Leben

Aus dem Alltag einer Busfahrerin "Doppeldecker fahren sich ganz weich"

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Am liebsten lenkte Susanne Schmidt einen Doppeldecker durch Berlin.

(Foto: imago images/Manfred Segerer)

Susanne Schmidt hat in ihrem Leben schon viel gemacht. Sie war Erzieherin, hat Drehbücher geschrieben, als Stadtführerin und Pförtnerin gearbeitet. Mit Mitte 50 wird sie dann Busfahrerin bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Schnell muss sie feststellen, dass dort zwar Frauen gesucht werden, die männliche Belegschaft aber nicht so richtig weiß, wie sie mit den neuen Kolleginnen umgehen soll. Inzwischen sitzt Schmidt nicht mehr hinterm Bussteuer und hat die Zeit bei der BVG in ihrem Buch "Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei. Eine Berliner Busfahrerin erzählt" verarbeitet. Im ntv-Interview spricht sie über Sexismus, peinliches Verfahren und darüber, warum sie die "Linie des Grauens" am liebsten mochte.

ntv.de: Wie oft am Tag mussten Sie eigentlich den Spruch "Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei" sagen?

Susanne Schmidt: (lacht) Das war ganz unterschiedlich, an manchen Tagen habe ich den Spruch 60-mal gesagt, an anderen Tagen nur zwei- oder dreimal. Es kommt immer darauf an, wo und wann man fährt und auch, wie das Wetter ist. Wenn es regnet, wollen die Leute einfach nur schnell rein in den Bus und bleiben gleich an der Tür stehen. Oft sind es auch Touristen, die die Lichtschranke mit ihren Rucksäcken blockieren. Das ist auf jeden Fall wirklich ein häufiger Spruch.

Busfahren ist ja vor allem ein männerdominierter Beruf, wie sind Sie Busfahrerin geworden?

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Susanne Schmidt stürzte sich 2015 mit Mitte 50 in das Abenteuer Busfahren.

(Foto: Alexandre Sladkevich)

2015 tauchte in Berlin ein Aufruf auf, dass die BVG ältere Frauen suchen, die Busfahrerin werden wollen. Ich fühlte mich unglaublich angesprochen und dachte, ich wäre schön blöd, wenn ich das jetzt nicht ausprobiere. Alter ist in der Berufswelt ja eigentlich immer was Negatives, aber dieses große Berliner Unternehmen wollte mich gerade wegen meines Alters. Und wegen meines Geschlechts. Das hat den Hintergrund, dass Studien ergeben haben, dass ältere Frauen die besseren Auto- und Busfahrerinnen sind, weil sie weniger Unfälle bauen, mit Stresssituationen gut umgehen können und deeskalierend wirken.

So richtig vorbereitet war die BVG aber nicht auf Frauen.

Das eine war der schöne Aufruf, das andere dann die Umsetzung. Irgendwie wurde dieser tolle Gedanke nicht in die Verkehrsakademie getragen, wo wir ausgebildet wurden. Die Ausbilder waren nicht begeistert über die vielen Frauen und wussten auch gar nicht so richtig, wie sie mit uns umgehen sollen. Ich war sehr verblüfft.

Wie haben die männlichen Kollegen auf Sie reagiert?

Gleich am Anfang wurde uns gesagt: "Mädels, wir machen Männer aus euch". Das war sicherlich gut gemeint. Aber ich wollte gar kein Mann werden, ich bin ganz glücklich als Frau. Ich wollte einfach Busfahrerin lernen und unterrichtet werden und dachte, dass mein Geschlecht dabei eigentlich zweitrangig sein sollte. Aber das war es dann leider nicht.

Was für konkrete sexistische Situationen haben Sie erlebt?

In der Verkehrsakademie fand ich es zum Beispiel entsetzlich, als der Ausbilder meinte, wenn wir früher mit dem Unterrichtstag fertig werden, bekommt er von uns allen zur Belohnung ein Küsschen. Wie soll man darauf reagieren? Im Bus kam es immer wieder vor, dass Fahrgäste sich vor mich hinstellten und sagten: "Sie nehmen den Männern die Jobs weg, was bilden Sie sich eigentlich ein".

Wie haben Sie diese ganzen Kommentare ausgehalten?

