Leben

Folgen von Zucht und Tierliebe Ein Tierpathologe deckt Wahrheiten auf

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Weibliche Ziegen bekommen im Alter oft bösartige Tumoren an der Gebärmutter.

(Foto: REUTERS)

Was der Tierpathologe Achim Gruber bei der Obduktion zu sehen bekommt, verrät viel darüber, wie Menschen mit ihren Haustieren umgehen und welche Folgen die Qualzucht hat. In einem Sektionssaal in Berlin untersucht er seit Jahren die toten Tiere.

An einem Vormittag im Mai steht Achim Gruber vor dem weiß-gelb gekachelten Sektionssaal im Institut für Tierpathologie der Freien Universität Berlin und schaut auf den Vorbericht in seiner Hand. Auf dem Edelstahltisch vor dem Tierpathologen liegt eine tote Ziege, die vier Beine reglos von sich gestreckt. Das weiße Fell am Hals ist noch vom Blut rot gefärbt.

Das Tier ist erst am Morgen getötet worden, weil der Verdacht eines Tumors an der Gebärmutter bestand. Die Ziege hatte schwere Krämpfe, konnte kein Urin mehr lassen und sich nur noch sehr schwerfällig bewegen; so steht es im Vorbericht. In der Pathologie, die Gruber seit 14 Jahren leitet, soll nun untersucht werden, ob die Vermutung stimmt.

Viele Tiermediziner, aber auch Tierhalter bringen hier ihre toten Hunde, Katzen und Pferde vorbei, um die Todesursache festzustellen. Auch Zoo- und Zirkusbetreiber transportieren manchmal Elefanten oder Wasserbüffel in die Pathologie. Im Innenhof des Instituts, in dem die Tiere angeliefert werden, nimmt Gruber an diesem Vormittag auch die Ziege genau in Augenschein, bevor sie in den Sektionssaal gerollt und aufgeschnitten wird.

"Die Klauen sind gut gepflegt", sagt der 53-Jährige und nickt zufrieden. Vom Zustand der Hufe lässt sich darauf schließen, ob das Tier genügend Auslauf hatte, ob der Halter regelmäßig zum Schneiden der Hufe beim Tierarzt war. Für Gruber sind die Klauen so etwas wie das Aushängeschild des Tiers. Daran lässt sich erkennen, ob die Ziege in ihrer Haltung vernachlässigt wurde.

Eine leblose Ziege im Sektionssaal

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In seinen 25 Jahren als Tierpathologe hat Gruber schon etliche schlimme Fälle gesehen. Hunde und Katzen, die wegen übersteigerter Tierliebe gestorben sind, Halter, die ihre Tiere trotz auffälliger Symptome wie Blutungen und Fellveränderungen nicht zum Tierarzt brachten, bis hin zu schlimmen Folgen der Tierzucht und Sodomie. Einige davon treiben Gruber bis heute die Tränen in die Augen. Auch deswegen hat der studierte Tiermediziner ein Buch geschrieben, in dem er über die stillen Leiden der Tiere berichtet. Als Tierpathologe kennt er die wahren Gründe, woran Tiere sterben.

Hinter ihm im Sektionssaal liegt der leblose Körper der Ziege auf der Bahre, mittlerweile in zwei Hälften aufgeklappt. Ein langer Schnitt verläuft an der Kinnspitze des Tieres entlang des Magens bis hin zum Schambein. Die Assistenzpathologin, die die Obduktion an diesem Vormittag leitet, trägt ein rosa OP-Hemd, eine weiße Schürze und Gummistiefel. In der Sektionshalle muss alles desinfiziert sein, damit sich keine Krankheiten von den Tieren auf die Menschen übertragen. Auch dürfen keine zusätzlichen Keime in den Tierkadaver  gelangen.

Aus dem aufgeschnittem Bauch der Ziege ragt der Magen groß und aufgebläht heraus. Er wirkt wie ein Luftballon. Die Organe werden bei jeder Obduktion der Reihe nach entnommen. Jedes Tier wird bis zum Letzten in seine Einzelteile zerlegt, erklärt Gruber. Er selbst obduziert nur noch selten. Bei prominenten Fällen lässt sich es der Pathologe aber nicht nehmen, selbst mit Sezierbesteck an einem der Edelstahltische zu stehen. So etwa bei dem Berliner Eisbären Knut aus dem Zoologischen Garten, bei teuren Rennpferden, die leicht mehrere Millionen Euro kosten können, oder großen Tieren wie Elefanten. Die werden dann oft vor der Kühlhalle im Innenhof des tierpathologischen Instituts obduziert.

