Leben

Ein "Hirschen" fürs Oktoberfest Der letzte Schäffler von München

imago79337234h.jpg

Fässer bauen ist echte Handarbeit.

(Foto: imago/Michael Westermann)

In ganz Bayern gibt es nur noch acht Hersteller von Holzfässern, in München und Oberbayern nur noch einen: Die Fassfabrik von Wilhelm Schmid und seinem Sohn Peter. Dort entstehen in mühevoller Arbeit Behältnisse, die auch auf dem Oktoberfest eine wichtige Rolle spielen.

Der Weg zu Wilhelm Schmid führt vorbei an Fässern und dann mitten durch einen Fasskopf. Dahinter verbirgt sich das Büro von Familie Schmid. Auch hier beherrschen die Behältnisse die Szenerie, von der Bank bis zum Schrank, alle Möbelstücke lassen ihre Herkunft erkennen. "Das haben wir alles selbst entworfen und hergestellt", erzählt der 62-jährige Schäfflermeister. Möbel aus Fasshölzern seien aber nur ein Nebengeschäft. "Wir machen hier seit 105 Jahren hauptsächlich Fässer, inzwischen in der vierten Generation", sagt der gelernte Fassmacher mit einigem Stolz.

1914 gründete der gleichnamige Großvater Wilhelm Schmid das Unternehmen und baute die Fabrik im Münchner Stadtteil Laim auf. Damals war er einer von 1000 Schäfflern in Oberbayern, wie Fassbinder, Küfer, Böttcher oder Büttner dort heißen. Sein Sohn - ebenfalls Wilhelm - übernahm den Betrieb mitten im Krieg 1941 und baute ihn nach der Zerstörung 1945 größer wieder auf. Der Markt im Wirtschaftswunderland Deutschland brummte. 1950 zählt die Statistik in Bayern noch 1.800 Schäfflerbetriebe.

Aluminium verdrängt Holz

Doch dann kamen Mitte der 1950er Jahre die modernen Aluminiumfässer auf, Holzfässer galten plötzlich als veraltet und unpraktisch. "Wir haben nie zu den großen Fassherstellern gehört, in München gab es viele Mitbewerber und große Fabriken - das war wahrscheinlich unser Glück", berichtet Wilhelm Schmid. Zum Glück hinzu kam noch Unternehmergeist:  "Mein Vater hatte die Idee, die großen hölzernen Lagerfässer der Brauereien, die 3.000 Liter und mehr fassten, aufzukaufen."

imago76837537h.jpg

Wilhelm Schmid führt das Unternehmen in der vierten Generation.

(Foto: imago/Astrid Schmidhuber)

Diese alten Fässer waren dafür gebaut, den großen Druck von kohlensäurehaltigem Bier auszuhalten. Sie waren dickwandig und innen gepicht, das heißt mit Pech ausgegossen, damit das Holz keinen Geschmack an das Bier abgibt. "Wir haben innen das Pech herausgehobelt und auf diese Weise Weinfässer hergestellt, das Holz war ja sehr gut erhalten und ideal für Wein oder Schnaps geeignet", erzählt Schmid. Fast zwanzig Jahre war das das Hauptgeschäft der Fassfabrik. Doch Mitte der 1970er Jahre gab es keine alten Lagerfässer mehr.

Damals begann Wilhelm Schmid nach kaufmännischer Ausbildung und Schäfflerlehre bis zum Meister, im väterlichen Unternehmen zu arbeiten. "Ich habe den Beruf ergriffen, weil der Betrieb da war", erzählt er. Sonst hätte er etwas anderes gemacht. "Mein Vater hat mich nie gedrängt, Schäffler zu werden, und ich habe das auch bei meinen Söhnen nicht gemacht." Das scheint ein gutes Rezept zu sein. Denn einer seiner beiden Söhne hat es genauso gemacht wie er: Peter Schmid ist mit 30 Jahren Schäfflermeister, Betriebswirt und ebenfalls Geschäftsführer der Fassfabrik. Er ist die vierte Generation.

In den ausgehenden 1970er Jahren ging der Betrieb mit Möbeln aus alten Fässern, Fasstischen, Wasser- und Dekofässern sowie mit dem Handel erstmal weiter. Dann kam die Nachfrage nach schönen alten Bierfässern aus Holz wieder auf. 1980 begann die Fassfabrik, traditionelle Bierfässer herzustellen. Mit großem Erfolg. "Wir haben uns eine Nische gesucht, die funktioniert", kommentiert Schmid, der den Betrieb 1987 übernahm.    

Die gute alte Zeit

imago79337241h.jpg

Die Fassfabrik Schmid ist eine Traditions-Werkstatt.

(Foto: imago/Michael Westermann)

Zuerst waren die kleinen Holzfässer wieder gefragt, dann auch die großen. 200 Liter fasst das größte, der "Hirschen", der häufig beim Münchner Oktoberfest eingesetzt wird. "Pro Jahr produzieren wir rund 1000 Fässer aller Größen, von zehn bis 200 Liter", berichtet er weiter. Etwa 500 würden repariert und 7000 gepicht. Genügend Arbeit für die acht Mitarbeiter.

Die Herstellung eines Holzfasses ist immer noch weitgehend Handarbeit, auch wenn dabei einige Maschinen eingesetzt werden können. Acht Stunden dauert es, bis ein "Hirschen" fertig ist, für ein 30-Liter-Fass braucht die Manufaktur insgesamt vier Stunden.

Die Fässer bestehen aus Eichenholz, das mindestens zwei Jahre gelagert wurde, erklärt der Schäfflermeister. Aus ihm werden die Dauben zugeschnitten, gebündelt und eine Stunde in Wasser gekocht. "Dadurch wird das Holz biegsam und lässt sich in Form bringen." Aus den Dauben wird der Rumpf zusammengesetzt, der mit Eisenringen zusammengehalten wird. "Zwischen den Dauben verwenden wir ganz normales Schilfgras als Dichtmaterial", erklärt Schmid die weiteren Arbeitsschritte.

Ist der Körper des Fasses fertig und innen ausgehobelt, können die Eichenholzböden eingesetzt werden. Dann werden die Metallbüchsen eingedreht: In der Mitte des Fasses befindet sich der Spundring zum Abfüllen, unten wird das Zapfloch eingedreht und oben das Bodenzapfloch. Nun wird das Fass von innen gepicht. "Dafür verwenden wir erhitztes Pinienharz, das ist geschmacksneutral", erläutert Schmid weiter. Außerdem lässt sich ein gepichtes Fass leichter reinigen - das passiert pro Jahr 30 bis 40 Mal. Zum Schluss wird das Fass geeicht und die Literzahl auf dem Boden eingebrannt.

Trotz der intensiven Beanspruchung hält ein Holzfass bis zu 30 Jahre. "Dafür muss es regelmäßig nachgepicht werden", sagt der Experte. Ist ein Reifen gelockert oder eine Daube gebrochen, dann lässt sich das Fass auch reparieren. "Nachhaltiger geht es kaum."

Quelle: n-tv.de