Leben

Männer? Die Kolumne. Gewalt ist kein Männermonopol

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Bei Hirschen erreicht der Testosteronspiegel zur Brunftzeit seinen Höchststand - aus einstigen Rudelgenossen werden dann erbitterte Gegner.

(Foto: imago/blickwinkel)

Sage und schreibe 94 Prozent aller Strafgefangenen sind männlich - und hinter blutigen Morden steckt meistens ein Mann. Das sagt doch schon alles über den Ursprung von Gewalt aus. Oder etwa doch nicht?

Die "Zeit" hat vor kurzem mit einer Frage aufgemacht, auf die es gefühlt nur eine Antwort gibt: "Ist Aggression männlich?" Ja klar, dachte ich, und hätte dabei nicht einmal die mitgelieferten Fakten gebraucht, um mich festzulegen. Dabei sprechen die für sich: 2017 verzeichnete das Bundeskriminalamt insgesamt mehr als 77.000 Fälle von Körperverletzungen in Beziehungen, bei denen Männer die Täter waren. Männer morden 27 Mal so häufig wie Frauen, und sage und schreibe 94 Prozent aller Strafgefangenen sind männlich.

Am Testosteron, wie so oft vermutet, liegt es allerdings nicht - oder jedenfalls nicht so richtig: Der Stoff wird zwar als "Aggressions-Hormon" bezeichnet, hat aber wohl eher mit "Dominanzverhalten in Wettbewerbssituationen" und weniger mit Aggression zu tun, wollen Forscher vom Trinity College in Dublin herausgefunden haben. Wir Männer sind also nicht einhundert Mal so aggressiv wie Frauen, nur weil in unseren Blutkreisläufen bis zu einhundert Mal so viel Testosteron herumschwimmt. Puh, nochmal Glück gehabt. Aber was steckt dann hinter dem eklatanten Unterschied zwischen den Geschlechtern?

Im Grunde genommen gibt es ihn gar nicht, wenn man den Ergebnissen einer Umfrage des Berliner Politikwissenschaftlers Peter Döge glaubt: Döge hat knapp 2500 Männer und Frauen zu ihren Erfahrungen befragt und herausgefunden, dass sowohl ein Viertel aller Frauen als auch ein Viertel aller Männer bereits mindestens einmal Gewalt in Beziehungen erfahren hat. Dass Aggression dennoch als überwiegend männliche Eigenschaft empfunden wird, hat einen erstaunlich simplen Grund: Frauen stellen sich einfach geschickter an.

Gewalttätige Kindergeschichten

Ich kann mich ziemlich gut daran erinnern, dass ich diese Lektion schon als Kind gelernt habe. Wir waren damals häufig zu viert unterwegs: Meine Schwester, die beiden Nachbarsmädchen und ich. Das lief manchmal harmonisch ab, meistens aber nicht. Besonders gut erinnere ich mich an einen Streit, der typisch für uns war: Die Mädels hatten mich mit irgendwas aufgezogen, ich spürte heiße Wut in mir aufwallen und schlug um mich, ohne darauf zu achten, was um mich herum noch so passierte. Was ziemlich blöd war, weil die Eltern am anderen Ende des Gartens saßen und genau sehen konnten, was sich bei uns abspielte.

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90 Prozent des körpereigenen Testosterons wird bei Männern in den Hoden gebildet.

(Foto: imago/UIG)

Ich wurde - völlig zu Recht - gemaßregelt und musste mich entschuldigen. Also reichte ich der älteren der beiden Nachbarsmädchen zerknirscht die Hand, meine Eltern nickten zufrieden und machten sich vom Acker. Kaum waren die Friedenshüter um die Ecke, zog mich die Nachbarin an unseren noch immer ineinander verschränkten Händen zu sich heran und pfefferte mir gleichzeitig ihr Knie mit voller Wucht in den Unterleib. Eine Aktion, die mein Frauenbild auf Jahre prägte - aber das ist Stoff für eine andere Kolumne.

Auch wenn das nur eine Kindergeschichte sein mag, verbildlicht sie doch ziemlich gut die Ergebnisse aus Döges Umfrage: Die zeigen, dass sich Frauen und Männer bei der Anwendung von leichter und mittelschwerer Gewalt (Werfen mit Gegenständen, Schlagen mit der flachen Hand) nichts schenken - bei all den Sachen also, die im Normalfall nicht angezeigt werden. Die wirklich krassen Fälle, die es bis in die Zeitung schaffen oder vor Gericht kommen, werden indes tatsächlich en gros von Männern begangen.

147 Frauen wurden 2016 von ihren Partnern oder Ex-Partnern getötet. Jeder Fall ist ein Fall zu viel und durch nichts kleinzurechnen. Doch diese häufig brutal verübten Morde entfalten auch eine derart düstere Strahlkraft, dass der große Rest der Gewalttaten fast zwangsläufig aus dem Blickfeld gerät. Denn auch Frauen morden: Werden Taten erst später und durch Zufall aufgeklärt, weil nur wenige Spuren hinterlassen wurden, entpuppt sich in der Regel eine Frau als Täterin. Ersticken, erstechen, vergiften, ist der Dreiklang, der ertönt, wenn Frauen töten.

Das klingt zwar alles reichlich düster, es gibt aber auch Grund zur Hoffnung - nie zuvor ging es in deutschen Schlafzimmern so friedlich zu wie heute. Einen großen Anteil daran hat die fortschreitende Gleichberechtigung: Je egalitärer eine Gesellschaft strukturiert ist, desto niedriger ist die Gewalt an Frauen, haben Forscher herausgefunden. "Die Veränderung von Geschlechterrollen reduziert Aggression und Gewalt bei Männern", konstatiert der Psychologe Martin Rettenberger. Und stellt gleichzeitig eine Emanzipation der Gewalt fest. Frauen gleichen sich also bei der Wahl ihrer Mittel den Männern immer weiter an. Adieu, Geschicklichkeit. Adieu, Perfidie. Hallo, Stumpf.

Quelle: n-tv.de

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