Leben

Tiefe Beziehungskrise Ich hasse mein Smartphone

imago74571075h.jpg

Wenn die Liebe zum Smartphone endet, bleibt manchem nur die Kreissäge.

(Foto: imago/Ikon Images)

Seitdem es Smartphones gibt, hat sich unser Leben verändert. Alles ist so viel einfacher geworden! Für unseren Autor ist das aber nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen gibt es viele, viele Probleme. Protokoll einer Klagerede.

Smartphone, wir müssen reden. Ich weiß, ich habe lange nach dir gesucht, bis ich dich endlich in meine Hände schließen konnte. Du hast das perfekte Preisleistungsverhältnis, du bist Mrs Right. Was war ich glücklich! Endlich nicht mehr so eine lahme Krücke wie zuvor, sondern ein scharfes Gerät mit ein bisschen Power unter der Haube! Eines, in dem die Landkarten zügig geladen werden und die Apps flutschen.

Facebook_Veranstaltungen.jpg

XY interessiert sich für eine Veranstaltung in deiner Nähe.

(Foto: n-tv.de)

Tja, der Honeymoon ist nun so langsam vorbei. Ich muss sagen, du gehst mir eigentlich nur noch auf die Nerven. Gäbe es die App von n-tv nicht (Hallo Chef!), ich würde Schluss machen mit dir. Ständig nervst du mich mit deinem verdammten Vibrationsalarm. Immer ist irgendwas, auf Facebook denkt jemand darüber nach, zu einer (mich absolut nicht interessierenden) Veranstaltung in meiner Nähe zu gehen, ah, und jemand hat mir eine E-Mail geschrieben.

Ich weiß, ich könnte diese Benachrichtigungen auch abschalten. Aber damit wäre noch nicht alles wieder gut zwischen uns. Denn du hast eine meiner anderen Geliebten auf dem Gewissen. Meine Armbanduhr. Die hatte ein - wie ich fand - cooles, silbernes, dickes Gehäuse, dazu ein dickes schwarzes Lederband. Es gab Zeiten, da habe ich mich nackt gefühlt, wenn ich nicht mit meinem Chronometer aus dem Haus gegangen bin.

Nicht nur die Armbanduhr ist futsch

Und jetzt? Liegt sie irgendwo hinten in der obersten Schreibtischschublade, die Zeiger stehen still, eine neue Batterie wäre fällig. Früher fragte ich mich manchmal, wie spät es wohl ist. Dann schob ich meinen linken Ärmel hoch oder manövrierte ihn durch eine Schüttelbewegung am erhobenen Arm in Richtung Ellbogen. Die Zeiger blitzten mir zu. Mit einem Blick sah ich, dass ich schon wieder zu spät dran war.

Heute greife ich stattdessen alle zehn Minuten in meine Hosentasche und krame dich hervor. Wenn dein Display nicht sofort die Uhrzeit anzeigt, muss ich erst einen der Knöpfe an deiner Seite drücken. Dann steht dort, wie spät es ist und dass ich drei Nachrichten auf Facebook und vier neue E-Mails habe. Also swipe ich mich gleich wieder in dich hinein und checke, wer mir da was geschrieben hat. Ah, jemand interessiert sich für eine Veranstaltung in meiner Nähe, die mich auch interessieren könnte.

Ach, und da ist noch die Sache mit der Musik. Ja, natürlich fand ich es anfangs cool, dass ich überall mit meinem Streamingdienst sämtliche Lieblingssongs hören kann. Ob in der Bahn, im Auto, auf dem Fahrrad. Aber weißt du was? Neulich war mal dein (leider gigantisch großer) Akku leer und ich ging ohne Kopfhörer durch die Straßen. Dann summte und pfiff ich ein Lied - etwas, was mir zwar möglicherweise schiefe Blicke eingebracht hat, aber irgendwie auch Spaß gemacht hat.

Und zuhause warten Hunderte CDs im Regal darauf, mal wieder gehört zu werden. Eigentlich waren das mal meine Freunde. Dafür fummele ich jetzt mit Kabel oder WLan-Adapter herum, um deine dünnen MP3s über meine 80-Watt-Boxen zu streamen. Du hast mich so faul werden lassen, dass ich nicht mal mehr Lust habe, die CDs aufzulegen, die ich mal für 35 DM gekauft habe.

Ich weiß, was du sagen wirst

Und fernsehen kann ich leider auch nicht mehr so richtig. Klar, ich habe auch eine Videostreaming-App und es war neulich schön, im Hotelzimmerbett noch eine Folge der Lieblingsserie gucken zu können. Leider kann ich aber nicht mehr ungestört normal die Glotze einschalten und - sagen wir - ein Fußballspiel verfolgen. Selbst wenn da Thomas Müller und Marco Reus dem Ball hinterhergrätschen, hole ich irgendwann zwischen dem Querpass am Mittelkreis und dem nach hinten ausgeführten Einwurf dich aus der Hosentasche und schaue, was es so für mich nicht interessierende Veranstaltungen in meiner Nähe gibt.

Könnte ja etwas Wichtiges  dabei sein. Und dann schrecke ich Minuten später auf, wenn der Kommentator ausrastend das Fallen eines Tores verkündet. Mir bleibt dann nur die Zeitlupe ohne jede Spannung. Ich weiß, was du jetzt sagen willst und du hast Recht. Du willst sagen, dass ich das doch alles selbst entscheiden kann, beim Fußballgucken könnte ich das Handy doch in einen anderen Raum legen. Niemand hindert mich, Bruce Springsteen auch über CD zu hören oder eine neue Batterie in meine Armbanduhr einsetzen zu lassen. Wenn es doch nur so einfach wäre!

Moment, was sagst du? Das wolltest du mir gar nicht sagen? Ach so, lass mal sehen. Aha, morgen interessiert sich ein entfernter Bekannter für eine Veranstaltung in meiner Nähe. Das ist ja hochinteressant. Sag mal, worüber haben wir gerade nochmal gesprochen? Ach, lass gut sein. Bis später.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema