Leben

Männer? Die Kolumne. "Echte Kerle" leiden doller

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Endlich ohne schlechtes Gewissen leiden: Die Männergrippe ist realer, als viele denken.

(Foto: imago images/YAY Images)

Männer sind in Zeiten des Coronavirus eine Risikogruppe, schuld daran ist das Testosteron: Je mehr davon, desto größer die Gefahr. Die plötzlich sichtbar gewordene Schwäche des "starken" Geschlechts könnte aber langfristig gesehen auch etwas Gutes haben.

Der Eurocity von Hamburg nach Prag ist ein ganz besonderer Zug: Es gibt dort einen Speisewagen, der direkt aus einem alten James-Bond-Film stammen könnte und in dem man tatsächlich richtiges Essen und frisch gezapftes böhmisches Bier bekommt - kein Vergleich zum Mikrowellen-Charme eines ICE-Bordrestaurants. Vor allem aber besteht der Eurocity fast nur aus diesen geräumigen Sechser-Abteilen mit den dicken Polstersitzen und den Panoramafenstern, die man in deutschen Zügen sonst nur noch selten findet.

Sobald man als Fremder ein schon teilweise besetztes Abteil betritt und die Tür hinter sich schließt, passiert etwas Merkwürdiges: Man ist Schlag auf Schlag Teil eines eigenen Mikrokosmos, in dem auch Unbekannte unvermittelt in sehr persönliche Gespräche verwickelt werden, zumindest ist das mir jetzt schon häufiger so ergangen. Dahinter muss irgendein psychologisches Phänomen stecken, das ich noch nicht ganz verstanden habe - was am Ende aber auch egal ist, denn spannend ist es eigentlich fast immer. So wie vor genau zwei Wochen, als ich mich an einem Mittwochmorgen vor dem Schneeregen ins Abteil rettete.

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Risikogruppe: Männer.

(Foto: imago images/Hans Lucas)

Es war die Zeit, bevor sich die Menschen um Toilettenpapier und Dosenerbsen prügelten und Abzocker mehrere Hundert Euro für ein Paket Atemmasken verlangten. Trotzdem waren bereits erste Fälle des Coronavirus in Deutschland gemeldet worden und die Menschen begannen langsam aber sicher, unruhig zu werden und sich gegenseitig mit ihrer Nervosität anzustecken. Ich war mir nicht ganz sicher, wie ich das mittelalte Paar einschätzen sollte, das sich die beiden Fensterplätze geschnappt hatte: Einerseits stand auf dem Tisch vor ihnen ein Kniffel-Becher und Kniffel-Becher sind für mich der Inbegriff von Entspannung. Andererseits hatte mein Auftauchen die beiden anscheinend aus einer Diskussion gerissen und die Blicke, die sie mir zuwarfen, wirkten misstrauisch. Lag das daran, weil ich einen trockenen Hals hatte und mich von Zeit zu Zeit räuspern musste?

Die obligatorischen paar Minuten, die es braucht, bis man sich entschieden hat, ob man lieber das private Gespräch fortsetzt oder darauf hofft, ab dem nächsten Stopp wieder allein zu sein, vergingen. Der Mann schaute aus dem Fenster. Ich klappte meinen Laptop auf. Die Frau sagte: "Du hättest wirklich zu Hause bleiben sollen, Christian. Immerhin gehörst du zu einer Risikogruppe." Ich schaute irritiert auf, weil Christian eigentlich ziemlich fit aussah und überhaupt nicht wie jemand, der gerade ein großes Risiko einging. "Sie brauchen gar nicht so zu gucken, Sie gehören doch auch dazu", sagte die Frau, der meine Reaktion nicht entgangen war. Weil ich wohl immer noch wie ein Schaf nach der Schur aus der Wäsche guckte, fügte die Frau in einem Ton, der für die Langsameren unter uns reserviert ist, hinzu: "Sie sind ein Mann."

Vom eigenen Testosteron verraten

Das hatte die Frau gut erkannt, ich konnte ihr da kaum widersprechen. Weil ich aber immer noch nicht verstehen wollte, warum ich just in diesem Moment in großer Gefahr schwebte, erklärte sie es mir: Männer, so die Frau, seien wegen ihres schwachen Immunsystems die perfekten Opfer. Das kenne man ja schon von der vielzitierten "Männergrippe" und mit Corona sei ja nun alles noch mal eine Ecke schlimmer. Bis dato hatte ich der Aufregung um das neuartige Virus wenig Beachtung gezollt, aber mit Männergrippen kenne ich mich aus: Die Dinger sind gefährlich, Stichwort "Todesahnung". Blöderweise sehen das die meisten anderen Menschen, vornehmlich Frauen, anders - und sogar das britische Oxford Dictionary lästert in seiner Definition der "Man Flu": "Männerschnupfen: Eine Erkältung oder geringere Erkrankung bei Männern, die die Schwere der Symptome übertreiben."

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Gar nicht mal so stark, wie er tut: Mann.

(Foto: imago images / Westend61)

Bestärkt von der felsenfesten Überzeugung der Frau durchkämmte ich noch am selben Abend das Internet, um Beweise für die Rechtmäßigkeit ihrer Aussage zu finden, und tatsächlich: "Grob vereinfacht lässt sich feststellen, dass Männer durch die Unterschiede in der Immunantwort häufiger krank werden können als Frauen", sagt die Immunologin Beatrix Grubeck-Loebenstein von der Universität Innsbruck in einem Interview mit der dpa. Warum das so ist, erklärt Marcus Altfeld vom Heinrich-Pette-Institut in Hamburg: "Östrogen stimuliert das Immunsystem, Testosteron hingegen unterdrückt es. Das Immunsystem von Frauen reagiert deshalb schneller und aggressiver gegen Krankheitserreger als das von Männern."

Je höher also der Testosteronspiegel, desto schwächer ist das männliche Immunsystem. Ein herber Schlag für "echte Kerle", aber ein gutes Argument für alle Männer, die bei ihrer nächsten Männergrippe endlich mal ohne schlechtes Gewissen und aus vollem Herzen leiden wollen: Ja, liebe Männer, es habt es in diesem speziellen Fall tatsächlich mal schlechter als eure Frauen. Zur Gänze können wir uns aber trotzdem nicht auf die Unbilden der Natur berufen, denn "auch weitere Faktoren spielen eine Rolle, die sich stärker auf das Verhalten und die Umwelt beziehen. Männer leben immer noch risikoreicher, sie ernähren sich ungesünder und sie lassen sich weniger diszipliniert impfen", sagt etwa Grubeck-Loebenstein. Und woran liegt das? Na klar, am Testosteron.

Nach all den anderen Entzauberungen nun also auch noch das: Vom eigenen Sexualhormon verraten zu werden, das ist schon ein herber Schlag für die Anhänger klassischer Männlichkeitsbilder. Und deswegen zum Schluss noch etwas Tröstendes für alle "echten Kerle": Chuck Norris, Erfinder des Roundhouse-Kicks und überhaupt Mann aller Männer, ist gestern 80 Jahre alt geworden. Zur Feier des Tages hat das Internet sich ein neues Meme für den alternden Actionhelden ausgedacht: "Das Coronavirus wäscht sich die Hände, nachdem es Chuck Norris zum Geburtstag gratuliert hat." Na also, geht doch.

Quelle: ntv.de