Leben

Inszenierte und gepflegte Bärte Im Barbershop ist man(n) einfach Mann

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Bärte liegen im Trend und somit gehen immer mehr Männer in die Barbershops.

(Foto: picture alliance / dpa)

Seit Vollbärte wieder total angesagt sind, eröffnet ein Barbershop nach dem anderen in Deutschland. Die neue männliche Lust an opulenter Gesichtsbehaarung braucht besondere Pflege und Räume, in denen Frauen nicht unbedingt erwünscht sind.

Nachdem der Berliner Tarik Yakar immer wieder beobachtet hatte, dass sich Deutsche nicht in türkische Barbierläden in Kreuzberg oder Neukölln trauten, überlegte er, wie er die unsichtbare Mauer überwinden könnte. Denn schließlich: "Warum sollen nur die türkischen oder arabischen Männer diesen Luxus kriegen?" Und so eröffnete er Ende 2013 sein Geschäft in der Zillestraße 79 im gutbürgerlichen Charlottenburg. "Die Deutschen haben es doch auch verdient, gut auszusehen", sagt er augenzwinkernd. "Unser Traum war es, die Brücke zu schlagen zwischen der neuen deutschen und der traditionellen Friseurkultur."

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Tarik Yakar will einen Barbarshop für alle Männer anbieten.

(Foto: Thomas Schmoll)

Das Konzept ging auf. Tarik Yakar, der das Geschäft mit seinem jüngeren Bruder Furkan betreibt, klagt - im Gegensatz zu manchem Friseur - weder über Kundenmangel noch über Umsatz. Die Geschwister haben mehrere Angestellte, die wie sie selbst mit größtem Vergnügen Männern die Bärte richten. "Die allermeisten sind Stammkunden, von denen viele alle zwei Wochen kommen", sagt Furkan Yakar. Die türkischstämmigen Unternehmer gehören mit zu den Ersten, die in Berlin einen Barbiershop außerhalb der von Einwandererfamilien dominierten Bezirke aufmachten. "Hier ist keiner Deutscher, Türke, Araber oder was auch immer. Hier ist man einfach ein Mann", lautet das Motto der Brüder.

Durch opulente Gesichtsbehaarung zu signalisieren, "einfach ein Mann" zu sein, ist seit vielen Jahren total angesagt und beschränkt sich längst nicht mehr nur auf Hipster. Dem Trend folgte der Boom der Barbershops, der inzwischen auch Kleinstädte erreicht. Ivan Shabo führt zwei Barbershops in Greifswald und einen in Stralsund. 80 Prozent der Kosmetikartikel seien auf Frauen zugeschnitten, sagt er. "Beauty ist nicht mehr nur Sache der Frauen, sondern ein allgemeines Ding. Mit einem Bart, der der Gesichtsform schön angepasst ist, kann man eine Menge erreichen."

Produktpalette zur Bartpflege wächst

Rund um den Wuschel-Kult hat sich eine regelrechte Industrie für Bartpflege entwickelt. Konzerne wie L'Oréal sind längst auf den Zug aufgesprungen. Aber auch junge Unternehmen profitieren davon. Lexxa Dr. Dittmar & Schmidt in Rheinland-Pfalz bietet alles, was Männer und deren Schädel begehren. Die Brooklyn Soap Company in Hamburg verkauft ebenfalls Produkte rund um die Bartpflege: "Natürlich und ohne Mikroplastik, Parabene, Silikone, Schaumverstärker, Tierversuche oder anderen Bullshit."

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Für viele Männer ein besonderer Ort: Der Barbershop.

(Foto: Thomas Schmoll)

Michael Ziegler träumte immer von einer eigenen Firma, die Artikel zur Züchtigung des männlichen Gesichtshaarwuchses herstellt. Vor fünf Jahren gründete er Razuro mit Sitz im unterfränkischen Marktheidenfeld nahe Würzburg. "Ich hatte Glück, dass der Start mit dem Bart-Boom zusammen fiel", sagt er. Mit seinen Produkten zielt Ziegler auf Männer ab, "die sich etwas Edles gönnen". Man könnte auch sagen: Razuro bewegt sich überwiegend im Luxusbereich. Zieglers handgefertigte Rasiermesser mit Carbonstahl-Klingen aus Solingen kosten 329 Euro, die limitierte "Patina Edition" für 559 Euro das Stück ist ausverkauft. "Das kaufen gerne Frauen als Geschenk für ihre Männer."

