Leben

Aus der Schmoll-Ecke Die Anmaßung der Durchgeknallten

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Jana aus Kassel - studiert irgendwas mit Psychologie. Ohne Worte.

(Foto: imago images/Henning Scheffen)

"Wer so hässlich ist, wie Du, der kann auch nur lügen, wie Schnitzler oder Göbbels!!", schrieb ein Leser unserem Kolumnisten. Dieser hatte bisher nie über den Zusammenhang zwischen Hässlichkeit und Lüge nachgedacht. Jetzt schon - und landet bei Trump und dem bösen Wolf.

Geschätzte Lesende, wie Leserinnen und Leser neuerdings genannt werden, damit sich Frauen nicht ausgeschlossen fühlen und die Welt noch besser wird, herzlich willkommen zum kolumnistischen Manifest, geschrieben von "Edelsude vom Staatssender NTV". Das Zitat stammt von einem Leser (männlich), der im Gegensatz zu mir das Trumpel-Tier in Washington dufte findet und mir darüber - argumentativ hochwertig, aber durchaus angreifbar - Mitteilung machte. "Ich möchte Ihnen mitteilen das Sie Ihre Arbeit sehr sehr schlecht machen und diese böser Trump und super Merkel Schmiererein echt langweilen."

Jener Leser, dessen Hirn und Herz ich offenkundig noch nicht zu erobern vermochte, was mich allerdings nicht betrübt, bescheinigte mir via Ferndiagnose, deren Exzellenz in gewissem Kontrast zu seiner Rechtschreib- und Grammatikschwäche stand: "Wer so hässlich ist, wie Du, der kann auch nur lügen, wie Schnitzler oder Göbbels!! Ich hoffe du erstickst bald an deinen Lügen! Kann mir nicht vorstellen, dass du ecklicher Typ ne Frau hat. Die kann nur blind, taub und geruchsbehindert sein."

Ich gebe zu: Eine nahezu perfekte Beschreibung meiner Person, meines Lebens und meiner politischen Einstellungen zwischen Karl-Eduard von Schnitzler und Joseph Goebbels (der mit oe), also der Mitte. Man spürt (ich jedenfalls), da ist ein Abendlandverteidiger mit viel christlicher Wärme im Herzen und eiskaltem Blut in den Adern, der in sich ruht, "Frieden, Freiheit, keine Diktatur" fordert und sich verbal für das Fest der Liebe rüstet, um seine Eltern in Hildburghausen und weitere sieben Menschen plus einer fröhlichen Schar Kinder unter 14 Jahren zu umarmen, ihnen "hab euch lieb" zu sagen und gemeinsam "Oh, wie ist das schön" zu singen.

Ebenfalls gestehe ich, mir noch nie Gedanken gemacht zu haben über eine mögliche Korrelation zwischen Hässlichkeit und Lüge. Heißt das, dass schöne Menschen immer die Wahrheit sagen? Was ist dann mit Donald Trump? Liegt Schönheit nicht im Auge des Betrachters? Neigen hässliche, also "eckliche Typen" wie ich, eher zum Schwindeln als Models? Man denke nur an den bösen Wolf, der das Rotkäppchen hinter die Fichte führt. Aber ein Wolf ist kein Mensch. Und wissen wir, ob Rotkäppchen schön oder hässlich war? Sie merken schon, heute ist die Schmoll-Ecke philosophisch angehaucht.

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"Nichts verbindet Coronaproteste mit Widerstandskämpfer*Innen. Nichts!" Außenminister Heiko Maas reagierte empört auf den Vergleich mit Sophie Scholl (Foto).

