Leben

Kunst, Knast und Katharsis Die Wiederauferstehung des Aldi-Betrügers A.

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Achenbach sagt, er sei heute mit sich im Reinen.

(Foto: Riva-Verlag)

Helge Achenbach hat alles verloren: Familie, Geld, seinen guten Ruf. Der Mann, der als Kunsthändler Karrieren beflügeln und Preise hochtreiben konnte, betrog den Aldi-Erben Berthold Albrecht und saß dafür im Gefängnis. Nun fängt er wieder von vorn an.

"Es geht mir gut, das Leben ist schön", sagt Helge Achenbach aufgeräumt. Man mag es ihm kaum glauben, immerhin hat der früher wohlhabende Kunstberater und -händler vier Jahre im Gefängnis gesessen und bei seiner Insolvenz nicht nur viel Geld, sondern auch alle Kunstwerke verloren. In den Turbulenzen dieser Zeit scheiterte zudem seine langjährige Ehe.

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Achenbachs Leben zerfällt am 10. Juni 2014, als er am Düsseldorfer Flughafen verhaftet wird. Er kommt gerade aus Washington von einem Besuch bei Freunden. In der Woche nach Pfingsten will er Teile der Sammlung des österreichischen Unternehmers Karlheinz Essl kaufen und mit einem Sammler über einen Skulpturenpark in Südfrankreich sprechen. Es geht um Millionen. Ausstellungen und Kunstmessen müssen vorbereitet werden, außerdem hofft er darauf, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ins WM-Finale einziehen wird. Dann will Achenbach in Rio im Stadion sitzen, immerhin hat er das DFB-Quartier Campo Bahia mit Kunst ausgestattet.

Doch nun stehen am Flughafen zwei Beamte mit einem Haftbefehl. Darin ist von einem Schaden von 60 bis 120 Millionen Euro die Rede, den Achenbach dem Aldi-Erben Berthold Albrecht mit betrügerischen Handlungen zugefügt haben soll. Am Ende dieses Tages liegt der Mann, dessen Name in der Kunstwelt Karrieren beflügeln und Preise hochtreiben konnte, allein in einer Zelle. "Ich lag nachts schlaflos auf einer Pritsche und wusste, dass mein Leben nie mehr so sein würde, wie es war", sagt der inzwischen 67-Jährige n-tv.de über diesen Moment.

Schuld und Vergebung

Im März 2015 wird er wegen Betrugs zu sechs Jahren Haft verurteilt. Das Gericht ist überzeugt, dass Achenbach Albrecht nicht vereinbarte Aufschläge auf die Einkaufspreise von Kunstwerken und Oldtimern in Rechnung gestellt hat. Der inzwischen auf Bewährung freie Achenbach leugnet das nicht mehr. In seiner Autobiografie "Selbstzerstörung" beschreibt er, wie ihn Albrecht - ganz Aldi-Erbe - auf eine Provision von fünf Prozent herunterhandelte. Eine Zahl, die nicht kostendeckend ist, und auch irgendwie beschämend für einen, der im Kunsthandel Rang und Namen hat. Üblich sind normalerweise 10 bis 50 Prozent. Achenbach führt die Dumping-Provision auf sein "mangelndes Rückgrat beim Verhandeln" zurück, Albrecht hätte die angekündigten 60 Millionen Euro vielleicht anderweitig investiert. So aber macht Achenbach den "größten geschäftlichen Fehler" seines Lebens, fälscht Quittungen und kommt dafür am Ende ins Gefängnis. "Ich habe einen riesen Bock geschossen, damit muss ich jetzt leben", sagt er heute.

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Babette Albrecht sagt im Prozess gegen Achenbach aus.

(Foto: picture alliance / dpa)

So sieht er das jedoch nicht von Anfang an: "Ich bin unschuldig, ich habe nichts gemacht, nur ein paar Provisionen mehr genommen", redet er sich sein Handeln schön. "Aber dann musste ich ehrlich werden mit mir selbst. Das ist der schmerzvollste Prozess, zu begreifen, dass da doch was war. Nämlich die Bereicherung an einem guten Kunden." Bis heute tröstet sich Achenbach damit, dass die Werke in Albrechts Besitz ständig im Wert steigen. Zuletzt hatte er drei Tage vor dessen Tod mit Berthold Albrecht telefoniert, der von dem Betrug nichts erfuhr, den er aber als Freund empfand. Ob dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruhte, kann Albrecht nicht mehr sagen. Seine Witwe Babette sprach vor Gericht von einer "ganz netten Freundschaft". Achenbach ist sicher, "dass ich Berthold eine Lebensfreude beschert habe, die er so nicht kannte. Trotzdem war es nicht korrekt."