Doch der Boom hat auch seine Kehrseite. Anders als Friseure machen Barbieren bisher keine Billigketten zu schaffen. Deshalb nennt sich der eine oder andere Friseur plötzlich Barbershop, was Leute wie den Greifswalder Ivan Shabo nervt. "Der Wildwuchs ist stark", sagt er und meint damit ausnahmsweise keine Männerhaare, sondern Friseure, die Barbierläden aufmachen, ohne den Meisterbrief in der Tasche zu haben. Die Handwerksordnung bietet tatsächlich dazu Möglichkeiten, etwa wenn der Anbieter sich auf Männerkundschaft beschränkt. "Wenn es überhaupt welche gibt, sind die Kontrollen ungenügend", sagt Shabo.

Diejenigen, die sich als die "echten" Barbiere verstehen, ärgert es zudem, dass das Bartschneiden nicht zur Ausbildung eines Friseurs gehört und ihr Handwerk von den Industrie- und Handelskammern nicht als eigenständiger Beruf anerkannt ist. Die Yakar-Brüder finden es schade, dass in Deutschland "diese Messerkunst" fast vollständig verloren gegangen sei. "Bei der Ausbildung schneidet man immer nur Haare, aber keinen einzigen Bart", sagt Furkan Yakar.

Im Guinnes-Buch der Rekorde

Sein großer Bruder brachte ihm als Meister sowohl das Haar- als auch das Bartschneiden bei. Mit Erfolg: Der 23-jährige Furkan stutzte vergangenen Oktober mit dem Elektrorasierer in einer Stunde 69 Kerlen den Bart und schaffte es damit ins Guinness-Buch der Rekorde. Gibt es manchmal Unfälle mit dem Rasiermesser, wie man sie aus Western kennt? "Nein", sagt er und lacht. "Selten einen kleinen Kratzer. Aber nichts Schlimmes. Sonst würde doch keiner wiederkommen."

Und was, wenn eine Frau kommt? "Nee, machen wir nicht", sagt Furkan Yakar, den die Frage überrascht. "Unser Konzept basiert nur auf Männern. Käme eine Frau, käme noch eine und dann noch eine - dann sind wir doch kein Barbershop mehr." Frauen in Begleitung von Kerlen seien natürlich willkommen. "Wir schicken keine Frauen aus dem Laden."

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Alex Torreto betreibt einen Barbershop in Frankfurt/Main.

(Foto: Thomas Schmoll)

Da ist Alex Torreto, der seinen Barbershop in der Innenstadt von Frankfurt/Main hat und selbst Vollbart trägt, weniger zimperlich. "Alles, was die Menschen früher einmal gemacht haben, kommt wieder", erklärt er den Boom der Barbierläden. Torreto, der griechische Wurzeln hat, versteht sich als Vertreter einer "alten Schule", wie er auf seiner englischsprachigen Website erläutert, die sich den "besonderen Werten" der traditionellen Barbierkunst verschrieben hat. Was bei ihm den Ausschluss von Frauen beinhaltet. Gleich draußen an der Tür seines Ladens werden sie aufgefordert, nicht einzutreten.

"Die Männer, die zu uns kommen, sind Erwachsene, die wissen, was sie wollen und keine Kinder, deren Mutter sagen muss, wie die Frisur aussehen soll. Bei uns haben Männer einen Ort, an dem sie Männer sein und unter sich sein können." Und damit kommen Kunden klar? "Nicht alle. Einige gehen wieder", sagt der Barbier. Manche Frau finde es super, weil sie nun in Ruhe einkaufen gehen könne, "während ihr Mann für sie schön gemacht wird".

Torreto gehört zu denen, die glauben, die fulminante Rückkehr des Bartes sei eine Kampfansage verunsicherter Männer an die emanzipierte Frauenwelt. Der optische Unterscheid als Statement sozusagen. "Der Bart liegt immer dann voll im Trend, wenn die Autorität des Mannes in Frage gestellt wird", glaubt er. Was momentan der Fall sei. "Gegen Multikulti und Frauengleichstellung habe ich nichts. Aber der Mann braucht ab und an ein bisschen Zeit für sich. Nur darum geht es mir." Und deshalb will er die Regel nicht ändern, die da lautet: Eintritt für Frauen verboten!

Quelle: n-tv.de

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