Leben

Kolumne: Salz des Internets Ein Netz voll weihnachtlicher Liebe

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Ein Herz für weihnachtliche Gefühle - nicht nur auf dem Weihnachtsmarkt.

(Foto: imago images/Andre Lenthe)

Zu Weihnachten ist das Internet besser als sein Ruf. Mit vielen gemeinschaftlichen Aktionen helfen sich Nutzer sozialer Netzwerke an den Feiertagen gegenseitig aus. Unserer Autorin wird da ganz weihnachtlich ums Herz.

Das Internet unkt schon wieder. Das macht es ja eigentlich immer. Aber selbst das Fest der Liebe scheint dem gesichtslosen Internetnutzer gegen den Strich zu gehen. "Last Christmas" nervt, die buckligen Verwandten kommen dieses Jahr schon vor Heiligabend an. Und dann der Kommerz. Ach, diesen schrecklichen Kommerz hält doch kein Mensch aus! Ich sage, das sind alles Spaßverderber, die heimlich schon seit September gefüllte Lebkuchenherzen essen. Außerdem ist im Internet nicht alles schlecht, auch wenn das die gemeinen Babyboomer immer sagen.

Die gute Nachricht ist: Den Heiligen Abend haben wir schon überstanden, die Tage werden wieder länger und trotz all der kleinen und unfassbar massiven Katastrophen, die uns im vergangenen Jahr getroffen haben, stehen wir noch. Ziemlich respektables Ergebnis. Auch wenn sich 2019 teilweise wie eine nicht enden wollende Episode von "Takeshi's Castle" angefühlt hat, verlassen wir nun langsam und hyperventilierend die ausgehende Winterdepression und starten voll übertriebenem Aktionismus in Weihnachtstage voller Nervenzusammenbrüche, Sodbrennen und politisch unkorrekter Familiendiskussionen unter dem Tannenbaum. Dabei sieht in der Werbung alles immer so entspannt aus. Wenigstens laufen wir sehenden Auges in unser alljährliches Verderben und wenn nichts mehr geht, kommt die Weisheit einer lieben Freundin zum Tragen: Wenn die Lichter an sind (Schnaps), geht's eigentlich!

Kaum Hass, viel Liebe

Es folgen 72 Stunden des ungewollten Ausnahmezustands. Menschen wie ich, die sich gerne zu jeder Jahreszeit vor ihren Mitmenschen verstecken, werden wie Laborratten in ein Umfeld voller übersteigerten Erwartungen und alkoholgeschwängerter Emotionen geworfen. Zu Weihnachten gibt selbst dieses schrecklich zähe Jahr noch einmal alles, um auch den letzten Optimisten zu brechen. Aber nicht mit uns, Freunde! Wir halten tapfer dagegen.

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Viele Menschen verbringen Weihnachten alleine - gewollt und ungewollt.

(Foto: imago/STPP)

Da ich mich den Rest des Jahres im Internet rumtreibe, wäre es schon sehr komisch, wenn ich nicht in den besinnlichen Stunden auch mal darüber nachdenken würde, was das Netz denn für Benachteiligte im echten Leben übrig hat. Und ich muss sagen, Hass findet man hier kaum, wenn es darum geht anderen an den kalten, dunklen Weihnachtstagen zu helfen. Eher bin ich erstaunt davon, wie viel Liebe und Mitgefühl ich schon in der Vorweihnachtszeit entdecken kann, wenn man mal davon absieht, dass Mariah Careys "All I want for Christmas" nicht jedermanns Fall ist. Wenn es um die Wurst geht, versammeln sich nämlich viele Mitglieder der Netzgemeinde und unterstützen diejenigen, die nicht so viel haben, wie sie selbst. Unter unterschiedlichen Hashtags, findet man Aktionen, die Einsamkeit verhindern oder einfach Leuten mit wenig Geld eine Freude machen sollen.

Im LED-Licht des familiären Tannenbaums lässt es sich zwar gut ausblenden, dennoch gibt es viele Menschen, die das Weihnachtsfest vollkommen alleine verbringen müssen und das sogar oft ungewollt. Um diesem Umstand entgegenzuwirken, haben Twitter-User vor ein paar Jahren den Hashtag #keinerbleibtallein ins Leben gerufen, unter den Menschen, die ein Weihnachtsessen oder eine Feier veranstalten, Menschen einladen, die Weihnachten nicht alleine verbringen können oder wollen. So kommt im schlechtesten Fall kein Essen in den Müll und im besten Fall gibt es warme Herzen und neue, nette Bekanntschaften. Das nenne ich mal eine frohe Botschaft!

Rührende Spendenaktionen

Auch Familien, die wenig Geld haben, können auf Twitter und Co. Hilfe für gelungene Feiertage finden. Wer es finanziell nicht aufwenden kann, neben den monatlichen Lebenshaltungskosten auch noch teure Weihnachtsgeschenke für die lieben Kleinen zu kaufen, findet unter dem zauberhaften Hashtag #eineSorgeweniger eine Menge Menschen, die sich freuen, wenn sie Bedürftigen eine Freude machen können. Sie spenden Spielzeug, Bücher und andere tolle Sachen für Menschen, deren Budget sonst niemals für Weihnachtsgeschenke reichen würde. Ich bin sicher, das rührt nicht nur mich, wenn man bedenkt, dass es sich hier um fremde Menschen handelt, die einfach gerne etwas von ihrem eigenen Glück abgeben möchten.

Das macht mich fast ein bisschen stolz auf dieses große, unpersönliche Internet. Alle Schwarzmaler, die der Meinung sind, dass das Internet Traditionen zerstört und die Jugend verdirbt, sollten sich das dringend mal vor Augen führen. Neben all den Shitstorms und Hasskommentaren gibt es hier nämlich auch Bewegungen wie diese, die nicht wie große Fernsehspendenaktionen mit Werbemitteln publik gemacht werden müssen, sondern einfach von Account zu Account weitergereicht werden. Wer was hat, der hilft, und wer nichts hat, der teilt trotzdem die Botschaft, um damit mehr Menschen zu erreichen. Ich finde, das ist eine Tradition, die es sich lohnt zu begründen. Da gibt es gar nichts zu unken. Ganz im Gegenteil könnte ich sofort vor Rührung anfangen zu heulen, wenn ich mir die Freude von Kindern vorstelle, die schon damit gerechnet haben, wieder leer auszugehen.

Eigentlich können wir uns nämlich sehr glücklich schätzen, dass wir gut genug durch dieses aufregende Jahr gekommen sind, um uns auf dem Weg in die Heimat nur zu fragen, welche seltsamen Dramödien unsere Familien während der Feiertage für uns bereithalten. Eigentlich können wir es nämlich kaum erwarten wieder von Oma viel zu doll in die Wange gekniffen zu werden und unentwegt die Frage zu beantworten, wann es denn endlich Enkelkinder gibt. Das heißt ja im Prinzip nur, dass sich jemand um uns sorgt. Umso schöner ist doch der Gedanke, dass sich im Netz sogar Fremde umeinander kümmern, oder? Schließlich sind wir doch unter dem Mistelzweig alle nur eins. Egal, ob reich oder arm, Großfamilie oder einsamer Einsiedler, online oder offline: Wir alle wollen ein frohes Fest. In diesem Sinne wünsche ich uns allen, ganz ohne Kitsch, ein paar schöne Tage. Auf das weihnachtliche Internet!

Quelle: ntv.de