Die wahren Todesursachen liegen oft hinter dem Befund

Aber auch die alltäglichen Fälle landen am Abend oft in bis zu 20 Seiten langen Obduktionsberichten auf seinem Schreibtisch. Gruber liest jede Seite. Er prüft, ob alles ausreichend untersucht wurde, um die Todesursache zu bestimmen und ob das Tier möglicherweise noch an weiteren Krankheiten litt. Dem Besitzer der Ziege ist es wichtig, zu erfahren, ob das Tier noch andere Keime in sich trug. Denn schließlich sollen keine weiteren Paarhufer aus seiner Herde erkranken - oder zumindest rechtzeitig behandelt werden können. Dafür werden bei der Obduktion dem Tier auch mit Spritzen Blutproben oder Magenabsonderungen entnommen, um diese anschließend unter dem Mikroskop nach Viren oder Bakterien zu untersuchen.

Von den rund 1000 Tieren, die pro Jahr in Grubers Institut obduziert werden, sterben viele an falscher Haltung und den Folgen von Zucht. Oft stehen die eigentlichen Todesursachen aber nicht im Bericht. Denn dann müssten sich Tierbesitzer eigene Fehler eingestehen und Züchter den Vorwurf der Qualzucht gefallen lasssen. Viele Schmerzen und Leiden werden bei der Züchtung geduldet, nur um vermeintliche Schönheitsmerkmale zu erfüllen.

Gerade Möpse und Französische Bulldoggen gelten als Hunde, die davon besonders betroffen sind. Gruber erinnert sich gut an die letzten Fälle im Sommer 2018, als mehrere von ihnen an einem Hitzschlag starben. Viele der Hunde sind so gezüchtet, dass sie nicht mehr richtig hecheln können und zu wenig Luft bekommen. Im Extremfall kann das bei den Hunden zum tödlichen Kollaps führen. "Durch Zucht entstehen Krankheiten, die in der Natur nie entstanden sind", sagt Gruber. Für den 53-Jährige scheint das schwer aushaltbar. Seine Stimme wird ruhig und sachlich, wenn er davon erzählt, als ob er mit der Tonlage noch einmal den Ernst der Lage unterstreichen will.

Wo fängt das Recht des Tiers an?

Gruber berichtet auch von Rüden, die plötzlich ihr Fell verlieren und Schrumpfhoden bekommen. Der Grund dafür: Viele ältere Damen benutzen in den Wechseljahren Östrogencreme. Beim Kuscheln mit den Tieren übertragen sie deren Wirkstoffe oft ungewollt auf ihre Hunde. Es sind längst keine Einzelfälle, meint Gruber. Was den Tierpathologen aber am meisten trifft, sind die Fälle grober Vernachlässigung. Erst kürzlich lag ein Hund in der Pathologie, der monatelang aus dem Hinterteil geblutet hatte, wegen eines großen Tumors. Der Halter hatte ihn einfach nicht zum Tierarzt gebracht. Wo hört das Recht des Menschen auf? Wo fängt das Recht des Tiers an? "Wir haben die richtigen Grenzen noch nicht gefunden", sagt Gruber.

Er macht sich viele Gedanken zu diesen Fragen. Gruber glaubt, dass in der Vergangenheit viel über Nutztiere berichtet wurde, wie Kühe und Schweine, die in der Massentierhaltung leiden müssen. Über Haustiere, mit denen Menschen sich täglich umgeben, aber nicht. Dabei ergeht es Hunden, Katzen, Goldfischen oder Chinchillas nicht besser, findet Gruber. Nur sei ihr Leiden oft nicht sichtbar. Dabei gibt es schwere Fällen von Vernachlässigung: Pferde, die im Winter auf der Weide stehen und kein Trinkwasser mehr haben, weil das Wasser in der Tränke zugefroren ist. Spaziergänger bringen solche Fälle manchmal zur Anzeige. Dann geht der Veterinärrat oder die "Veterinärpolizei", wie Gruber sie nennt, gegen die Tierhalter vor. Die schlechte Haltung ist ein klarer Verstoß gegen das geltende Tierschutzgesetz. Aber nicht alle Fälle lassen sich in der Pathologie so eindeutig nachweisen wie bei einem Pferd, das verdurstet ist.

Bei der Ziege, die an diesem Vormittag obduziert wurde, befand sich der vermutete Tumor an der Gebärmutter des Tieres. Eine bösartige Geschwulst, die in der Regel in viele innere Organe streut. Weibliche Kaninchen und Ziegen befällt dieser Krebs oft im Alter, meint Gruber. Er steht im Türrahmen des Sektionssaals, beide Arme ineinander verschränkt, während die Pathologin den Befund kundtut. Auf der Edelstahlbahre sind unter dem Neonlicht, das von der Decke fällt, nur noch die blutigen Innereien und Gedärme des sieben Jahre alten Tieres zu sehen. Ganze 8,5 Kilogramm schwer war der Tumor. Den Halter der Ziege trifft in diesem Fall aber keine Schuld, sagt Gruber. Von außen war das Leiden des Tieres auch für den erfahrenen Pathologen und Tiermediziner unsichtbar.

Quelle: n-tv.de

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