Leben

Aus der Schmoll-Ecke Frag das Arschloch und nicht dein Gehirn

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Ai Weiwei ist mit Deutschland unzufrieden.

(Foto: dpa)

Der Chinese Ai Weiwei will im Auftrag der Baumarktkette Hornbach Menschen "besser machen". Unser Kolumnist plant, unter die Youtuber zu gehen. Zuerst muss er sich aber über ein als "Demokratisierung von Kunst" hochgejazztes PR-Manöver aufregen.

Hallihallo, meine Lieben! Oh je, was für eine bekloppte Anrede, an die ich mich erst noch gewöhnen muss. Ich trainiere gerade für meine späte Karriere als Influencer, weshalb ich heute meine Kolumne mit dieser bei Youtubern beliebten Begrüßung begonnen habe. Die jungen Leute wie Bibi, Schnibi, Dibi und Hirni blöken zu Beginn ihrer Videos ihrer Herde stets "Hallihallo, meine Lieben" zu. Es gruselt mich zwar schon bei dem Gedanken, alle meine Schäfchen, die ich als Youtube-Star ins Trockene zu bringen gedenke, zu duzen und generell anzunehmen, dass sie "lieb" sind und kein einziges Schaf "böse", wo doch gerade in diesen Zeiten einige Indizien dafür sprechen, dass das Böse unaufhaltsam durch die Welt marschiert.

Aber ich gestehe Bibi, Schnibi, Dibi und Hirni gerne zu, dass sie ja nicht mit "Hallo, meine Lieben und Bösen" anfangen können, weil sie - wie später auch ich - Klicks machen und Dinge verhökern wollen. Ich bin noch am überlegen, was ich auf meinem Youtube-Kanal tun werde, habe allerdings schon die grandiose Idee, nämlich Fremdsprachigen, also Nicht-Deutschen, mit Tourette-Syndrom ein Forum zu geben, weil sie eine Minderheit sind, deren Forderungen in der Öffentlichkeit selten vorkommen geschweige denn umgesetzt werden. Oder haben Sie schon mal bei der NDR-Talkshow einen Ungarn mit Tourette-Syndrom sitzen sehen, der von Barbara Schöneberger gefragt wird, wie es ist, unter Orbán verbal zu kotzen? Sehen Sie, es gibt Nachholbedarf.

In meine Youtube-Sendung "Frag das Arschloch und nicht dein Gehirn" lade ich Antti ein, meinen Bekannten aus Helsinki, der ständig "Scheiße", "ach du Scheiße", "große Scheiße", "verdammte Scheiße" und "alles beschissen" sagt, sodass Außenstehende glauben, dass er miese Laune oder ein mieses Leben oder beides zusammen hat. Das stimmt nicht. Bei Antti ist es Tourette, weshalb er ständig grantelt. Jedes Mal, wenn er versäumt hat, seine Tabletten zu nehmen, sagt er auf Finnisch, das ich nicht verstehe, aber fühlen kann: "Verdammte Scheiße, ich habe die beschissenen Dinger vergessen!"

Kunst zum Selbermachen

Eine andere Idee ist, auf Youtube Kunstwerke zum Selbermachen vorzustellen. Sie trägt den Titel "Auweia, Bastelstube ohne Ai Weiwei, aber mit Verstand" und wird von Hornbach gesponsert. Ich gehe fest davon aus, dass Sie mitbekommen haben, dass der chinesische Künstler Ai Weiwei in jüngerer Zeit haarsträubenden Unsinn über Deutschland, die Liberalen und andere Deutsche gesagt hat.

Die "Berliner Zeitung" fragte ihn, ob er wisse, dass seine Aussagen über die angeblich "faschistische" Bundesrepublik "einen ganz schönen Wirbel hier verursacht haben". Der Künstler meinte: "Das weiß ich nicht, denn ich spreche kein Deutsch." Also den Kerl nenn' ich mal verdammt schlecht integriert. Ich dachte immer, Ai Weiwei sei Exilant, ein Dissident, der vor dem kommunistischen Regime seiner Heimat geflohen sei und in Deutschland so was wie politisches Asyl erhalten habe. Wir erwarten doch von Flüchtlingen, dass sie sich integrieren und die Sprache des Gastgeberlandes lernen. Das gilt dann offenbar nicht für weltberühmte Künstler, die nicht auf Hartz IV angewiesen sind. Schade.

Er sagte der "Berliner Zeitung": "Deutschland ist zutiefst unehrlich. Sie wollen stolz sein, sie wollen das Richtige tun, dafür haben sie sich sehr angestrengt, weil sie eine so dunkle Vergangenheit haben. Aber funktioniert das wirklich oder tun sie bloß so? Ich mag es nicht, wenn jemand nur so tut. Wenn es neue Nazis gibt, dann schätze ich das, weil sie echt sind. Ich mag die Liberalen nicht, die nur so tun, als seien sie liberal. Aber tief drinnen haben sie die Nazi-Kultur verinnerlicht." Soso, kein Deutsch können, aber kolossal urteilen. Das hab ich gern.