Freundschaft, auch das ist ein Begriff, den Achenbach nach seiner Festnahme und Verurteilung neu definiert. Er lernt in der JVA Essen neue Menschen kennen: Vollzugsbeamte, Gefängnispfarrer, Mitgefangene. Und er merkt, dass für diese Begegnungen Ehrlichkeit die Voraussetzung ist. Achenbach entdeckt den christlichen Glauben. "Wenn man in der Kirche ist, brabbelt man das Vaterunser so runter: 'Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.' Plötzlich bist du in einer Situation, wo das wirklich wichtig ist." Achenbach betet, macht Sport, malt, liest viel. Er funktioniert überraschend gut im System Gefängnis, das er als beinahe klösterlich beschreibt, und findet dabei wieder zurück oder überhaupt erstmals zu sich selbst.

Widerspruch als Antrieb

Achenbach kommt 1952 in Klafeld, dem späteren Geisweid zur Welt, in einer Wohnung "mit Resopaltischen, schweren Teppichen und deutscher Eiche". Die Beziehung zur Mutter ist von Lieblosigkeit und manchmal auch Gewalt geprägt. "Oft erschien sie mir hart, im Rückblick: verhärtet und nicht im Reinen mit sich selbst", schreibt Achenbach über sie. Später erfährt er, dass er nicht das leibliche Kind seines Vaters ist.

Heute werde ihm vieles klar, erzählt er. "Was mir wirklich gefehlt hat, war eine fürsorgliche Erziehung, moralische Begleitung. Ich war ein Straßenköter und habe mir alles selbst angeeignet. Durchgeschlagen habe ich mich trotzdem." Achenbach beschreibt sich als exzentrisch und narzisstisch, idealistisch und altruistisch, naiv und leidenschaftlich, eitel und selbstüberschätzend - ein Mann der Widersprüche. "Das war eine merkwürdige Form des Antriebs, aber den haben viele."

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2015 wurde Achenbachs Vermögen versteigert, darunter auch viele Kunstwerke.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der studierte Sozialpädagoge erfindet später den Job des Kunstberaters, wird erfolgreich, scheitert auch mal, berappelt sich aber wieder, um noch erfolgreicher zu werden. "Die Menschlichkeit geht in einer materialistischen und oberflächlichen Welt unter", sagt er über diese Jahre. Jetzt ist alles Geld weg, Achenbach hat nach seiner Privatinsolvenz noch 20 Millionen Euro Schulden, darf bei seinem Freund Günter Wallraff wohnen. Als er als Freigänger das erste Mal in Berlin auf viele seiner alten Kunden trifft, schauen die allermeisten weg. "Mir rann der Schweiß, weil ich mich so geschämt habe, das war furchtbar."

Aber auch das ist schon wieder vorbei. Ein paar alte Weggefährten sind ihm treu geblieben. "Mit Gerhard Richter telefoniere ich regelmäßig, Günther Uecker sehe ich oft, Jeff Koons hat mich in den Arm genommen und gesagt: 'I'm very happy to see you.'" Achenbach hat eine Freundin und schon wieder das nächste Projekt in Angriff genommen, einen Kulturhof, auf dem verfolgte Künstler einen sicheren Ort finden sollen. Er ist nicht verbittert. "Interessant ist, dass es mir aus der dunklen Seite heraus gelingt, wieder das Licht zu erreichen. Ich habe meine Wahrhaftigkeit wiedergefunden."

Inzwischen kommt ihm das Kunst-Verkaufen fast ein bisschen absurd vor, wenn man Kunst wirklich liebt. "Das verträgt sich nur sehr schwer, widerspricht sich sogar. Eigentlich ist es schöner, wenn man Kunst sammeln kann." Könnte er wenigstens ein Bild wieder bekommen, wäre es ein Kerzenbild von Gerhard Richter. Das hatte er 1988, "als Richter noch nicht teuer war", für 18.000 D-Mark gekauft. Heute hängt es im Museum von Frieder Burda.

Quelle: n-tv.de

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