Das ist schon hart. Ich habe angefangen, das alles aufzuschreiben, um es dadurch ein wenig zu verarbeiten. Manchmal musste ich auch einfach lachen vor lauter Hilflosigkeit. Geholfen haben mir auch die Gespräche mit Freundinnen und Bekannten, die genauso erstaunt waren, wie viel Sexismus in unserer Gesellschaft immer noch besteht und auch unhinterfragt gelebt wird.

Sie sind heute nicht mehr als Busfahrerin für die BVG tätig. Wieso haben Sie aufgehört?

Die Verantwortlichen sagten mir, ich müsse die gleiche Leistung bringen, die sie schon vor 30 Jahren erbracht haben. Dass ich aber Mitte 50 war und dass die Stadt durch den Mauerfall eine ganz andere geworden ist, wurde nicht berücksichtigt. Ich war nach kürzester Zeit dermaßen überarbeitet, dass ich die Verantwortung nicht mehr tragen konnte, Hunderte Menschen zu befördern und für ihre Sicherheit zuständig zu sein. Ich bin davon krank geworden.

Was raten Sie Frauen, die Busfahrerin werden möchten?

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Ich würde auf jeden Fall sagen: Macht es, das ist ein toller Beruf! Guckt euch vorher aber genau an, was auf euch zukommt und achtet auf euch.

Das klingt, als würden Sie selbst eigentlich auch gerne noch hinter dem Bussteuer sitzen.

Ja, es war mir keine Freude, aufhören zu müssen.

Hatten Sie eigentlich eine Lieblingslinie in Berlin?

Ja, das war die Linie M48.

Bezeichnen Sie die in Ihrem Buch nicht als "Linie des Grauens"?

(lacht) Ja, genau, die Linie ist beides. Lieblingslinie, weil sie einmal quer durch Berlin führt: vom feinen, vornehmen, ruhige, grünen Grunewald bis damals noch zum Alexanderplatz. Da fuhr dann einmal der ganze Querschnitt der Berliner Bevölkerung mit. Das Grauenvolle ist, dass man in dieser Linie als Busfahrerin völlig überfordert ist. Man steht andauernd im Stau, muss durch den dicksten Verkehr und ständig ist die Busspur zugeparkt. Deswegen ist man die ganze Zeit zu spät und bekommt an jeder Haltestelle das Gemecker der Leute ab.

Sind Sie auf der Strecke Ihren Lieblingsbus gefahren, den Doppeldecker?

Ja, genau.

Was ist an dem denn so toll?

Doppeldecker fahren sich ganz weich und wahnsinnig angenehm. Wenn man es nicht selber ausprobiert hat, kann man es sich kaum vorstellen, dass sich ausgerechnet dieses kleine Hochhaus mit seinen gut vier Metern Höhe so unglaublich gut lenken lässt.

Verfahren ist fürchterlich peinlich, schreiben Sie in Ihrem Buch, passiert aber jedem. Was macht man in so einer Situation?

Ich habe mich leider tatsächlich mehrmals verfahren. Als erstes habe ich mich immer meinen Fahrgästen erklärt und mich entschuldigt. Und dann sitzt in jedem Bus jemand, sehr oft ein älterer Herr, der die Strecke in- und auswendig kennt und gerne weiterhilft. Das ist keine Anekdote, sondern das ist tatsächlich so.

Berliner gelten ja als motzig und eher unfreundlich. Wie sind sie denn generell so als Fahrgäste?

Die meisten sind ganz wunderbar. Im Prinzip drängelt und motzt ja jeder nur so lange, bis er seinen Platz gefunden hat - und gesteht das auch jedem anderen Fahrgast zu. Und anschließend ist man ganz zufrieden und hat eine schöne Art, aufeinander zu achten.

Gab's auch mal brenzlige Situationen?

Die gab es natürlich auch. Einmal ist zum Beispiel ein betrunkener Mann eingestiegen, der mich fürchterlich beschimpft hat, auch sexistisch. Ich habe schnell gemerkt, dass das gefährlich wird und der Mann handgreiflich werden könnte. Aber da haben sich dann gleich andere Fahrgäste eingemischt und ich habe mich gut aufgehoben gefühlt.

An was für Momente erinnern Sie sich besonders gerne?

Ganz besonders schön fand ich es, wenn Schulkinder ausgestiegen sind, nach vorne gelaufen kamen und mir durch die offene Vordertür zuriefen "Vielen Dank für die schöne Fahrt". So etwas erwartet man nicht. Darüber habe ich mich sehr gefreut und das hält bis heute an.

Mit Susanne Schmidt sprach Katja Sembritzki

Quelle: ntv.de

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