Ai Weiwei wohnt jetzt in Cambridge. Aber sein Atelier hat er in Berlin. Und noch rasch ein bisschen Kohle im zutiefst unehrlichen Deutschland zu machen, kann nicht schaden. Für Hornbach hat der Chinese ein Kunstobjekt namens "Safety Jacket Zipped the Other Way" erfunden, das jedermann daheim basteln kann, wenn er die richtigen Sachen kauft. Es besteht aus fünf Schutzjacken, die bei Hornbach 36 Euro das Stück kosten, die an den Reißverschlüssen so miteinander verbunden werden sollen, dass sie ... Völlig egal. Wird das Werk aufgerichtet, wird ein Irgendetwas daraus, nur keine Kunst.

Kotzübel in der Magengegend

Gelangweilt hat's ihn, immer nur in Museen "für Rekordbesucherzahlen" zu sorgen und ständig mit Kunstliebhabern zu kommunizieren. "Diese Arbeit ist für alle gedacht. Für Menschen, die nicht unbedingt ins Museum gehen oder Kunstsammler sind." Hach, was für ein großzügiges und gütiges Genie, das auch dem Pöbel einen echten Ai Weiwei gönnt. Da wird mir ganz warm ums Herz und kotzübel in der Magengegend, erst recht, weil der PR-Gag mit einem zarten politischen Guss überzogen wird, der auch noch mit einem "vielleicht" entschärft wird, damit jeder Idiot merkt, dass selbst kongeniale Chinesen nicht sicher sind, ob sie immer richtig liegen. "Kunst macht die Welt vielleicht nicht zu einem besseren Ort, aber sie hat die Macht, uns zu besseren Menschen zu machen."

Ich sehe es vor mir, wie Hassbürger zu Hornbach gehen und statt der angedachten Kettensäge für das nächste Massaker Schutzwesten sowie anderen Krempel kaufen, daheim "Safety Jacket Zipped the Other Way" zusammenfummeln und anschließend Muslime zu sich einladen, damit sie gemeinsam auf Deutschland, Angela Merkel, Hornbach und Ai Weiwei anstoßen. Wie das Projekt beim kunstinteressierten Pöbel ankommt, lässt ein Blick in sogenannte soziale Medien erahnen. Einer, der den Weg zu einem besseren Menschen noch vor oder schon hinter sich hat, schreibt: "Das ist kein Künstler, sondern eine Marionette des 'WerteWestens', welche für das übliche Mittel, Regime Change und Unruhe stiften, engagiert wurde und jetzt nutzlos ist, für die angelsächsischen Strategien, weil er nicht mehr in China agieren kann."

Aha. Soso. Ich finde es gruselig, dass Hornbach, ausweichend, Streit vermeidend, verharmlosend und ignorant auf diesen Käse antwortet: "Du magst deine persönliche Meinung zu Ai Weiwei und seiner Bedeutung als Künstler haben. Das führt uns jedoch weg vom eigentlichen Kunstwerk und der Demokratisierung von Kunst." Hallo? Habt ihr den Schuss und die Schüsse in Hanau nicht gehört? Auf idiotische Verschwörungstheorien zu antworten, führt also zu weit weg vom "eigentlichen Kunstwerk". Dazu fällt mir nichts mehr ein. Das erzähle ich Antti, der findet die richtigen Worte.

Das, was Ai Weiwei und die Baumarktkette tun, ist nicht die Demokratisierung, sondern die Banalisierung von Kunst. Wäre es um die Inhaltsleere oder Infantilisierung unserer Gesellschaft gegangen, würde ich mich vor dem Chinesen verbeugen. Allerdings: "Die Deutung ist jedem selbst überlassen." Okay, hier ein Versuch: Ich finde den bewussten Verzicht auf Schwimmwesten genial als Hinweis auf die im Mittelmeer ersaufenden Afrikaner, die nun nicht mehr bei Hornbach einkaufen können. Arme Afrikaner.

Erst der höhere Gedanke macht Kunst zu Kunst. Ai Weiweis Begründungen sind Geschwafel als Selbstzweck eines Künstlers, der an Bedeutung verliert, ohne jede Selbstironie. Wie das geht, zeigte Blixa Bargeld von Einstürzende Neubauten 2004, als er mit Inbrunst aus Hornbach-Katalogen vorlas, als stammten die Texte von Goethe und als wäre er Mephisto. Das hatte was. Daher sei Hornbach gesagt: Es gibt immer was zu tun. Yippi jaja, yippi yippi yeah.

Quelle: ntv.de