillige drängen in Kibbuze

Die Mitglieder hatten das Pflichtgefühl, sowohl dem Zionismus als auch der nationalen Arbeiterbewegung als Stütze zu dienen. Nach dem Sechstagekrieg 1967 wurde Israel vor allem für junge Menschen interessant. Viele Freiwillige, meistens aus westlichen Ländern, kamen, um in den Kibbuzim zu arbeiteten, da niemand die sozialistische Ideologie und die Utopie einer selbstbestimmten Gesellschaft besser verband.

Ab 1977, als der Likud erstmals die Sozialdemokraten an der Regierung ablöste, wurden die Subventionen gekürzt. Zudem brachten die Wirtschaftskrise und die Inflation in den 1980er-Jahren einige Kibbuzim in finanzielle Bedrängnis, manche standen sogar vor dem Bankrott. "Mitglieder begannen an ihren Idealen zu zweifeln und Tausende verließen diese Lebensform," erzählt Palgi. "Ein gesellschaftlicher Wertewandel hin zu einem neuen Familienideal, Individualismus und materiellen Ansprüchen waren einige Gründe."

Und so wurden mehr als zwei Drittel aller Kibbuzim aus volkswirtschaftlichen Gründen privatisiert, unter ihnen auch Degania-Alef, denn sie waren darauf angewiesen, neue Industriezweige zu erschließen. Nicht wenige, wie der Kibbuz Ein Gedi am Toten Meer, entdeckten den Tourismusmarkt und eröffneten aufgrund ihrer guten geografischen Lage Gasthäuser. Andere wiederum stiegen in die Hightech-Branche ein und manche erlaubten sogar Nichtmitgliedern, Wohnungen zu mieten. Hauptsächlich aber stellen sie Möbel, Kunststoff, Lebensmittel, Elektronik, Metalle und Maschinen her. Auch der Kibbuz Gezer, der südlich von Tel Aviv liegt, stand kurz vor dem Aus. Jetzt hat er in medizinisches Cannabis investiert und verspricht sich hohe Gewinne. "Diese Pflanze wird uns auf verschiedene Art helfen," sagt Laura Spector, Leiterin des Projekts. "Dieser Industriezweig braucht junge Leute und wird vielen Arbeit geben."

Es entstanden vier Kibbuz-Gruppierungen: Etwa ein Viertel von ihnen funktioniert im klassischen Kollektiv. Eine andere Gruppe entschied sich für die integrierte Methode. Hier bekommt jedes Mitglied dasselbe Grundgehalt plus einen weiteren Teil nach Leistung. Neben dem sogenannten Stadt-Kibbuz, wo manche versuchen, die klassischen Ideale des Kollektivs auf urbane Umgebungen zu übertragen, haben die meisten das erneuerte Modell eingeführt. Dort müssen Besserverdienende einen bestimmten Prozentsatz ihres Bruttogehalts für Gemeindekosten und Geringverdienende abgeben.

Ze'ev Ben Mosche ist überzeugt, dass sich diese Lebensform weiterentwickeln und jede Generation den Kibbuz wieder neu erfinden wird, denn sie sei eine Art menschliches Abenteuer. "Der Kibbuz war eine Idee junger Pioniere und wie im Gedicht 'Ein Gedi,' erscheint seine Schönheit in aller Herrlichkeit."

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema