Gesundheit

Im Bett mit den eigenen Sorgen Hilfe, wir haben das Schlafen verlernt

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Wieder eine schlaflose Nacht - höchste Zeit für einen Arztbesuch.

imago/Ikon Images

Millionen Deutsche schlafen schlecht. Das hat Ursachen, die weiter zurückreichen als der letzte Rüffel vom Chef. Über Jahrhunderte haben wir gelernt, unseren Schlaf der Alltagsstruktur anzupassen. Nun steuern Schlaftherapeuten dem entgegen.

Auch diese Nacht wird kurz werden - so viel ist sicher. Dabei war schon tags zuvor an Schlaf nicht zu denken. Wieder geht der panische Blick im Minutentakt zum Wecker. Schon halb drei Uhr morgens, dreiviertel drei, um drei. Schlaf endlich ein, verdammt! Doch weder der Anschiss fürs widerspenstige Selbst noch Schäfchen zählen helfen irgendetwas. Spätestens vor Schaf Nummer zehn schiebt sich stets der anstehende Angsttermin mit dem Chef. Ein hartnäckiger, ein nagender Gedanke, der bis zum Morgengrauen im Kopf herumwabert und sich einfach nicht abschütteln lässt. Das Aufstehen - gerädert und unter Kopfschmerzen - ist eine Qual.

Der Schlaf sei es, "der des Grams verworr'n Gespinst entwirrt", schrieb William Shakespeare - doch was, wenn fast jede Nacht aus Wachliegen und Grübeln besteht? Einer aktuellen Studie der Krankenkasse DAK zufolge leiden etwa 34 Millionen Deutsche unter Schlafproblemen, ein Drittel von ihnen (31 Prozent) fühlt sich regelmäßig erschöpft. Bei jedem Zehnten sind die Schlafstörungen sogar chronisch. Und obwohl Ärzte dringend dazu raten, lassen sich nur die wenigsten behandeln. Schlafen - so die trügerische Ansicht - sei schließlich das einfachste dieser Welt. Hinlegen, Augen zu, losschlafen! Doch so leicht ist das nicht mehr.

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Eine Vase aus dem 5. Jahrhundert vor Christus zeigt Hypnos und Thanatos, wie sie einen toten Soldaten tragen.

(Foto: imago/UIG)

Wir haben das richtige Schlafen verlernt - und das über Jahrhunderte hinweg. Noch in der Antike galt der Schlaf als etwas Heiliges. Die alten Griechen stellten sich Hypnos, den Gott des Schlafes, in Gestalt eines sanftmütigen Jünglings vor, der den Menschen Mohnsaft in die Augen träufelt und wachend über den Schlafenden schwebt. Gleichzeitig fürchteten sie den Kontrollverlust. Nicht zufällig ist Hypnos in der griechischen Mythologie der Zwillingsbruder von Thanatos, dem Tod - "Schlafes Bruder". Aber auch ohne das Wissen darüber, welche biologischen Mechanismus im schlafenden Körper wirken, waren sie sich der heilenden Wirkung dieses "todesähnlichen Zustands" bewusst.

Der Nachtschlaf wird zum Muss

Mit wachsendem Einfluss der Kirche erfuhr das Schlafen einen ersten Imageverlust. Wach zu sein hieß, aktiv zu sein - und nützlich. War es noch im alten Rom üblich, die Ruhezeiten über den Tag zu verteilen, galt bis ins Mittelalter als Faulpelz, wer sich zwischendurch aufs Ohr legte. "Wer schläft, tut das in der Nacht, und die Säufer feiern nachts ihre Trinkgelage", heißt es im Brief des Paulus an die Thessalonicher. "Lasst uns nun nicht schlafen wie die übrigen, sondern wachen und nüchtern sein." Langsam manifestierte sich der Glaube, der Nachtschlaf sei ein Muss - beendet durchs Glockengeläut im Morgengrauen. Das bedeutete allerdings nicht, dass ein guter Christ auch durchschlafen musste. Aber dazu später mehr.

