Leben

Aus der Schmoll-Ecke Jörg Pilawa träumt sich die AfD weg

Der Moderator Jörg Pilawa trauert seinem Medizinstudium nicht nach. Foto: Henning Kaiser/Archiv

Jörg Pilawa moderiert das "Quizduell" in der ARD.

(Foto: Henning Kaiser/Archiv)

Im ARD-"Quizduell" beamt sich Herr Pilawa in die Zeit vor der AfD zurück. Ein Fauxpas, wie ihn die Welt selten erlebt hat. Genauso crazy wie der Semperopernball, dem unser Kolumnist als Tellerwäscher abgesagt hat - aus Solidarität mit Fußball spielenden Kindern.

Extrem geschätzte Leserschaft, ich beginne mein kolumnistisches Manifest heute mit einem Satz wie Donnerhall, so erfrischend wie die Jungmodels bei Heidi Klum, der ich - das nebenbei - dieses Jahr absagen musste als Jurymitglied, weil ich zur Fleischbeschau lieber in einen der Burger-Läden gehe, die hier in Berlin gerade wie Pilze aus dem Boden schießen - was für ein dämlicher Vergleich! -, und einen lecker Doppelklopper verspeise, den ich ausdrücklich mit Ketchup aus biologisch angebauten Tomaten garniere, damit ich kein schlechtes Gewissen haben muss, da Rinder ja nun einmal sehr gerne Flatulenzen Richtung Himmel jagen, was besonders gemein ist, wenn die umweltschädlichen Furze Fallschirmspringern entgegenfliegen, die dann vor Schreck aus allen Wolken fallen.

An der Stelle habe ich jetzt mal einen Punkt gemacht in Erinnerung an meinen viel zu früh verstorbenen Vater, der gerne zu mir sagte: Nun mach mal einen Punkt, Junge! Recht hatte er. Ursprünglich hatte ich vor, eine Kolumne aus einem Guss, was heißt, aus nur einem einzigen Satz, zu schreiben, mit der ich in die Weltgeschichte eingegangen wäre als der Kolumnenschreiber, der eine Kolumne aus nur einem Satz schrieb. Die Nachwelt hätte mich gefeiert. Aber ich bin viel zu bescheiden, weshalb ich das Projekt der einsätzigen Kolumne abgebrochen habe.

Nun habe ich schon sehr viel geschrieben, ohne dass Sie wissen, wie der Satz lautet, den ich zu Beginn ankündigte, was Sie sicher schon wieder vergessen haben, falls Sie es überhaupt bis hierher geschafft haben. Hier ist er also, der Satz wie Donnerhall: Wie sich die Zeiten doch ändern! Wow! Da hat sich das Durchhalten doch gelohnt, oder? Wie sich die Zeiten doch ändern. Früher war es nicht schicklich, dass Frauen Männer in Hotelzimmern besuchten, da angenommen wurde, dass es sich um Nutten handelte. Mir persönlich war das schon immer egal, da ich es nicht mitbekam. Aber das ist eine andere Geschichte.

Fußballer, Friseure und Hotelzimmer

Heute werden Männer dafür gescholten, wenn sie Friseure auf dem Hotelzimmer empfangen. Ich weiß nicht, ob sie es mitbekommen haben, aber die Spieler von RB Leipzig haben diese Missetat vor einem Match gegen Eintracht Frankfurt begangen, was ihr Trainer Julian Nagelsmann, dessen Vorfahren - daher der Name - einst Jesus ans Kreuz hämmerten, bescheuert fand. Genauso wie sein Vorgänger Ralf Rangnick - also der Vorgänger von Nagelsmann und nicht der von Jesus -, der sagte: "Ich hätte 100.000 Euro darauf gewettet, dass unsere Spieler keinen Star-Friseur aus England einfliegen lassen, um sich im Hotel die Haare machen zu lassen." Nee? Aber Fußballprofis essen doch auch vergoldete Steaks.

Ich wusste lange nicht, wo das Problem lag, dass Nagelsmann und Rangnick an der Stelle hatten, und rätselte, ob die jungen Männer vielleicht zum vereinseigenen Barber gehen müssen, damit der Red-Bull-Konzern ein wenig Geld verdient, oder - ich habe wenig Ahnung von Fußball - frisch geschnippelte Zotteln das Kopfballmachen erschweren. Bis ich darauf kam, dass sich die Kritik auf die Fortbewegungsmethode des Friseurs bezog, da dieser nicht nach Frankfurt gesegelt, sondern mittels Flugzeug angereist war. Nagelsmann - er hat wegen seiner den Jesus sehr schlecht behandelnden Ahnen bei der Welt etwas gutzumachen - und Rangnick dachten bestimmt an den Klimaschutz. Gut so. Ich habe den Appell verstanden und meinem Friseur, der auf den Fidschi-Inseln lebt, die Hälfte der Termine 2020 abgesagt - wie übrigens auch dem Semperopernball in Dresden, der mich als Wortakrobat engagiert hatte.