(Foto: imago images/Leemage)

Hätte ich die postalische und nicht nur die Mailadresse des Lesers, würde ich jenem Unbekannten ein Exemplar von Jean-Paul Sartres "Der Eckel" schicken, in dem der gute alte Antoine Roquentin der Sinnlosigkeit seines Lebens Gewahr wird und als Gegenmittel die innere Revolution ausruft, jedoch bei seiner Selbsterkundung auf ein Gefühl namens "Eckel" stößt (daher der Name des Romans). Sie haben recht, wenn Sie nun denken, ob man "Der Eckel" überhaupt einen Roman nennen kann oder es sich schon um ein philosophisches Werk handelt - und wenn ja, wie viele. Ich weiß es nicht, sage aber: "Dienstag. Nichts. Existiert." Zitat aus "Der Eckel" oder nicht? Hieß es nicht: "Samstag. Alles. Vergangen" - Fragzeichen.

Von Eckel regelrecht überfraut

Jaja, das Nichts ist im Gegensatz zu Dienstagen und Samstagen eine eher philosophische Größe noch unbekannten Ausmaßes. Man kann es mit Hass füllen. Oder Liebe. Oder Weihnachtsgeschenken. Ich will Sie nicht langweilen, sondern wollte Ihnen unbedingt einmal aufzeigen, was Lesermails in mir auslösen können. Ich könnte hier schreiben und tue es glatt: Wenn man so aggressiv ist (wie jener Leser), dann stimmt was nicht (mit ihm). Da ist es irgendwie auch logisch, dass so einer den Sinn im Leben sucht und im Internet findet. Oder auf einer Bühne der Querdenkenden, wie Querdenkerinnen und Querdenker neuerdings genannt werden, damit sich Frauen nicht ausgeschlossen fühlen und die Welt (noch) besser wird.

So wie Jana aus Kassel, auch eine Durchgeknallte, der alle Maßstäbe verrutscht sind in dieser Welt der verrutschten Maßstäbe. "Ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten hier aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und auch seit gestern Versammlungen anmelde." So sagte sie es. Der Vergleich ist respekt- und anstandslos, impertinent, abgehoben und unfassbar anmaßend, dass ich von Eckel regelrecht überfraut werde. Wir brauchen keine Pisa-Studie, um den Grad der Dummheit im deutschen Volk ermessen zu können, solange es Jana(s) aus Kassel gibt.

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Jana aus Kassel, ich empfehle Ihnen - noch vor Sartres "Der Eckel" - David Roussets "Das KZ-Universum" zu lesen. Dort war die Angst vor Folter größer als die vor der Auslöschung, so nahm es Rousset jedenfalls wahr: "Der Tod verblasst, der Terror triumphiert." In der Demokratie ist "Widerstand" so leicht, so simpel, so banal. Hätten Sie jeden Tag Schläge und Tritte ausgehalten, wenn Sie schon flennen, weil ein Ordner keinen Bock mehr hat, "diesen Schwachsinn" zu hören? Muss man Ihnen sagen, dass man im Totenhaus der Nationalsozialisten keine Demos anmelden konnte und "Flyer verteilen" das Todesurteil bedeutete?

"Ich kann und werde niemals aufgeben, mich für Freiheit, Frieden, Liebe und Gerechtigkeit einzusetzen", hatte Jana aus Kassel verkündet. Gute Idee, aber bitte vorher erst einmal - jawoll, auch ich beherrsche die anmaßende Kunst der Ferndiagnostik - beim Psychiater oder Psychologen vorstellig werden. Denn schon Ihre Selbstergriffenheit bei der feierlichen Verkündigung, auf einer Widerstandsstufe mit Sophie Scholl zu stehen, erschien mir, wie soll ich sagen, entrückt zu sein. Sperren Sie sich doch einmal zwei Jahre in ein Zimmer nur mit künstlichem Licht und ohne Kontakt zur Außenwelt (keine Demo-Anmeldungen mehr) ein und führen Sie dort ein literarisch hochwertiges "Tagebuch als Covidjud" - dann können Sie sich im Anschluss auch mit Anne Frank vergleichen. Jana, Sophie, Anne: das Trio Infernale des deutschen Widerstands. Ganz schön ecklig.

Quelle: ntv.de