Im Zuge der Industrialisierung verkümmerte schließlich der Schlaf selbst zum unproduktiven Ärgernis. Elektrisches Licht erhellte Straßen und Fabriken. Und Maschinen brauchen keine Ruhezeit - dem musste sich der Mensch unterordnen. Die Schichtarbeit hatte auch diese Folge: Um 1875 lebten in fast jeder vierten Berliner Wohnung sogenannte Schlafgänger - in der Regel Schichtarbeiter, die bei Wohnungsinhabern tagsüber für ein paar Stunden gegen Geld ein Bett mieteten. Einige Betten hielten sogar im Achtstundentakt für mehrere Personen her. So lange, bis die Wohnungsinhaber sie selbst brauchten. Erholsam war das nicht mehr. Immer häufiger diagnostizierten die Ärzte Neurasthenie, eine Vorstufe des modernen Burnout-Syndroms.

Schlaf lässt sich nicht erzwingen

Die Symptome - Reizbarkeit, Erschöpfung oder Melancholie - ähneln denen, die Betroffene von chronischen Schlafstörungen auch heute beschreiben. Dass Schlaf noch immer in eine feste Alltagsstruktur gepresst wird, gilt mittlerweile aber als Grundübel. Schlaftherapeuten versuchen deshalb, ihren Patienten Strategien für mehr Gelassenheit an die Hand zu geben. "Wir müssen akzeptieren, dass wir nicht wie ein Uhrwerk schlafen können, sondern auch zwischendurch mal aufwachen", sagt Neurowissenschaftler Clemens Speth von der MediClin Baar Klinik in Königsfeld im Schwarzwald. "Das ist völlig normal."

Den Betroffenen über Jahre gelernte Verhaltensweisen auszutreiben, ist allerdings ein denkbar ehrgeiziges Ziel. Zubettgeh- und Aufstehzeiten, Ernährung oder Stressfaktoren sind meist tief im Alltag verwurzelt - und werden in der Wahrnehmung der Patienten oft überhaupt nicht als schädlich empfunden. Beispiel Schlafzimmer. Im Medienzeitalter verliert auch dieser letzte Rückzugsort der Schlafenden seinen Status als Ruheoase. Im Bett noch schnell die E-Mails checken, auf Facebook surfen oder eine Episode der Lieblingsserie anschauen - das alles kann ein schnelles Einschlafen behindern. Und das Bett verkommt zum profanen Liegemöbel.

Bett als geschützten Raum wahrnehmen

"Ziel ist es, das Bett wieder als Ort der Entspannung wahrzunehmen", erklärt Schlaftherapeut Speth. "Wer das nicht kann, weil ihn Sorgengedanken plagen, der sollte aufstehen und etwas Angenehmes machen - auf keinen Fall lange im Bett liegen bleiben und grübeln. Wenn man angespannt im Bett liegt, lernt man, dass das Bett der Ort ist, wo man Sorgen nachhängt und nicht schlafen kann." Also kurz vor drei Uhr in der Nacht das Ravensburger Riesenpuzzle fertigstellen - wieso eigentlich nicht?

Schon vor einigen Jahren legte der US-Historiker Roger Ekirch anhand von zahlreichen historischen Quellen die Annahme nahe, dass es womöglich früher nicht anders war. Vor der industriellen Revolution, so Ekirch, war der zweiphasige Schlaf die Regel anstatt eine Ausnahme. Die Nachtstunden waren in zwei Blöcke eingeteilt - mit einer etwa ein- bis zweistündigen Wachphase dazwischen, in der genug Zeit war für mehr oder weniger geistreiche Gespräche, zum Studieren oder für Sex. Die Kirche empfahl für diese wache Nachtstunde übrigens das Beten. Nicht zufällig, so argumentiert Ekirch, gibt es in vielen alten Gebetsbüchern entsprechende Widmungen.

Der Blick zurück kann also durchaus lohnen, um den eigenen Schlafrhythmus wiederzufinden. Ganz anders übrigens als gängige Hilfsmittel, wie Clemens Speth warnt. Weder der alkoholische Schlummertrunk vorm Schlafengehen noch selbstverordnete Schlafmittel - homöopathisch oder nicht - seien auf lange Sicht ratsam. Während Alkohol die Nacht verkürze, könnten Schlafmittel zwar "kurzfristig sinnvoll sein", so der Therapeut. "Um Schlafstörungen langfristig zu behandeln, gibt es aber oft andere Möglichkeiten. Wenn man Probleme mit dem Schlaf hat, sollte man Schlafmittel immer nur auf ärztlichen Rat hin einnehmen."

Quelle: n-tv.de

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