Ja, richtig gelesen, ich habe um Vertragsauflösung gebeten, um ein Zeichen zu setzen. Wegen des fiesen Ägypters. Ich protestiere aber auch dagegen, weil nun kein Vater mehr reinen Herzens seinem Fußball spielenden Buben zurufen kann: "Junge, geh zum Ball!" Das wäre politisch angreifbar, da es wie eine Unterstützung des fiesen Ägypters aussehen könnte, was noch schlimmer ist, als sich Friseure aus England einfliegen zu lassen. Das ist mindestens so übel, wie Asiaten pauschal zu verdächtigen, die Pest oder das Coronavirus an den Hacken zu haben.

Neulich klickte ich im Internet auf eine Werbung für eine Tanztruppe namens "Shen Yun", weil ich wissen wollte, ob und wenn ja, wie die mit dem Virus PR-technisch umgehen. Und prompt empfing mich der gefettete Hinweis: "Shen Yun kommt nicht aus China." Dann weiter in normaler Schrift: "Shen Yun hat seinen Sitz in New York. Es ist nicht vom Coronavirus betroffen." Das nenne ich mal Glück für New York, das hat bestimmt der tolle Präsident geschafft: Make the Coronavirus little again! Doch wenn New York nicht betroffen ist, gilt das dann auch für das hopsende Ensemble? Mehr Sorgfalt bei Formulierungen, kann ich da nur raten.

Amerikaner, Chinesen und das Coronavirus

Ich finde, es passt in diese Welt zunehmenden Wahnsinns. Die Arme und Beine schwingenden Amerikaner legen Wert auf die Feststellung, keine Chinesen zu sein, machen aber zugleich voll auf Chinesen. Auf der Website bezeichnet sich die hopsende Truppe als "das weltbeste Ensemble für klassischen chinesischen Tanz". Soll niemand mehr sagen, dass sich Amerikaner nicht bescheiden könnten. Sie hätten auch den Donald machen können und "das beste Ensemble für klassischen chinesischen Tanz des gesamten Universums" schreiben können. Oder noch besser: "außerhalb der ganz schlimmen Coronavirus-Zentren".

Wer hat die hopsende Truppe eigentlich zum weltbesten Ensemble erklärt? Es war Dr. Michael Meister, parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesfinanzminister. Auf der Website der Hopsetruppe wird er wie folgt zitiert: "Shen Yun ist die Perfektion in allem: dem Tanz, dem Gesang und der Musik. Das Zusammenspiel der Künstler ist auf dem allerhöchsten Niveau." Vielleicht wollte er sagen: "Die große Koalition ist die Perfektion in allem: dem Tanz, dem Gesang und der Musik. Das Zusammenspiel der Künstler ist auf dem allerhöchsten Niveau." Ein Freudscher Versprecher. Kann passieren.

Wie auch immer: Ich habe mir die Trailer zu den Tourneen 2019 und 2020 angeschaut und beschlossen, nicht hinzugehen. Ich hole mir das Coronavirus lieber in der Philharmonie. Dass die hopsende Truppe so tut, als sei ihre Gehopse weltweit einzigartig, ist seltsam. So was Ähnliches habe ich schon als Kind in der Ostzone im chinesischen Staatszirkus und 7000 Mal beim Zappen gesehen. Nur dass die Ami-Hopsetruppe ihr Gehopse amimäßig aufgemotzt hat. Die angeblich "herrlich lebendige Musik mit emotionaler Breite" klingt wie das übliche Musical-Getöne: bieder und langweilig. Nee, macht mal ohne mich.

Ich schaue lieber das "Quizduell" in der ARD, weil ich das Lachen der klugen Frau, die da immer sitzt, mag und weil man dort beobachten kann, wie sich Moderator Jörg Pilawa in eine Welt ohne AfD wegträumt. Kürzlich sah ich ein paar Minuten zu. Eine Frage lautete, was die "Berliner Stunde" sei. Ex-Fußballmanager Reiner Calmund als "Prominenter" und die lächelnde Kluge wussten es. Die "Berliner Stunde" legt fest, wie viel Redezeit eine Fraktion - entsprechend der Mehrheitsverhältnisse - im Bundestag hat. Pilawa, dessen Team den Wikipedia-Eintrag hätte genauer lesen sollen, erklärte bei der Auflösung: "Dann hat bei der momentanen Wahlergebnis- und Sitzverteilung im Bundestag die CDU/CSU 27 Minuten, die SPD 17 Minuten, Linke und Grüne je 8 Minuten." Zwischendurch sagte Calmund: "Ja, ja." Wie bitte?! Das war die Aufteilung vor der Bundestagswahl 2017. Inzwischen sind AfD und FDP im Bundestag vertreten und dürfen dort sogar mitreden. Niemand protestierte und zerstörte Pilawas Traum.

Quelle: ntv.de